Monotropismus-Hypothese – die sieben autistischen Besonderheiten erklärt für Kinder und Jugendliche

 

Heute will ich dir zeigen, wie nach der Monotropismus-Hypothese Autismus erklärt wird. Wer weiss, vielleicht hast du ja vor kurzer Zeit herausgefunden, dass du selber autistisch bist oder du kennst jemanden, für den das zutrifft und willst mehr darüber wissen. Natürlich behaupte ich nicht, dass die Monotropismus-Hypothese dir alle Fragen beantworten wird. Autismus ist ja nicht gleich Autismus. Jeder Mensch ist einzigartig. Aber vielleicht findest du doch einige Antworten – das wäre schön.

 

Die Monotropismus-Hypothese

Die drei wichtigsten Forscher rund um die Monotropismus-Hypothese heissen Lawson, Murray und Lesser. Sie gehen davon aus, dass bei Autismus die Hirnstrukturen etwas anders sind. Sie sind aber ganz klar der Meinung, dass diese Hirnstrukturen auch richtig sind, nur halt etwas anders.

 

“Während “neurotypische” (nicht-autistische) Menschen in der Lage seien, sich auf viele Aktivitäten und Interessensgebiete gleichzeitig zu konzentrieren, ihre Aufmerksamkeit flexibel anzuwenden und zu verteilen, würden Autist(inn)en hingegen ein breites Feld an Informationen “ignorieren” und nur wenige Interessen fokussieren (…).” Georg Theunissen (Attwood zit. n. Lawson 2011, 101.)

 

Die Konzentration auf diese wenigen Interessen ist dafür viel intensiver. Darum nennt sich das auch Monotropismus. 

 

„Monos ist griechisch und bedeutet ein, einzig, allein – poly heisst viel, mehr verschiedene.“

 

Monotropismus ist also die Konzentration auf etwas – Polytropismus auf vieles. Zwei unterschiedliche Wahrnehmungen. Beides nicht falsch und mit Vor- und Nachteilen.

 

Wie man einen Kuchen bäckt 

Nicht-autistische Menschen können sich also auf ganz viele Sachen gleichzeitig konzentrieren und bleiben aufmerksam. Für das Backen eines Kuchens würde das heissen, dass die Butter schon eine Stunde vorher aus dem Kühlschrank genommen wird. Und während der Backofen aufheizt, sucht man alle Zutaten hervor. Als erstes beginnt man die Schokolade im Wasserbad zu schmelzen. Daneben mischt man Eier, Butter, Zucker und Mehl und kontrolliert immer wieder, ob das Wasser im Wasserbad für die Schokolade nicht kocht. Bei meiner Mutter ist die Küche nach dem Backen auch schon wieder tip top aufgeräumt, da sie kleine Pausen sofort dafür nutzt. Aber wir wollen es nun nicht übertreiben, denn auch mit monotropistischer Wahrnehmung gibt es Grenzen. So sieht die Küche danach trotzdem oft wie ein Schlachtfeld aus. (Jedenfalls bei meinem Mann 😉 . Aber was er kocht, ist göttlich.) Es laufen also ganz viele Handlungen gleichzeitig. Das entspricht vermutlich eher den Hirnstrukturen nicht-autistischer Menschen.

Autist(inn)en hingegen entgehen Informationen, weil sie sich auf wenige und für sie wichtige Sachen fokussieren. Dieses Phänomen nennt man darum Tunnelblick. Es wäre nun aber falsch zu behaupten, dass dies generell schlechter sei. Der Tunnelblick hat auch grosse Vorteile. Was in diesem Tunnelblick nämlich Platz hat, wird viel intensiver wahrgenommen und ist somit auch eine grosse Begabung, auch wenn man nur den Tunnel-Ausschnitt im Visier hat und das Rundherum wie verschwindet. Während also Autist(inn)en möglicherweise einen Kuchen akribisch genau nach Rezept backen und vielleicht etwas spät bemerken, dass ja der Backofen nicht vorgeheizt ist und somit alles nochmals 10 Minuten länger dauert, werden Details erkannt, die nicht-autistischen Menschen doch auch mal entgehen, weil sie gerade zehn Sachen gleichzeitig in rasantem Tempo erledigen. Ein autistischer Tunnelblick jedoch bemerkt vielleicht, wann die geschmolzene Schokolade die perfekteste Konsistenz hat, erkennt, ob die Eimasse wirklich gut geschlagen und hellgelb aussieht, bringt perfekten Eischnee zustande, weil das Gefäss vorher sicher gut gereinigt wurde. Die Küche hingegen, die kann auch danach aufgeräumt werden oder nach einer Erholungspause – klar.

 

Ich möchte damit überhaupt nicht andeuten, dass das Backen eher zu nicht-autistischen Menschen passt, weil doch so vieles gleichzeitig läuft. Klar wird es Autist(inn)en geben, denen gerade „darum“ das Backen keine Freude bereitet. Aber durch Leidenschaft und Tunnelblick könnte mit etwas Routine durchaus einem angehenden Genie der Weg zum Erfolg geebnet werden. Mit Autismus. Oder gerade durch den Autismus?

 

Die sieben Besonderheiten des Autismus-Spektrums – erklärt für Kinder und Jugendliche nach der Monotropismus-Hypothese

1. Warum interessieren sich meine autistischen Kinder für aussergewöhnliche Sachen?

Autist(inn)en haben eine grosse Begabung. Durch den Tunnelblick erfassen sie scheinbare Kleinigkeiten, die nicht-autistischen Menschen entgehen. Mein 7-jähriger Sohn mit atypischem Autismus interessiert sich sehr für Hochspannungsleitungen. So spazieren wir oftmals den Hochspannungsleitungen entlang und machen dann bei einem Mast Pause. Zu Hause werden dann YouTube Sequenzen zu genau dem Thema angeschaut. Ich kenne kein weiteres Kind, das sich genau für das interessiert: Hochspannungsleitungen. Aber durch die monotropistische Wahrnehmung rückt plötzlich ein für uns unscheinbares oder gar störendes Detail ins Zentrum.

 

 

 

2. Warum ist das Lernen in der Schule manchmal so herausfordernd?

Autistische Kinder brauchen in der Schule oftmals etwas anderes als nicht-autistische Kinder. Das liegt nicht daran, dass sie vielleicht schlechter lernen. Sie lernen anders. Durch den Tunnelblick ist es besonders wichtig, dass der Schulstoff sie interessiert und auf das andere Erfassen der Welt abgestimmt ist. Gerade mein jüngerer Sohn hat Schwierigkeiten Sachen zu lernen, die nicht in seinen Tunnelblick passen. Er bastelt zu Hause wunderbare 3D Roboter mit Leim, Schere, Rundkopfklammern, Schachteln, drehbaren Rädern und Propellern, während er im Kindergarten unsicher ist, wo sich der Leim befindet, da er durch seinen Tunnelblick in der Orientierung gestoppt wird und somit nicht das zeigen kann, was in dem Fall zu Hause mit Bravour klappt. Und da oftmals Lerninhalte der Schule jenseits der persönlichen Interessen und Wahrnehmung gefordert werden, braucht dies Unterstützung. Darum ist eine Klassenassistenz oder schulische Heilpädagogin in der Klasse. Das Schulsystem ist noch nicht so verändert, dass alle Kinder miteinander auf ihre eigene Art und Weise lernen dürfen. Aus diesem Grund ist noch jemand da, der dies alles von nicht-autistisch auf autistisch übersetzt. Dr. Rebecca Wood wünscht aus diesem Grund sogar mehr autistische Lehr- und Assistenzpersonen und schulische Heilpädagogen, da es sich bei Autismus um eine andere Kultur handelt.

 

3. Warum spielen Kinder im Autismus-Spektrum so gerne dasselbe?

Viele (oder alle?) autistische Kinder haben ganz ausgeprägte Interessen. Bei uns waren das schon der Rubik’s Cube, das Thema Atomkraftwerke, Klimawandel, Minecraft, Super Mario, Weihnachten, Roboter, Veganismus, Stepper, Staubsauger, fleischfressende Pflanzen etc. Wird ein Thema zum Spezialinteressen, dann verbringen meine Kinder Stunden oder Tage oder Monate damit. Das lässt sich gut durch die Monotropismus-Hypothese erklären. Etwas, das in den Fokus mit Tunnelblick gerät, hat eine grössere Wichtigkeit. Man sagt, dass die Beschäftigung mit einem Spezialinteressen für autistische Kinder sehr, sehr wichtig ist: WW. Es ist Wissensbereicherung und Wohlbefinden in einem. Gerade nach der Schule, da geht das mit den Hausaufgaben anschliessend unmöglich. Mein 11-jähriger Sohn mit Asperger Syndrom braucht zuerst eine Phase YouTube. Andere Eltern würden vielleicht die Medienzeit streichen zur Erholung. Bei uns ist dies aber exakt das, was Entspannung bringt. Und das muss ich auch immer wieder allen erklären, die finden, dass genau das bei Reizüberflutung gestrichen werden soll. Unsere Familienkultur ist anders. Durch den Tunnelblick meiner Kinder.

 

4. Was machen meine Kinder, wenn ihnen alles zuviel wird?

Mein kleiner Sohn hat eine ganz spezielle Art, wenn er einen viel zu strengen Tag hatte. Einen zu strengen Tag, das bedeutet für Autist(inn)en oftmals, dass viel zu viele Reize wie Lärm, Düfte, grelles Sonnenlicht, Hitze, Aufregung etc. auf ihr Gehirn treffen. So einen strengen Tag hatte er auf der Kindergartenreise. Als wir uns am Schluss vom Kindergarten nach Hause auf den Weg machten, ging das sehr, sehr langsam nur. Er fixierte einen Dolendeckel, ging dorthin und setzte sich. Von dort aus dasselbe wieder – bis zu Hause. Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Trick der monotropistischen Wahrnehmung ist, um mit so vielen Eindrücken zurecht zu kommen. Der Tunnelblick filtert nämlich ganz vieles und konzentriert sich auf etwas. Auch wenn dieser Rückweg vielleicht irritierte, es war genau richtig so. Ein Reiz – Dolendeckel – wurde über die Augen fixiert, um sich vor weiteren Reizen zu schützen. Auch mit den Händen zu flattern oder zu summen oder zu sortieren oder innerlich von 100 in Zweierschritten retour zu zählen oder sich auf den Zeigefinger zu beissen, kann genau für dasselbe gut sein. Es nennt sich Stimming.

 

5. Warum haben meine autistischen Kinder nicht gerne Action?

Veränderungen bringen meine Kinder rasch aus dem Konzept. Veränderungen sind darum mit viel Stress verbunden, da durch ihren Tunnelblick Situationen nicht als Ganzes erfasst werden – nur ein kleiner Ausschnitt eben. Dadurch ist auch der Kindergartenweg jeden Tag neu und verunsichert dadurch. Es ist nicht einfach die Strecke zwischen zu Hause und dort, die schon viele Male bewältigt worden ist. Es ist eher ein Abenteuerweg. Einmal steht ein Lieferwagen auf dem Trottoir und Kisten werden ausgeladen. Diese versperren den Weg und man muss auf die Strasse ausweichen. Ein andermal lässt ein Hundebesitzer sein Tier auf das Kind zurennen oder eine Nachbarin will ein bisschen plaudern oder man merkt, dass der Bändel der Kindergarten-Posttasche gerissen ist… Autistische Kinder orientieren sich nicht am Gleichbleibenden, was Sicherheit vermitteln würde – ihr Tunnelblick fokussiert das verunsichernde Neue. Manche Sachen kann man vorhersehbar machen und vorgängig besprechen. Aber bei einem Abenteuerweg in den Kindergarten ist das schwierig. Darum gehen wir gerne an die bereits bekannten Orte in die Ferien und mein älterer Sohn darf jeweils aussuchen, ob er in der Schule am Schulsilvester im Gewusel und alles anders mit dabei sein will und das System Adventskalender gibt es auch für weitere aufregende Tage ausserhalb Weihnachten etc. Vermutlich ist ein autistisches Leben auch ohne zusätzlich Action bereits voll Action. Action wird darum auch nicht gesucht und Ruhe und Ordnung geschätzt, vor allem auch im Spezialinteressen.

 

6. Warum ist das mit den Gesprächen für meine Kinder so kompliziert?

Miteinander Gespräche zu führen, mussten meine beiden Kinder richtiggehend lernen. Wenn man bedenkt, was ein Gespräch alles beinhaltet: Mimik, Körperhaltung, Blickkontakt, Stimmklang, wissen, wie man es auch wieder beendet etc. Das sind so viele Sachen. Und wir erinnern uns, was der Tunnelblick macht. Im besten Fall konzentriert er sich auf den Inhalt. Aber bei nicht-autistischen Menschen ist der Inhalt nur ein kleiner Teil eines Gesprächs. Es ist für mich nicht verwunderlich, dass manches autistische Kind dabei verstummt, sind die Anforderungen doch wahnsinnig hoch, wenn man sich nur auf etwas konzentrieren kann. Und wiederum verwundert es mich nicht, dass mein älterer Sohn über ihn interessierende Sachen sprechen will und nicht Dinge erspüren, die nicht gesagt werden und eine monotropistische Wahrnehmung völlig überfordern. Monos heisst ja “etwas” und nicht “einiges”. Damian Milton glaubt fest daran, dass die autistische und nicht-autistische Kultur das schon schaffen, wenn sie einander etwas entgegenkommen und beginnen zu verstehen. Unterschiedliche Kulturen sind ja nicht falsch und helfen sogar sich selber zu reflektieren. Was man für normal hält, ist vielleicht ja auch nur gelernt und keine fixe Grösse.

 

7. Warum ist es für meine autistischen Kinder nicht leicht Menschen zu finden, mit denen es einfach ‚matcht‘?

Die Monotropismus-Hypothese beschreibt ja, wie wichtig Interessen für autistische Kinder sind. So geht es meinen Kindern beim Spielen mit anderen Kindern um die Handlung und in Gesprächen um den Inhalt. Der Tunnelblick macht zwar nicht flexibel, aber wenn Menschen getroffen werden, die ähnliche Interessen haben, dann kann das mit dem Zusammensein wunderbar klappen. Mein jüngerer Sohn spielt gerne “Rössli” mit anderen Kindern, mein älterer Sohn diskutiert voll Begeisterung über private YouTube Kanäle. Manchmal gibt es auch Perlen unter den Menschen, die es intuitiv drauf haben und trotz neuer autistischer Kultur sofort intuitiv wissen, wie diese Menschen so sind und was sie brauchen und es klappt einfach. Diese Erwartung habe ich zwar nicht, aber wenn ich auf solche Menschen treffe, dann werde ich sehr, sehr glücklich 🙂 .

 

Zwei Fazite, die mir wichtig sind

Diese zwei Fazite sind ein bisschen kompliziert und vielleicht auch eher für deine Eltern oder Lehrpersonen gedacht. Aber wenn du das oben verstanden hast, dann reicht das völlig aus.

 

Fazit 1: Kinder mit einer monotropistischen Wahrnehmung brauchen positive zwischenmenschliche Beziehungen und verlässliche Vertrauenspersonen – vor allem eben Eltern, Mitschüler, Geschwister und Lehrpersonen. Solche Beziehungen knüpft man bei uns am einfachsten über bevorzugte Dinge und Spiele. Darum sind die Interessen immer ein ganz wichtiger Punkt, wenn es um autistische Kinder geht.

 

Fazit 2: “Eine Barriere, die es in den Köpfen zu beseitigen gilt, ist die herkömmliche Vorstellung, dass Autismus eine schwerwiegende, ja zu eliminierende Krankheit sei. Hierzu bedarf es Aufklärung und Information – zum Beispiel durch die Monotropismus-Hypothese, welche ein anderes Bild vermittelt, das zum Verständnis einer autistischen Person sowie zur Prävention von Missverständnissen, Fehlreaktionen, Krisen, Konflikten, kritischen Situationen (Hänseleien, Mobbing) und festgefahrenen Verhaltensproblemen hoch eingeschätzt werden kann.” Georg Theunissen (s. 64.)

 

 

 

 

 

 

 

 

Literaturliste

Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismusspektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer. (s. 49 – 64.)

Autistische Lehrpersonen, schulische Heilpädagogen und Assistenzpersonen:

https://woodbug.blog/2019/11/29/autistic-school-staff-why-do-we-need-research/amp/?__twitter_impression=true

Lea Gerstenkorn: Autistische Lehrpersonen – gibt es das überhaupt?

https://www.autismus.ch/autismus-spektrum-stoerungen-summary/arbeiten-zum-thema-ass.html

Milton, Damian. (2012). On the Ontological Status of Autism: the ‚Double Empathy Problem‘. Disability and Social vol. 27 (6): 883-887.

https://network.autism.org.uk/knowledge/insight-opinion/double-empathy-problem