Als deine Sprache verschwand – “Tom und das Erdbeermarmeladenbrot mit Honig“

Zeichentrickfilme sind überzeichnet – dadurch einfacher zu durchschauen als das reale Leben

“Tom und das Erdbeermarmeladenbrot mit Honig” und deine Sprachentwicklung

 

Du machtest unser Leben als Familie vollständig und als wahrer Sonnenschein einfach perfekt. Du flirtetest als Baby und Kleinkind mit allen Menschen rund herum und hattest die volle Aufmerksamkeit: “Jö, ist das ein herziger Junge.” Ich war mir sicher, dass ich nun mit deinem Bruder einen Sachendenker als Kind habe – du aber ein Menschendenker bist.

Bis zum dritten Geburtstag verlief deine Sprachentwicklung neurotypisch – wenn auch mit einem Flair fürs Hochdeutsche. Kurz darauf verstummtest du. Zu dem Zeitpunkt hattest du eine Mittelohrentzündung nach der anderen. Ich kurz darauf eine Jones Fraktur. Dein Bruder mochte nicht, dass du hochdeutsch sprichst. Ob diese drei Sachen einen Mutismus auslösen können?

Wir versuchten deine non-verbale Kommunikation mit Mimik und Gestik zu verstehen. Dann trat “Tom” als Sprachtherapeut in unser Leben. Wir hatten Glück mit so viel Kompetenz seinerseits. Tom ist die Hauptfigur der Zeichentrickserie “Tom und das Erdbeermarmeladenbrot mit Honig”. Tom fesselte deine Aufmerksamkeit. Aber warum ist das so?

“Viele Kinder empfinden die Vorhersagbarkeit und das gleichbleibende Verhalten von Zeichentrickfiguren (ebenso wie die Musik) beruhigend; es ist ein willkommener Kontrast zum wenig vorhersehbaren Verhalten echter Menschen in Alltagssituationen.” Barry M. Prizant

Deine Begeisterung für “Tom und das Erdbeermarmeladenbrot mit Honig” war ansteckend. Oft schauten wir zusammen ein kleines Filmchen an. Laut Barry M Prizant sind die Mimik und Gestik der Figuren von Zeichentrickfilmen oftmals überzeichnet. Dadurch gelingt es Kindern im Autismus-Spektrum einfacher die soziale Interaktion/Kommunikation nachzuvollziehen.

“Auch die klare Trennung zwischen Gut und Böse übt eine magische Anziehungskraft aus, denn sie scheint logischer zu sein als die vielen Schattierungen im wahren Leben. Das wiederholte Anschauen der immer gleichen Filme vermittelt ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit.” Barry M. Prizant

Mit Tom fandest du – in akzentfreiem Hochdeutsch – über Echolalien wieder zur verbalen Sprache. (Echolalien definiert Barry M. Prizant als Neigungen, Wörter, Wendungen oder ganze Sätze zu wiederholen – oft unaufhörlich.) Zuerst waren es Phrasen, die du nachgesprochen hast – ohne sichtbaren Kontext. Dann spieltest du Szenen aus Tom 1:1 nach. Irgendwann gelang es dir dann so eine Phrase in ähnlichen sozialen Kontext einzusetzen. Bis dir schliesslich mit 6 eine flexible Anwendung gelang.

 

Zum akzentfreien Hochdeutsch

Du bist nun 6 Jahre und sprichst. Eigentlich machten mein Mann und ich ab, dass wenn das eintritt, wir ein Wochenende ohne Kinder in London verdient hätten. Mutismus auszuhalten, rechtfertigt in unseren Augen eine Belohnung. Noch schafften wir das organisatorisch – Kinderhüeti – nicht.

Du spricht zu 75% in akzentfreiem Hochdeutsch. Das irritiert alle – ausser Tony Attwood. Tony Attwood, der in Australien lebt, hat dieselbe Erkenntnis anders gemacht. Dort sprechen viele autistische Kinder mit amerikanischem Akzent, während die Eltern mit australischem Akzent sprechen. Die interessanten TV Programme sind dort oft aus Amerika. Dasselbe hier in der Schweiz. Mein Mann und ich sprechen Schweizerdeutsch und wenn, dann Hochdeutsch mit Schweizer Akzent. Unser Kleiner aber astreines Hochdeutsch. Auch hier sind die beliebten TV Programme oft in Hochdeutsch – so auch “Tom und das Erdbeermarmeladenbrot mit Honig”.

Schier unglaublich dünkt es mich, dass du nur zu 25% Schweizerdeutsch sprichst. Die soziale Interaktion/Kommunikation findet zu Hause und im Kindergarten doch in Schweizerdeutsch statt. Ich vermute, dass Barry M Prizant Recht hat. Für dich sind die überzeichneten Figuren der Zeichentrickfilmli betreffend sozialer Interaktion/Kommunikation einfacher zu durchschauen als es sie mit Menschen in der realen Welt ist. Das widerspiegelt sich in der Sprache.

 

Literaturliste

Prizant, B. M., Fields-Meyer, T. (2015). Einzigartig anders – und ganz normal. Freiburg: VAK Verlags GmbH
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