Autismus und Kindergartenalter – wie lernt (m)ein Kind mit monotropistischem Lernstil

Wie man Interessen wecken kann – ein paar Schilderungen aus meinem Alltag

Kinder im Autismus-Spektrum fühlen sich gut, wenn sie selbstbestimmt handeln können. Darum hilft es meinem 6jährigen Sohn mit atypischem Autismus sehr, wenn ich ihn nicht mit Aktivitäten überrumple – sondern er Zeit “zum Bestaunen” bekommt. Das Bestaunen hat darum seine Wichtigkeit, weil eine Wahrnehmung mit Tunnelblick durch das Ignorieren von Informationen Zeit braucht um die Situation zu erfassen.

 

Besonders grosses Bestaunen gab es bei meinem älteren Sohn mit Asperger Syndrom im Kindergartenalter immer, wenn ich eine grössere Anzahl gleicher Dinge aus meinem Fundus hervor holte. Seien das viele Knöpfe oder Holzspatel oder Glassteine oder Streichholzschachteln etc. Viel Gleiches regt an. Es ist schnell erfasst und lässt sich als Ganzes verändern zu Mustern oder Anordnungen. Mein kleiner Sohn liebt mehr aufregendes Spielmaterial – mit Tönen, Lichtern und bestenfalls vielen Knöpfen und Funktionen. Gleichförmig und auch extrem begeistern Kinder im Autismus-Spektrum – beides lässt sich durch die monotropistische Wahrnehmung erklären.

 

Damit ein Kind mit Tunnelblick sich nicht-selbst-gewählten (also fremd bestimmten) Lerninhalten widmen kann, hilft ein kleinschrittiges Annähern ans Ziel. Am einfachsten ist es wohl, wenn etwas bereits Bestauntes und somit Bekanntes langsam angepasst oder etwas Unbekanntes mit Geduld und Miteinander bekannt gemacht wird. Vor etwa einem Jahr delegierte mein kleiner Sohn immer alle Aufträge an mich: “Du musst.” Zuerst erschien mir das etwas seltsam. Was sollte er denn so delegierend auch lernen und Fortschritte machen!? Aber nach x Mal “du musst” konnte ich ihm über die Brücke “gemeinsam” und gewonnener Sicherheit alles Stück um Stück zurück delegieren. Durch den Tunnelblick und den Mangel der Übersicht wirken Veränderungen verunsichernd bis hin zu grosser Angst. Übers Miteinander wird Vertrauen geschaffen. Ist Routine da, klappt es.

 

Auch die für das Autismusspektrum typischen speziellen Interessen sind ein guter Anknüpfungspunkt. Eine grosse Leidenschaft meiner beiden Söhne ist das Backen – am liebsten mit Teig oder Schokolade. Mein kleiner Sohn mochte lange Zeit nicht auf Kommando zählen. Das sollte er aber – Ziele des Kindergartens. Wenn wir zusammen Muffins backen und ich will, dass er mir zwölf Pekanüsse für die Dekoration gibt, klappt das. In Verbindung mit den speziellen Interessen ist eine Brückenfunktion zur Erweiterung der Aufmerksamkeit möglich – das Zählen rückt plötzlich in den Fokus, was isoliert ohne Muffins nicht der Fall ist.

“Stärken und Spezialinteressen sollten neben ihrer persönlichkeitsbildenden und identitätsstiftenden Funktion auch als eine Vermittlungshilfe in Betracht gezogen werden, so dass eine betroffene Person im Rahmen ihrer interessensbezogenen Tätigkeit oder mit Hilfe ihrer Interessen dazu gebracht werden kann, ihre Aufmerksamkeit zu erweitern, das heisst auf andere Dinge zu lenken, Neues zu erlernen, neue Verbindungen herzustellen oder neue Kontakte zu knüpfen.” Georg Theunissen

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