Autismus und Kindergartenalter – wie lernt (m)ein Kind mit monotropistischem Lernstil

Ein kleiner Exkurs ins monotropistische Sprachverstehen

Das monotropistische Sprachverstehen ist oftmals eine Crux und wirkt manchmal wie Verweigerung und Desinteresse, was es eigentlich nicht ist. Zu schnell bleibt ein Kind bei verbalen Aufträgen an einem Reim oder Wort oder Endung oder Bedeutung isoliert vom Ganzen hängen. Auch hier wird das für einen persönlich stark wirkende Detail in den Vordergrund gerückt und kann das Ganze zu etwas nicht Interpretierbarem verwischen. Sprachverständnis mit Tunnelblick kann je komplexer desto unerschliessbarer werden. Darum verbale Aufträge möglichst kurz und prägnant halten. Es wäre schade, wenn “nicht verstehen” falsch interpretiert würde.

 

Wie man die Aufmerksamkeit aufrecht halten kann – Strukturierung und Visualisierung von Lerninhalten

Nicht nur das Interesse eines Kindes muss beim Lernen mit einbezogen werden, auch die Aufmerksamkeit sollte aufrecht erhalten werden. Durch den Tunnelblick ist letzteres gar nicht so einfach. Wie schafft man es, dass diese mobilisiert wird, auch wenn der Fokus rasch auf Details fällt, die nicht dem Erreichen des Zieles dienen?

“Durch Strukturierung und Visualisierung lassen sich Zusammenhänge verdeutlichen und komplexe Situationen durchschaubar machen.”  Praxis Teacch

 

Raum

Ein Kindergartenkind mit einer Autismusspektrumsstörung sollte sich im Kindergarten gut orientieren können und die Sachen auch finden. Durch den Tunnelblick ist zwar das Wissen für interessante Details gegeben – aber der Überblick fehlt. Das kann kompensiert werden durch eine gute Struktur im Raum.

“Wo gehört was hin? Wo wird was getan? Wo soll ich mich aufhalten / wo ist wessen Platz?” Praxis Teacch

Im Kindergarten meines kleinen Jungen ist das Freispiel sehr gut strukturiert, wobei die Organisation zuerst etwas Zeit braucht und gut eingeführt werden muss. Jeder Spielplatz wird auf Kärtchen in der Mitte des Raumes aufgehängt symbolisch verdeutlicht. Ein gezeichneter Klotz steht für die “Bau-Ecke”, Buntstifte für den “Zeichnungs-Tisch” etc. Jedes Kärtchen hat unten so viele Punkte, wie es freie Plätze für Kinder gibt. Jedes Kind hat darum seine Wäscheklammer mit dem persönlichen Bild des Garderobenplatzes und auch Stuhl im Stuhlkreis – bei uns der Bär. Die Kinder dürfen im Freispiel nun selbständig ihre Klammer an einen freien Punkt klemmen und dort spielen. Es ist also eine Mischung aus freier Wahl nach klar definierten Regeln.

 

Zeit

Für meinen kleinen Sohn ist es sehr wichtig, dass viele Abläufe zeitlich gleich bleiben. Das hilft ihm durch die Konstanz – vermittelt Sicherheit. Durch den Tunnelblick wird das Ganze nicht rasch durchschaut. Darum hilft Gleichförmigkeit sehr. Man kommt früh morgens  in den Kindergarten hinein, zieht sich um, Täschli in den Täschli-Korb, betritt den Raum, begrüsst die Lehrpersonen, dann arbeitet man “etwas” am Tisch, das Klangspiel klingt, es wird aufgeräumt, die Lektion im Stuhlkreis startet etc.

“Massnahmen zur Strukturierung der Zeit haben das Ziel Abläufe, Reihenfolgen sowie die Dauer von Ereignissen oder Aktivitäten durchschaubar und nachvollziehbar zu machen. Informationen über Bevorstehendes geben Sicherheit und helfen sich auf das, was auf einen zukommt, einzulassen. Wer erkennen kann, wann etwas beendet ist und was darauf folgt, kann sein Handeln entsprechend gestalten.” Praxis Teacch

Da das Umziehen in der Garderobe mit 20 Kindern daneben von der Wahrnehmung her ein Level für fortgeschrittene Kinder im Autismus-Spektrum ist, darf mein Sohn schon 10 Minuten vor Ende in die Garderobe. Der Timetimer neben seinem Platz gibt ihm Rückmeldung, wann diese 10 Minuten vorbei sind. Natürlich ist die Bedienung des Timetimers sehr spannend und fasziniert ihn ebenfalls. Aber manchmal braucht man für etwas ja auch mehr Zeit 😉 .

 

To-Do Liste

Ein wichtiges Ziel für Kinder im Autismus-Spektrum ist, dass sie sich für eine gewisse Zeitspanne selbständig beschäftigen können.

“Hierfür braucht es zum einen geeignete räumliche Bedingungen. Zum anderen werden individuell angepasste Systeme entwickelt und Routinen eingeübt, die eine selbständige Durchführung angemessener (und gegebenenfalls vorgegebener) Aktivitäten ermöglicht.” Praxis Teacch

Eine aufgezeichnete/fotografierte To-Do Liste hilft zu erkennen, was alles noch zu tun ist. Folgendes Beispiel zeigt die Reihenfolge von drei Schwierigkeitsgraden auf, die das Kind selbstständig bewältigen muss.

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