Autismus verstehen – das gegenseitige Problem mit der Empathie (double empathy problem)

Nicht über uns ohne uns

Zurecht kämpfen viele Menschen im Autismus-Spektrum dafür, nicht andauernd von aussen beurteilt zu werden. Sie fordern, dass man ihnen zuhört. Innere Erfahrungen sind ja nicht sichtbar. Es kann total verkehrt herauskommen, wenn Verhalten einfach gedeutet wird. Auch als Mutter autistischer Kinder erlebte ich diese Anmassung schon. Mein älterer Sohn mit Asperger Syndrom wurde in der Kindergartenzeit zu Beginn oftmals als rücksichtslos beschrieben. Und rücksichtslos, das ist er zu 100% nicht. (Diese Aussage war keine Böswilligkeit – einfach anfängliche Unwissenheit/Überforderung. Schmerzhaft war sie trotzdem.) Als neurotypische Eltern wurden wir plötzlich in die Rolle gedrängt, unser Kind zu verteidigen. Ich bin allen Menschen im Autismus-Spektrum sehr dankbar, wenn sie der mehrheitlich neurotypischen Welt ihre Innensicht schildern und uns somit Rückendeckung geben für das Wissen, das wir aus Liebe zu unseren Kindern intuitiv erfassen. Und manchmal etwas alleine – noch – damit dastehen.

Über das Theory of Mind Problem und den gegenseitigen Charakter

Nach Theunissen ist es unzulässig, dass man die Theory of Mind Probleme einfach als Problem autistischer Menschen beurteilt.

 

“Zurecht weist Seng (2010, 28f.) darauf hin, dass Mentalisierung und Empathie immer auf einen kommunikativen Kontext bezogen werden muss; auf einen, der gerade im Verhältnis zwischen Autisten und Nicht-Autisten durch Vorurteile und Vorannahmen gestört ist. Diese Argumentation signalisiert, dass ebenso Theory  of Mind Probleme neurotypischer Personen beachtet werden sollten, wenn es beispielsweise darum geht mit Menschen im Autismus-Spektrum zu kommunizieren und ihr Denken, Verhalten und Empfinden, ihren Lebensstil und ihre Erwartungen zu verstehen.” Georg Theunissen

 

Dieses intuitive Wissen macht es u.a. nach Barry M. Prizant auch aus, ob es Eltern, Verwandte, Lehrpersonen, Therapeuten, Ärzte etc “drauf haben” in ihrem Zusammenleben, Zusammensein oder in ihrer  Arbeit mit Kindern im Autismus-Spektrum. Sie verallgemeinern nicht einfach eigene Erfahrungen, sondern sie achten genau auf den Menschen vor sich.

 

“Ist es nicht so, dass nicht-autistische Menschen unbewusst davon ausgehen, dass sich ihr Gegenüber in derselben Welt, die sie als Normalität bezeichnen, befindet wie sie selbst? Autisten erwarten dagegen – wie schon erwähnt – genau das Gegenteil (Seng 2011, 40.).” Georg Theunissen

 

Damian Milton beschreibt darum diese doppelte Theory of Mind Problematik wie ein Sprechen von unterschiedlichen Sprachen mit/in unterschiedlichen Kulturen. Tatsächlich empfinden manche Menschen im Autismus-Spektrum dadurch Ferien in ‚weit‘ entfernten Ländern entlastend, denn da geht es vielen Touristen genauso wie ihnen in einer mehrheitlich neurotypischen Welt im Alltag. Das gibt ein Gefühl von Normalität.

 

Mein älterer Sohn sagt mir ab und zu: “Mami, du weisst nicht, was für mich das Beste ist!” Das kann einerseits ein unabhängiges Thema zwischen Eltern und Kind sein – Pubertät oder dann tatsächlich aus dem unterschiedlichen Erleben entstehen. Wenn wir beide also die gegenseitigen Gedanken nicht lesen können und nur erahnen, was das Gegenüber gerade fühlt, dann wäre es doch hilfreich, man könnte darüber diskutieren. Diese Wichtigkeit sieht er leider noch nicht ein und findet sogleich: “Keinen Small Talk.” Aber wäre das nicht mindestens Big Talk, auch wenn man etwas ausholen muss, um sich verständlich zu machen? Für mich wäre diese Offenheit jedenfalls sehr wichtig, denn ich weiss um mein Theory of Mind Problem in Bezug auf das andere Denken, Fühlen und Handeln und brauche Unterstützung durch die Offenbarung seiner Innensicht. Natürlich ist mir auch bekannt, dass etwa die Hälfte aller Menschen im Autismus-Spektrum Alexithymie haben, was wörtlich übersetzt “kein Wort für Gefühle” bedeutet. Dies beruht auf einer anderen Vernetzung des präfrontalen Cortex mit dem limbischen System. Das erschwert es natürlich, wenn mein Sohn von seiner Innensicht erzählen soll. Dies wiederum kann auch mit kognitiven Mitteln kompensiert werden, was aber letztlich nur bestätigt, dass es sich um eine andere Art des Seins handelt – kognitiv versus intuitiv in dem Fall. (Die kognitive Kompensatiosstrategie empfiehlt sich natürlich auch umgekehrt. Es handelt sich ja um ein gegenseitiges Empathie Problem.)

Die Theorie des gegenseitigen Problems mit der Empathie

Gemäss der „double empathy theory“, beruht das Missverständnis zwischen Menschen im Autismus-Spektrum und neurotypischen Menschen folglich auf Gegenseitigkeit. Wir nehmen die Welt unterschiedlich wahr und sammeln somit andere Erfahrungen, was sehr prägend ist.

Alles in allem geht es also um ein Menschenbild der gegenseitigen Achtung, des Respektes und der Wertschätzung des Gegenübers in seinem Sein, um ein Miteinander und sich gegenseitig Zuhören.

Da Menschen im Autismus-Spektrum lange pathologisiert worden sind und manchmal noch werden, ist es verständlich, dass der Ball nun bei den neurotypischen Menschen liegt. Sie sollen das Angebot autistischer Menschen annehmen und sich auf die Entdeckung deren Innensicht machen.

Ausblick

Matthias Huber, ein Experte in doppelter Hinsicht – Psychologe mit Spezialgebiet Autismus und selber Asperger Autist, wünscht sich für die Zukunft, dass Menschen mit und ohne Autismus weiterhin miteinander in Kontakt sind und dass nicht gewertet wird, welche Lebensform nun besser ist. Es gibt verschiedene Möglichkeiten des Seins.

 

Ich wünsche mir genau dies auch für meine Kinder. Dass sie autistisch sein dürfen und gleichzeitig dazugehören. Dass das total in Ordnung ist so.

 

Literaturliste

Prizant, B. M., Fields-Meyer, T. (2015). Einzigartig anders- und ganz normal. Freiburg: VAK Verlags GmbH.

Milton, Damian. (2012). On the Ontological Status of Autism: the ‚Double Empathy Problem‘. Disability and Social vol. 27 (6): 883-887.

https://network.autism.org.uk/knowledge/insight-opinion/double-empathy-problem

Seng, H. (2010): Im Spiegel der Autismusforschung, Hamburg (outWorker eG, Nernstweg 32-34, 22765 Hamburg).

Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.

“Fokus” vom 13. April 2017.

https://www.youtube.com/watch?v=REfVmYP4PAM

Alexithymie. https://www.google.com/amp/s/aspergergedanken.wordpress.com/2015/12/19/alexithymie/amp/

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