Autismus verstehen – die sieben Besonderheiten erklärt für Kinder und Jugendliche (intense world theory)

Theorie der intensiv erlebten Welt

Laubbläser

Vielleicht tangierst du selber das Autismusspektrum oder kennst jemanden, der das tut. Darum will ich dir nun beschreiben, wie die “intense world theory” Autismus erklärt. Interessant daran ist, dass der Hirnforscher Henry Markram durch seinen autistischen Sohn dazu motiviert wurde dem Rätsel “Autismus” auf den Grund zu gehen. Er fand heraus, dass Menschenim Autismus-Spektrum ein überempfindliches Gehirn haben. Die Arbeitsweise einzelner Nervenzellen des Gehirns sind überladen und hoch empfindlich. Das heisst, wenn eine Information wie zum Beispiel Lärm auf das Gehirn trifft, reagieren die Nervenzellenverbindungen des Gehirns schneller, stärker, nehmen mehr auf, lernen und speichern besser und erinnern sich an Details. Das sind ganz, ganz viele Informationen, die sehr schnell und extrem stark auf das Gehirn treffen und somit wahrgenommen werden. Darum ist Lärm für Kinder im Autismus-Spektrum oftmals mit grossem Stress verbunden. Jedes Kind im Autismus-Spektrum hat ein einzigartiges Gehirn mit seinen persönlichen Nervenzellenmustern und somit ist jeder Autismus unterschiedlich. Ein sich schneller entwickelndes Gehirn hat Vorteile und kann in einzelnen Bereichen zu einer Spezialisierung führen. Ich finde es faszinierend, wenn ich meinem 10-jährigen Sohn mit Asperger Syndrom zuschaue, wie er komplexe mathematische Probleme löst und sich mit den Elementen des Periodensystems wie zum Beispiel Gallium auseinandersetzt. Ein schneller wachsendes Gehirn kann aber auch Nachteile haben. Wenn sich bestimmte Nervenzellenverbindungen unvollständig entwickeln und einige Nervenzellen, die zusammen eine Funktion haben (z.B. Gesichter unterscheiden), sich zu früh entwickeln und einige wiederum über anderen stehen und eine grössere Wichtigkeit einnehmen, kann dieses Zusammenspiel aus dem Gleichgewicht geraten. Folglich kann es dazu kommen, dass sich die Sprache oder das Denken nicht so reibungslos entwickeln. Ob das der Grund dafür ist, dass einige sprechende Kleinkinder, wie es bei meinem kleinen Sohn mit etwas mehr als drei Jahren der Fall war, plötzlich verstummen? Was ich als Mutter zweier Kinder im Autismus-Spektrum aber mit Bestimmtheit sagen kann ist, dass es sehr anstrengend ist ein überempfindliches Gehirn zu haben. So oder so. Wenn man die Sinneseindrücke wie Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten, Gleichgewicht und Körperwahrnehmung extremer aufnimmt, sich viel besser erinnern kann und die Gefühle stärker wahrnimmt, dann spürt man die ganze Welt viel heftiger. Darum heisst diese Theorie von Henry Markram und seinem Team auch „Theorie der intensiv erlebten Welt“.

 

Die sieben Besonderheiten des Autismusspektrums – erklärt für Kinder und Jugendliche nach der “Theorie der intensiv erlebten Welt”

 

1. Warum sind für manche Kinder im Autismus-Spektrum Laubbläser und Handtrockner viel zu laut?

Das überempfindliche Gehirn bewirkt bei Menschen im Autismus-Spektrum auch, dass Sinneseindrücke wie Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen und Gleichgewicht und Körperwahrnehmung viel stärker wahrgenommen werden. Es gibt Kinder, für die ist Tageslicht so hell, dass sie immer eine Sonnenbrille tragen wollen. Andere schaffen es nicht an einem Laubbläser vorbei zu spazieren oder im Restaurant die Hände mit dem lauten Handtrockner trocken blasen zu lassen. Wiederum gibt es Kinder, für die sind Berührungen Schmerz. Einige haben grossen Respekt, wenn sie neue Turngeräte wie die Sprossenwand oder die Ringe ausprobieren sollen.

 

2. Warum lernen die einen Kinderim Autismus-Spektrum super – andere verweigern?

Bei Kindern im Autismus-Spektrum treffen immer viel zu viele Informationen auf das Gehirn. Das ist Stress. Das Gehirn versucht sich nun davor zu schützen, d.h. es flüchtet sich entweder ins Lernen und zeigt super Leistungen oder es verweigert. Letzteres kann für Kinder im Autismus-Spektrum sehr unschön sein, wenn sie im Kindergarten, in der Schule oder zu Hause mit Druck zum Lernen gezwungen werden. Das macht alles nur schlimmer – bringt nichts. Aber so sanfte Hilfen wie Bilder als Anleitung, in welcher Reihenfolge man sich anziehen soll oder Mitbestimmung, in wie vielen Portionen die Hausaufgaben unterteilt werden etc., das ist “liebevoll-wirkungsvoll”.

 

3. Warum wissen gewisse Kinderim Autismus-Spektrum so viel über Stretchlimousinen und Betonmischer?

Fast alle Kinder im Autismus-Spektrum haben besondere Interessen. Das kann Chemie sein – Gallium, Stickstoff oder Graphen, das Game Mario Odyssee, Fahrzeuge – von der Stretchlimousine bis zum Betonmischer, Maschinen wie Staubsauger, Rasenmäher, Saftpresse etc. Das nennt man auch Hyper-Spezialisierung. Damit schützt man sich vor einer Überlastung durch zu viele verschiedene Informationen. Mit der Spezialisierung auf etwas nur. Dafür besonders intensiv.

 

4. Warum flattern manche Kinderim Autismus-Spektrum mit den Händen?

Stimming heisst selbststimulierendes Verhalten. Manchmal spürt sich ein Kind im Autismus-Spektrum besser, wenn es mit den Händen flattert oder sich auf den Finger beisst oder lange an einem Rädchen eines Spielzeugautos dreht. Auch das ist eine Selbsthilfestrategie, um sich vor Überlastung von “zu viel Welt” zu schützen. Auch wenn dies manchmal auf nicht-autistische Menschen etwas seltsam wirkt, so sollte das von diesen – wenn ungefährlich – zugelassen, sich nicht dafür geschämt und auch nicht darüber gelacht werden.

 

5. Warum wollen Kinderim Autismus-Spektrum immer dasselbe?

Kinder im Autismus-Spektrum lieben Ordnung, Routine und Beständigkeit. Wenn etwas gleich bleibt wie zum Beispiel ein Ausflug nach Zürich mit immer demselben Ablauf (zuerst Busfahrt zum Bahnhof, dann Zugfahrt nach Zürich, dann Tramfahrt, Besuch in der Autowaschanlage, das obligate Erdbeertörtchen, Schiff etc.) ist das durch seinen fixen Plan ein Schutz vor Überlastung. Vermutlich braucht es zur Intensität des Lebens mit einer autistischen Wahrnehmung nicht noch zusätzlich viel Action. Überlastung und Stress gibt es eben rasch bei viel Veränderung.

 

6. Warum schreiben die einen Kinderim Autismus-Spektrum so tolle Geschichten und für andere ist zu sprechen schon sehr schwierig?

Beim Benutzen von Sprache schriftlich oder mündlich gibt es manchmal bei Kindern im Autismus-Spektrum durch die Hyper-Spezialisierung des Gehirns den Super-Lern-Effekt. Sie erfinden wunderbare Geschichten, entwerfen künstlerische Gedichte, lernen Fremdsprachen mit Leichtigkeit etc. Allerdings kann genau diese Hyper-Spezialisierung auch dazu führen, dass ein Kind nicht zu sprechen beginnt oder die Sprache nur sehr mühsam erlernt. Das schnellere Gehirnwachstum kann gewisse Entwicklungen erleichtern und andere erschweren.

 

7. Warum ist das Zusammensein mit anderen Kindern für Kinderim Autismus-Spektrum manchmal extrem anstrengend?

Kinder im Autismus-Spektrum nehmen Gefühle zu stark wahr. Da sie sich zudem sehr gut erinnern können, kann das Zusammensein mit anderen Kindern oder Erwachsenen sehr anstrengend werden. Sie sind dadurch viel verletzlicher und das führt manchmal zu grossem Stress. Somit brauchen Kinder im Autismus-Spektrum ab und zu ein Unterbruch von Kontakten. Pausen sind in der Schule oftmals keine Erholung – sondern Stress. Eine optimale Erholungspause funktioniert super mit einer kurzen Beschäftigungszeit mit dem persönlichen Spezialinteressen. Manche autistische Kinder gamen kurz und mögen sich danach wieder der Welt stellen.

 

Fazit: Ein Kind im Autismus-Spektrum braucht aufgrund des überempfindlichen Gehirns keinen zusätzlichen Stress. Henry Markram und sein Team empfehlen für Kinder folglich Vertrautheit, Ruhe, Überschaubarkeit und Vorhersehbarkeit und auch später eine freundliche, zum überempfindlichen Gehirn passende Umgebung. Meinen beiden Kindern im Autismus-Spektrum geht es besser, wenn wir im Alltag gewisse Rituale befolgen und nicht zu viele Überraschungen haben. Beispielsweise gibt es bei uns auch keine mega Geburtstagsparty mit tausenden Geschenken und vielen Besuchern und Gratulationen – wir leben “weniger ist mehr”.

 

Literaturliste

Theunissem., G. (2004). Menschen im Autismus-Spektrum Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer

 

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