Autismus verstehen lernen – das Modell der “erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit” (Enhanced Perceptional Functioning)

Mit dem Modell der erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit erklären L. Mottron und sein Team, das aus autistischen und nicht-autistischen Wissenschaftler(inne)n besteht, die Wahrnehmungsbesonderheiten (nicht sozialer Reize) von autistischen Menschen an der Universität Montreal. Ebenfalls werden dadurch andere Merkmale von Menschen im Autismus-Spektrum aufgegriffen – wie das atypische Lernverhalten und insbesondere die “autistische Intelligenz”.

“Die prominente Bedeutung des EPF besteht darin, dass es defizitorientierten Betrachtungen des Autismus eine klare Absage erteilt, indem es Stärken in der Wahrnehmung autistischer Personen herausstellt und dabei den Weg zur Erforschung ihrer Form der Intelligenz nachhaltig befördert hat.” Georg Theunissen

Die EPF könnte als eine Alternative – sicher aber als Erweiterung und Ergänzung zur klassischen Theorie der “schwachen zentralen Kohärenz” zu sehen sein und es besteht nach wie vor Forschungsbedarf auf dem Gebiet der EPF.

Erhöhte Wahrnehmung auf der basalen Ebene – atypisches Lernverhalten

Wie bei der intense world theory spielt auch im Modell der erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit die Hypersensitivität eine wichtige Rolle.

“Nach Mottron und Burack (2012, 3) beinhaltet Wahrnehmung die Selektion, Organisation, Interpretation und Konstruktion der Repräsentationen externer Stimuli innerhalb des sensorischen Systems. Wahrnehmungsprozesse vollziehen sich von der basalen Ebene (low-level perception), indem zum Beispiel elementare Eigenschaften eines Gegenstandes (die rote Farbe eines Balls) aufgenommen werden, zu einer höheren (high level perception), auf der beispielsweise eine Kategorie- oder Begriffsbildung (verschiedenfarbige, unterschiedlich grosse Bälle subsumiert unter dem Oberbegriff Ball als Objekt zum Werfen) stattfindet. Georg Theunissen

Der bedeutende Befund diesbezüglich ist, dass bei Menschen im Autismus-Spektrum eine erhöhte Wahrnehmung auf der basalen Ebene stattfindet wie zum Beispiel durch ein frühes Enkodieren von Eigenschaften eines Objektes und durch ein Erkennen, Erfassen und Speichern von visuellen Mustern, Strukturen, Tönen o.ä.

“Auf handlungsbezogener Ebene zeigt sich diese Modalität zum Beispiel beim Puzzle. Autistische Personen legen ein Puzzle in erster Linie anhand der Form der einzelnen Teile zusammen (vgl. Sacks 2000, 294). Nicht-autistische Menschen orientieren sich hingegen am Bild des Puzzles.” Georg Theunissen

Im Arbeitsgedächtnis werden dadurch ganz viele Eigenschaften, Details und Daten eines Gegenstandes oder einer Situation abgerufen, so dass möglicherweise keine Kapazitäten für das Erkennen/Nutzen globaler Erkenntnisse oder Kontext geleiteter Informationen verfügbar sind.

“Daher haben vermutlich manche Autist(inn)en Schwierigkeiten, komplexe Situationen rasch zu erfassen, da das Abrufen und die Aufbereitung ihres gespeicherten (Detail-)Wissen ein gewisses Mass an Zeit beansprucht.” Georg Theunissen

Wenn nicht-autistische Personen ein Objekt zeichnen oder eine Situation beschreiben, dann tun sie dies nicht in erster Linie anhand der vielen Details, sie holen sich Informationen aus dem Langzeitgedächtnis – beziehungsweise aus ihrem Vorwissen auf globaler Ebene. Menschen im Autismus-Spektrum arbeiten hingegen eher mit lokal orientierten und “unbedeutenden” Informationen.

 

Mein jetzt 6jähriger Sohn mit atypischem Autismus zeichnete lange nicht gegenständlich. Das wurde seitens Fachpersonen verständlicherweise falsch interpretiert. Ich war ja auch unsicher, wo du dich gerade entwicklungsmässig verweilst.
“Lange bereitete es dir grossen Spass zu kritzeln oder mit Farben zu experimentieren. Als dann die Zeit kam – mit 4 Jahren, als du eine grosse Leidenschaft für Fahrzeuge entwickeltest, zeichnetest du wie von 0 auf 100 gleich ein Auto mit Steuerrad, Auspuff, Türschloss etc. Ob durch dieses Detailsehen die Entwicklung sich der neurotypischen entfernt? Diese sich in kleinen Schritten vorwärts bewegen, während du noch am Bestaunen aller Details bist? Und dann aber 🙂 .”

 

“Diese besondere Strategie von Personen im Autismus-Spektrum, die ebenso für (autistische) Savants gilt, deren Studien für das Modell der EPF wegbereitend waren, wird nicht wie in den traditionellen Theorien zur Erklärung autistischen Verhaltens (…) mit einem Defizit assoziiert, sondern als eine (epi-)genetisch bedingte, von Natur aus anders ausgerichtete Wahrnehmungsverarbeitung ausgelegt.” Georg Theunissen

Menschen im Autismus-Spektrum sehen also durch die erhöhte basale Wahrnehmung viel mehr einzelne Details als nicht-autistische Menschen und brauchen länger (aufgrund des Abrufens und Aufbereitens dessen), bevor sie quasi das Ganze sehen. Bei dieser erhöhten basalen Wahrnehmung handelt es sich aber nicht um zusammenhangloses Detailerkennen – autistische Menschen lieben es, diese zu systematisieren. Durch diese erhöhte Detailwahrnehmung und Hyperselektivität mit System, imponieren einige Autisten in der Mathematik oder Technik.

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