Autismus verstehen lernen – das Modell der “erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit” (Enhanced Perceptional Functioning)

Sprachentwicklung

“Ihr (der EPF) zufolge sind weder eine verzögerte noch eine ausbleibende Sprachentwicklung bei Autismus die Folge einer primären Dysfunktion des Sprachzentrums und dessen assoziierten Mechanismen im Gehirn, sondern das Ergebnis einer frühzeitigen Konkurrenz zwischen der visuellen Wahrnehmung und der Sprache und zwischen niederschwelligen auditiven sprachlichen Reizen (wie etwa der Tonhöhe) und den sprachlichen Dimensionen höherer Ordnung (Mottron 2015, 121). Bei einer verspäteten Sprachentwicklung würden sprachliche Informationen zunächst im Rahmen des visuellen Wahrnehmungsmodus und innerhalb der visuellen Wahrnehmungsverarbeitungsnetzwerkes bearbeitet (ebd.); und bei sogenannten Asperger Autisten liegt ein Hyperfunktionieren sprachlicher Funktionen vor.” Georg Theunissen

 

Mein kleiner Sohn verstummte kurz nach seinem dritten Geburtstag
“Obschon du bis dahin eine typische Sprachentwicklung hattest, könnte ich mir vorstellen, dass durch deine Entwicklung und neuen Teilkompetenzen gewisse Anforderungen wie auf einen Schlag erhöht wurden. Die EPF schreibt von einer Konkurrenz zwischen visuellen und auditiven Reizen mit der Sprache und sprachlich höherer Ordnung. Ob das auch Mitten in der Entwicklung so begründet werden darf? Jedenfalls wurdest du von einem Moment auf den anderen zum Zuschauer und Zuhörer. Erst mit den DVD Folgen von `Tom und das Erdbeermarmeladenbrot mit Honig` konntest du scheinbar wieder mit dieser Fülle von Details umgehen und diese systematisieren in Form von Echolalien. Du hast immer wieder Teile daraus wiederholt. Zuerst scheinbar zusammenhangslos, dann im Symbolspiel und schliesslich in realen Situationen, bis du dann wieder mit flexiblem Sprechen gestartet hast.”

Ich interpretiere also, dass nach dem Modell der “erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit” Kinder im Autismus-Spektrum visuelle Denker sind. Anne Häusler schreibt in ihrem Buch “Sehen und Verstehen” auch von visuellen Strategien zur Unterstützung der expressiven Kommunikation als alternatives Kommunikationsmittel. Als Beispiele erwähnt sie die Auswahlkiste, ein Kommunikationsbuch mit Bildern und Kommunikationskarten, eine Kommunikationstasche mit Gegenständen, die Pausenkarte – eingesetzt in Stresssituationen, das I-Pad mit Kommunikations-App etc. So könnte man die frühzeitige Konkurrenz zwischen der visuellen Wahrnehmung und der Sprache, was möglicherweise ja zu einer ausbleibenden oder verspäteten Sprachentwicklung geführt hat, als visuelle Begabung nutzen.

 

Repetitives Verhalten, Hypersensitivität und Widerstände gegen Veränderungen

Auch hier erklärt sich das Modell der “erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit” das repetitive Verhalten durch eine veränderte Wahrnehmung.

“Dies konnte durch eine Verbindung zwischen Seitenblicken von Kleinkindern und der Erfassung von Wahrnehmungsinformationen, welche sich auf periodische Bewegungen bezogen, aufgezeigt werden (Mottron, 120).” Georg Theunissen

Interessant ist, dass der häufig beobachtete seitliche Blick unter autistischen Kleinkindern, verbreitet ist. Man nimmt an, dass das ein Versuch ist, um ein Zuviel an Informationen einzuschränken und sich schliesslich so auf “optimale Informationen” besser konzentrieren zu können. Ebenfalls der Widerstand gegen Veränderungen macht nun Sinn. Genau dadurch wird nämlich Orientierungsverlust vermieden. Auch das lässt sich durch das bevorzugte Detailsehen auf Kosten des Überblicks gut erklären, wie bestimmt auch manch anderes Verhalten: Hypersensitivität gegenüber Geräuschen oder fehlender Blickkontakt in sozialer Interaktion oder Echolalien etc.

Autistische Intelligenz

“Diese besondere Wahrnehmungsweise wird nicht als dysfunktional, pathologisch oder defizitär betrachtet, sondern als Ausdruck eines von Natur aus veränderten kognitiven Systems, das für eine autistische Intelligenz wegbereitend ist.” Georg Theunissen

 

Bisher wurde fälschlicherweise oft angenommen, dass Menschen mit frühkindlichem Autismus zugleich geistig behindert seien. Dieser veralteten Vorstellung liegt zugrunde, dass man Intelligenz mit einem Verfahren mass, das sprachliche Fertigkeiten abverlangt – bei Kindern oftmals der HAWIK und bei Erwachsenen der HAWIE. Wendete man hingegen einen sprachfreien Intelligenztest an wie den Raven-Matritzen-Test, sah es plötzlich ganz anders aus. Beim Raven-Matritzen-Test müssen unvollständige Muster verstanden und ergänzt werden.

“Hatten Personen mit der Diagnose frühkindlicher Autismus niedrige Werte beim Wechsler-Intelligenztest erreicht, die einer geistigen Behinderung entsprachen, so erreichten sie mit den Raven-Matritzen wesentlich höhere Werte (Dawson et al. 2007; Mottron 2011; 2012; 2013). Hinzu kam die Beobachtung, dass sie für ihre richtige Antwort beim Raven-Instrument weniger Zeit benötigten als nicht-autistische Personen aus einer Vergleichsgruppe. (…) Der bisherigen Behauptung wurde damit eindeutig widersprochen.” Georg Theunissen

Mottron und sein Team konnten mit Studien nun beweisen, dass Menschen mit der Diagnose frühkindlicher Autismus deutlich unterschätzt worden sind.

Auch beim Mosaiktest als Subtest im Wechsler-Verfahrens zur Erfassung des wahrnehmungsgebundenen logischen Denkens, wurde dasselbe Ergebnis festgestellt.

“Die bei den autistischen Versuchspersonen ermittelten Testwerte des Mosaik-Tests entsprachen zudem den Werten des Raven-Matritzen-Tests.” Georg Theunissen

 

Bei Personen mit der Diagnose Asperger Syndrom hingegen, fiel die Diskrepanz zwischen der im Wechsler vollbrachten Leistung und der im Raven-Matritzen-Test geringer aus als bei Kindern und Erwachsenen mit frühkindlichem Autismus.

 

Es ist folglich nicht zulässig, autistischen Menschen erhebliche Schwächen in der flüssigen Intelligenz zu unterstellen. Flüssige Intelligenz meint die kognitive Leistung des Gehirns, die nicht auf Erfahrungen beruht – die Fähigkeit zum Schlussfolgern und Probleme lösen. Nach Mottron können Menschen im Autismusspektrum basale kognitive Aufgaben, bei denen es darum geht visuelle Muster, Zeichen, Symbole o.ä. zu erkennen oder Töne zu identifizieren, besser bewältigen als nicht-autistische Menschen.

 

Erwähnen möchte ich hier unbedingt, dass es als Mutter nicht einfach ist, wenn beim Thema Autismus immer gleich die Intelligenzfrage im Raum steht. Ich frage die Ärztin, den Klavierlehrer, das Nachbarskind … beim ersten Treffen auch nicht: “Und, wie ist denn dein IQ so?” Ein autistisches Kind muss sich diesbezüglich immer beweisen. Und genau dies ist aufgrund der Verweigerungshaltung gewisser Kinder nicht möglich. Es hat in mir jedesmal viel Druck mobilisiert, weil ich mir wünschte, dass meine Kinder zeigen können, was in ihnen steckt. Mein grosser Sohn konnte das bereits – mein kleiner hingegen, der kooperierte (noch) nicht. Ich finde Fehldiagnosen diesbezüglich verheerend. https://autismus-kultur.de/autismus/donna-williams.html

Ausserdem bin ich mir sicher, dass bei Autismus nicht das Thema IQ die grosse Herausforderung ist, sondern das Verhalten eines Kindes mit Hypersensitivität auf basaler Ebene. Darum ist nicht die Höhe des IQ`s die prioritäre Frage. Es geht darum herauszufinden und zu verstehen, wie eine Person im Autismus-Spektrum denkt.

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