Autismus verstehen lernen – die Monotropismus-Hypothese

Tunnelblick

Als Mutter zweier autistischer Kinder ist es mir ein Anliegen, dass die defizitorientierte Betrachtungsweise von Autismus überwunden wird. Genau das bietet mir die Monotropismus-Hypothese. Ressourcenorientiert berücksichtigt sie das andere Lernverhalten und würdigt die Spezialinteressen und hilft beim Verstehen von autistischen Menschen.

“Auch Vertreter der Monotropismus-Hypothese gehen von veränderten neurobiologischen Strukturen, Prozessen und Funktionsweisen im Gehirn aus, allerdings versuchen sie nachzuweisen, dass eine veränderte Hirnstruktur nicht konsequenterweise mit mit einem Defizit gleichzusetzen ist.” Georg Theunissen

Die Monotropismus-Hypothese nimmt an, dass die Aufmerksamkeit eines Menschen quantitativ begrenzt ist. Darum existiert immer ein Wettbewerb zwischen mentalen Prozessen (= Arbeitsweise des menschlichen Gehirns) und knapper Aufmerksamkeit. Wie die Aufmerksamkeit verteilt ist, ist weitgehend genetisch bestimmt. Neurotypische Menschen können ihre Aufmerksamkeit auf viele Interessensgebiete und Aktivitäten gleichzeitig verteilen – also flexibel (polytropistisch). Autistische Menschen ignorieren hingegen ein breites Feld an Informationen und konzentrieren sich auf wenige Interessen. Das nennt man Tunnelblick. Die Konzentration auf wenige hoch-erregende und miteinander verbundene Interessen erfolgt dafür wesentlich intensiver und ist als monotropistische Form der Wahrnehmung Ursache für ein verändertes Denken, Erleben und Handeln.

 

Die sieben autistischen Merkmale nach der Monotropismus-Hypothese

1. Unterschiedliche sensorische Erfahrungen

Strömen zu viele Reize auf eine autistische Person ein, bricht das begrenzt aufnahmefähige Wahrnehmungssystem zusammen. Um solche Situationen zu bewältigen, fixieren sich autistische Menschen auf Interessensschwerpunkte. Das gilt ebenso für die Überselektivität (sich auf einen Reizeindruck zu fokussieren) und Aufmerksamkeit für Details, die als Stärke einer monotropistischen Wahrnehmung angesehen werden.

Wie mein damals 5-jähriger autistischer Sohn die Kindergartenreise monotropistisch bewältigte:

Ein grosses Thema von dir ist, dass du Eindrücke nicht gut filtern kannst. Die Kindergartenreise auf den Waldspielplatz beim Bach war für dich unglaublich schön und gleichzeitig extrem erschöpfend. Zug, Bus, Postauto, viele Kinder, heisser Sommertag, lange Wanderstrecke, im Bach baden, Würste braten… Das alles gefiel dir sehr. Du warst total genudelt und gleichzeitig glücklich, als ich dich von der Reise beim Kindergarten zurück wieder abholte. Allerdings brauchten wir für 10 min Heimweg ganze 30 min. Erschöpft von den Eindrücken, konzentriertest du dich nur noch auf die Dolendeckel. Ich finde das im Prinzip eine gute Strategie, um mit diesem Zuviel umzugehen. So spazierten wir von einem Dolendeckel mit Pause dort zum nächsten Dolendeckel.

 

 

Es handelt sich beim Erfassen von Details manchmal sogar um eine überentwickelte, erweiterte Wahrnehmung. Diese tritt dann auf, wenn Interessen mit im Spiel sind und eine entsprechende Motivation vorhanden.

Du könntest Recht haben. Vielleicht ist das wirklich ein bisschen so wie bei Sherlock Holmes.

Sehr viele Reize strömen auch in einem Gespräch auf eine autistische Person ein.

“Wörter oder Zahlen, die im Rahmen einer Kommunikation wahrgenommen werden, können unmittelbar als sensorische Reize zu Assoziationen, zur Kreation von Strukturen, Systemen, Reimen oder Gedichten verleiten (Mukhopadhyay 2005, 37), so dass dem eigentlichen Gespräch nicht mehr gefolgt werden kann und Verständnisprobleme auftreten.” Georg Theunissen

Manchen Kindern hilft im Kindergarten oder in der Schule Stimming, um dem Unterricht mit verbalen Infos oder Anleitung besser folgen zu können. Stimming reguliert Reize, Gefühle und Stress. Es kommt mir dabei so vor, als würde mit einem Fell in der Hand oder dem Fidget Spinner auf den Fingern das ZNS durchgehend leicht gereizt, damit die verbalen Reize besser aufgenommen werden und als verteilte Reize quasi nicht mehr mit dieser Intensität auf einen Interessensschwerpunkt in den Vordergrund treten. Ob dies eine mögliche Erklärung im Rahmen des Monotropismus sein könnte?

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10 Antworten auf „Autismus verstehen lernen – die Monotropismus-Hypothese“

  1. Spannender Beitrag, danke!

    Das erklärt auch meine Aufmerksamkeitsprobleme in der Schulzeit. Es gab beispielsweise Lehrer, die zu Sprachmarotten neigten (ein Lehrer sagte nach jedem zweiten Satz nicht oder sozusagen). Irgendwann begann ich Strichlisten zu führen, wie oft ein Lehrer so etwas sagte, hörte aber entsprechend nicht mehr zu, weil ich den Rest vom Satz nicht mehr mitbekam.

    Heutzutage scheint das aber eher der Regelfall und nicht mehr eine Ausnahme, etwa wenn man mit wortwörtlichem Tunnelblick aufs Handy starrend den Gehsteig entlang geht und Leute anrempelt oder in Straßenbahnen läuft. Oder auch, wenn man mit Handy oder Kamera beim Konzert mitfilmt. Musik genießen und filmen gleichzeitig geht nicht. Unsere technisierte Welt fördert Monotropismus. Leider.

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