AuDHS – nicht widersprüchlich, aber komplex

 

Lange Zeit wurde angenommen, dass ein*e Autist*in autistisch ist – und eine Person mit ADHS eben ADHS hat. Da Autismus und ADHS oft als Gegenspieler beschrieben werden – Struktur versus Impuls, Tiefe versus Wechsel, Reizvermeidung versus Reizsuche –, kam ich lange nicht auf die Idee, dass sie auch gemeinsam auftreten können.

Dieses Miteinander wurde mir erst klar, als mir der hohe ADHS-Anteil in unserer Familie auffiel – und bei mindestens einem Kind deutlich wurde, dass Dopamin als Regulationsfaktor vermutlich eine zentrale Rolle spielt.

 

Mich beschäftigen dabei zwei Fragen:

 

  • Wie begleitet man ein AuDHS-Kind – und wie müssen klassische Autismus-Strategien dafür erweitert werden?

 

  • Welche Haltungen entstehen, wenn ADHS von Anfang an mitgedacht wird, statt erst später „dazuzukommen“?

 

Eine kurze Erklärung, die nicht alles erklärt

Dr. Jen Wolkin erklärt den Unterschied zwischen Autismus, ADHS und AuDHS humorvoll so:

 

„ADHS: Ich verliere mitten im Satz den Faden.

Autismus: Ich erinnere mich an den Satz von 2017.

AuDHS: Ich erinnere mich an den Satz von 2017 – aber nicht, warum ich diesen Raum betreten habe.“

 

Das klingt erst einmal gar nicht so kompliziert. Und doch ist AuDHS in der Realität oft schwerer zu erkennen, als es diese Erklärung vermuten lässt. Denn das Erscheinungsbild von AuDHS ist häufig untypisch – und genau das macht eine klare Einordnung so schwierig. Dr. Stemper beschreibt es so:

 

„Die Impulsivität des ADHS kann die soziale Zurückhaltung des Autismus überdecken, sodass ein Mensch extrovertierter wirkt als ein ‹typischer› Autist. Umgekehrt kann das Bedürfnis nach Struktur bei Autismus das Chaos und die Desorganisation des ADHS teilweise kompensieren.“

 

AuDHS ist nicht einfach additiv – das Zusammenspiel prägt das Ganze.

 

Um das wirklich zu verstehen, brauche ich eine Theorie. Und ich weiss auch schon, welche.

 

Warum Monotropismus nicht nur Autismus erklärt — auch ADHS

Ich habe zwei Lieblingstheorien, wenn es um Autismus geht. Eine davon ist die Monotropismus-Hypothese. Das Überraschende daran: Sie gilt nicht nur für Autismus, sondern auch für ADHS. Ich habe Fergus Murray deswegen sogar einmal angeschrieben, weil ich das kaum glauben konnte. Aber es ist so. Denn als ich selbst den Monotropismus-Questionnaire ausfüllte, zeigte sich auch bei mir ein stark monotroper Aufmerksamkeitsstil. Und ich wusste zumindest eines ganz klar: Ich bin nicht autistisch. Die hohe Punktzahl irritierte mich zunächst sehr. Doch Klarheit sollte kommen. Und wie sie kam.

 

Mein Menopause-Crash – zusammen mit meiner Lebensgeschichte – machte deutlich, dass ich wohl ein zünftiges und lange kompensiertes ADS habe, das erst durch den hormonellen Umbruch freigelegt wurde. Diese Erfahrung verschob meinen Blick auf Monotropismus noch einmal. Obwohl ich Fergus Murray darin glaubte, dass die Monotropismus-Hypothese nicht nur Autismus erklärt, spüre ich nun am eigenen Körper, dass sie auch ADHS erklären kann. Wenn vielleicht viele Frauen in der Menopause ein wenig ADHS-ähnlicher wirken – so meine private Wahrnehmung –, erleben doch manche Frauen mit unentdecktem und nie behandeltem ADHS in dieser Phase einen massiven Regulationskollaps.

 

Um diesen Gedankengang des verbindenden Monotropismus zu verstehen, muss ich ein wenig ausholen. Monotropismus beschreibt eine Tendenz, Aufmerksamkeit stark zu bündeln: wenige Reize, wenige Interessen – dafür tiefe, intensive Fokussierung. Ursprünglich entwickelt, um autistische Wahrnehmung zu erklären, lässt sich damit auch vieles verstehen, was man klassisch ADHS zuschreibt: Hyperfokus, Schwierigkeiten beim Umschalten, scheinbar sprunghafte Aufmerksamkeit. Fergus Murray argumentiert gemeinsam mit Sonny Hallett, dass Autismus und ADHS keine Gegensätze sind, sondern zwei Ausdrucksformen derselben monotropen Dynamik. Tiefe Bindung an einen inneren Reiz ermöglicht intensives Eintauchen – kann aber auch dazu führen, dass Aufmerksamkeit abrupt abbricht, sobald dieser Reiz nicht mehr trägt. Nach aussen wirkt das wie Unaufmerksamkeit, folgt innen jedoch einer klaren Logik.

 

Autismus und ADHS lassen sich so als Varianten eines kinetic cognitive style verstehen: eines bewegten Aufmerksamkeitsstils, bei dem der Fokus weder gleichmässig verteilt noch beliebig steuerbar ist. Monotropismus bildet dabei die gemeinsame Grundlage – und erklärt, warum sich beide Profile so häufig überschneiden: AuDHS.

 

Was bedeutet „kinetic cognitive style“?

Mit dem Begriff kinetic cognitive style beschreiben Fergus Murray und Sonny Hallett eine Art des Denkens und Wahrnehmens, die nicht statisch, sondern in Bewegung ist.

 

„Kinetic“ meint dabei nicht körperliche Unruhe, sondern die Dynamik der Aufmerksamkeit: Sie hält, solange ein innerer Reiz trägt – und bricht weg, wenn er es nicht mehr tut. Aufmerksamkeit verteilt sich dabei nicht gleichmässig, sondern verläuft in Phasen von tiefem Eintauchen und plötzlichem Lösen. Genau darin liegt die Verbindung von Autismus und ADHS: Tiefe Fokussierung und scheinbare Sprunghaftigkeit sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Dynamik.

Autismus zeigt sich dabei eher in der Stabilisierung des Fokus, ADHS eher in der Instabilität beim Umschalten – beides basiert jedoch auf demselben bewegten Aufmerksamkeitsstil.

 

Bei AuDHS sind Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen und Emotionsregulation eng miteinander verbunden – alles Bereiche, die auch typische ADHS-Marker sind.

Bei AuDHS reagieren sie jedoch besonders stark zustandsabhängig und kippen häufig gemeinsam. Gerät das System aus der Regulation, brechen diese Funktionen nicht einzeln weg, sondern gleichzeitig.

 

Typische Trigger-Muster (vereinfacht):

 

  • Autismus: reizgetriggert (sensorische Überlastung, soziale Dichte, Unvorhersagbarkeit)

 

  • ADHS/ADS: übergangs- und zustandsgetriggert (Start–Stopp-Wechsel, Unterbrechungen, Dopaminmangel; Gedanken, Gefühle, Impulse und Handlungen laufen nicht synchron)

 

  • AuDHS: überlagernd und verflochten (Reize und Übergänge wirken gleichzeitig – Regulation kippt oft schneller und umfassender)

 

Das heisst: AuDHS ist nicht einfach Autismus plus ADHS, sondern ein eigener neurodivergenter Aufmerksamkeits- und Regulationsstil. Je nach innerem Zustand, Kontext und Belastung kann er sich zeitweise eher autistisch oder eher ADHS-typisch zeigen. Dieses Zusammenspiel lässt sich durch Monotropismus gut verstehen: Aufmerksamkeit bindet sich tief an innere Reize und löst sich nicht willentlich, sondern zustandsabhängig – bei AuDHS greifen diese Dynamiken besonders häufig gleichzeitig ineinander.

 

Damit stellt sich eine naheliegende Frage: Wie oft kommt AuDHS eigentlich vor?

 

Die Forschung ist sich in den exakten Zahlen nicht einig – die Grössenordnungen sind jedoch klar: Bei Autist*innen erfüllen etwa 30–70 % auch die Kriterien für ADHS. Bei Menschen mit ADHS zeigen 20–50 % relevante autistische Merkmale. AuDHS ist damit keine Randerscheinung, sondern eine häufige Überlappung.

 

AuDHS bezeichnet Menschen, bei denen Autismus und ADHS gemeinsam diagnostisch vorliegen. Gleichzeitig zeigen viele Menschen mit ADHS autistische Merkmale, ohne die Kriterien für Autismus zu erfüllen. Die Monotropismus-Hypothese hilft zu verstehen, warum diese Überschneidungen so häufig auftreten.

 

Wie muss man ein AuDHS-Kind begleiten – und wie müssen Autismus-Strategien erweitert werden?

Eine wichtige Frage – denn bei AuDHS reicht es nicht, nur Stabilität zu sichern. Entscheidend ist, Übergänge gut zu begleiten. Klassische Autismus-Strategien wie Struktur, Vorhersagbarkeit und Reizreduktion bleiben wichtig. Bei AuDHS reichen sie jedoch nicht allein aus, weil Aufmerksamkeit stark an etwas hängenbleibt und sich nicht einfach wieder ablösen lässt.

 

Struktur: ja – aber mit Spielraum:

Starre Abläufe können bei AuDHS genauso überfordern wie Chaos. Hilfreich ist eine klare Orientierung: ein klarer Anfang, eine überschaubare Dauer und ein erkennbares Ende – ohne dass jeder Schritt festgelegt sein muss.

 

Der wunde Punkt sind Übergänge:

Nicht das Tun ist das Problem, sondern das Umschalten: von Interesse zu Pflicht, von dem, womit man innerlich gerade beschäftigt ist, zu einer äusseren Anforderung, von Fokus zu Fokus. Begleitung heisst hier, Übergänge anzukündigen, Zeit zu lassen und das innere Ablösen ernst zu nehmen – nicht als Verweigerung zu lesen.

 

Beispiel 1: Übergänge und Fokus (17 Jahre)

Mein 17-jähriger Teenager sagt oft, ich sei extrem ungeduldig. Aber ich glaube, es geht weniger um Ungeduld als darum, was passiert, wenn ich ihn zu rasch aus seinem Fokus reisse. Dann geht gar nichts mehr – ausser, dass wir Krach haben. Abruptes Umschalten funktioniert nicht. Nie.

Und natürlich verstehe ich auch mich: Ich bin die, die das Geschirr und Besteck gern sofort wieder in der Küche hätte, wenn ich gleich servieren will und in den Schubladen gähnende Leere herrscht.

Bei AuDHS kann Aufmerksamkeit nicht kontrolliert gelöst werden – selbst dann nicht, wenn Struktur vorhanden ist.

 

Beispiel 2: Das Bleiben der Gefühle (17 Jahre)

AuDHS zeigt sich nicht nur in der Aufmerksamkeit, sondern auch in der Emotionsregulation. Wechsel, Unterbrechungen und Überforderung betreffen nicht nur den Fokus, sondern auch Affektsteuerung und innere Stabilität. Was wie eine emotionale Überreaktion wirkt, ist oft ein Regulationskollaps.

Mein 17-jähriger Teenager zeigt manchmal Emotionen, die nicht einfach wieder loslassen, sondern ihn über Tage begleiten. Auslöser können Themen sein wie eine Abstimmung, die Massentierhaltung begünstigt, oder für ihn unfaire Trinkgeldregelungen für Praktikant*innen. Was ihn bewegt, ist nicht nur die konkrete Situation, sondern das dahinterliegende Unrecht, das sich innerlich festsetzt.

Diese Form des Bleibens der Gefühle ist typisch für AuDHS – nicht als bewusstes Festhalten, sondern als Affekt, der sich nicht einfach wieder lösen lässt.

Er hat nicht meine hellbraunen Augen geerbt. Aber das Bleiben der Gefühle – das teilen wir. Und ich bin nicht autistisch. Der Begriff AuDHS erklärt unsere Jungs – und unsere Familie – deutlich besser als alles, was wir bisher hatten.

 

Beispiel 3: Motivation und Sinn (13 Jahre)

Bei meinem 13-jährigen Sohn zeigen sich viele Merkmale, die sich gut mit AuDHS erklären lassen – besonders in der Frage der Motivation. Er braucht Sinn als Voraussetzung. Aufgaben, die für andere selbstverständlich sind, bleiben für ihn innerlich leer, wenn er keinen Zusammenhang spürt: keinen Zweck, keinen inneren Bezug, kein Warum. Dann geht es nicht. Nicht aus Widerstand, sondern weil sein System nicht andocken kann.

Sobald Sinn da ist – persönlich, inhaltlich oder im Miteinander –, entsteht Bewegung fast von selbst. 

Autistische Motivation kann aus Ordnung und Interesse wachsen. AuDHS-Motivation braucht Sinn – sonst greift sie ins Leere. Wird dieser Zusammenhang nicht erkannt, entstehen leicht Fehlinterpretationen. Verhalten wird als mangelnde Motivation, fehlende Disziplin oder Trotz gelesen. Die Folgen zeigen sich nicht immer sofort nach aussen.

 

Was dabei leicht übersehen wird: ADHS bringt bei AuDHS nicht nur Instabilität, sondern oft auch eine erstaunliche Flexibilität mit sich. Autistische Tiefe kann durch ADHS beweglicher werden – weniger starr, weniger festgelegt. Bei meinem jüngeren Sohn zeigt sich das sehr deutlich: Lehrerwechsel sind für ihn erstaunlicherweise kein grosses Problem. Er passt sich schneller an neue Personen und Kontexte an, als man es von einem rein autistischen Profil erwarten würde. Diese Flexibilität ist kein Widerspruch zum Autismus, sondern Teil desselben Nervensystems. ADHS öffnet Räume, wo Autismus sonst sehr eng binden würde – und macht manches im Alltag tatsächlich einfacher.

 

Diese Flexibilität macht manches im Alltag leichter – sie macht das Leben mit AuDHS jedoch nicht weniger anstrengend. Gerade deshalb wird Überforderung oft schneller sichtbar, wenn etwas nicht klappt – es sei denn, man tappt in die Disziplin-Falle und deutet sie als mangelnden Willen. Manchmal zeigt sich die Belastung jedoch auf einem anderen Weg: Viele AuDHS-Kinder funktionieren nach aussen – und erschöpfen innerlich, weil sie dauerhaft Selbstregulation ohne innere Passung leisten. 

 

Ebenso wichtig ist es, den Fokus zu respektieren. Ein monotropes System lebt von Bindung; Unterbrechungen kosten Kraft. Hilfreicher ist es, bestehende Aufmerksamkeit zu nutzen und Anforderungen daran anzudocken. Autismus-Strategien müssen bei AuDHS beweglicher, prozessorientierter und übergangssensibler werden. Nicht alles kann fest geplant werden. Manche Abläufe brauchen Spielraum, Pausen, Ankündigungen oder ein langsameres Umschalten. Entscheidend ist weniger, dass etwas getan wird, als wie der Weg dorthin begleitet wird. Übergänge brauchen Zeit, Vorbereitung und oft Begleitung. Der Massstab ist der innere Zustand – nicht der Plan.

 

Welche Strategien oder Haltungen braucht es, wenn ADHS von Anfang an mitgedacht wird?

Die zentrale Haltung ist diese:

AuDHS ist kein „Autismus plus ADHS“, sondern ein eigener Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsstil.

Regulation ist bei Autismus und ADHS immer die Voraussetzung für Entwicklung.

 

Bei AuDHS ist diese Notwendigkeit jedoch besonders sichtbar – und häufig schneller überschritten, weil mehrere Regulationsanforderungen gleichzeitig wirken. Verhalten ist dabei oft kein Ausdruck von Entscheidung, sondern von Zustand. Aufmerksamkeit, Motivation und Emotionsregulation stehen nicht jederzeit zur Verfügung; sie sind gebunden an innere Tragfähigkeit und Sinn.

 

Mit diesem Verständnis verschiebt sich mein Blick – an drei entscheidenden Punkten.

 

  1. Führung neu denken

Was von aussen inkonsequent wirkt, folgt innen oft einer klaren monotropen Logik.

Aufmerksamkeit lässt sich nicht erzwingen. Führung bedeutet bei AuDHS nicht Kontrolle, sondern Passung. Konsequenz heisst, verlässlich zwischen nicht wollen und nicht können zu unterscheiden.

Grenzen sind notwendig – aber nur wirksam, wenn das Nervensystem aufnahmefähig ist.

In dysregulierten Zuständen erzeugen sie Druck statt Orientierung.

 

  1. Tempo neu denken

AuDHS-Kinder brauchen mehr Zeit für Übergänge und oft weniger Inhalte, dafür mehr Tiefe.

Nicht weil sie langsamer sind, sondern weil ihr System anders taktet.

Normtempo erzeugt Druck; Eigenrhythmus ermöglicht Regulation und Lernen.

 

  1. Überforderung neu begleiten

Wenn Regulation zusammenbricht, hilft keine Korrektur.

Was hilft, ist Co-Regulation: Präsenz, Mitgehen, Halten.

Erst wenn das Nervensystem wieder Boden findet, werden Anforderungen erreichbar.

Manchmal heisst das, den nächsten Schritt so klein zu machen, dass er überhaupt machbar wird – erst dann kann das System wieder andocken. 

 

Eskalation ist kein Fehlverhalten, sondern ein Signal.

 

Daraus folgt für mich ein Perspektivwechsel: ADHS von Anfang an mitzudenken heisst, Entwicklung nicht an Anpassung zu messen, sondern an Passung.

Nicht Funktionieren ist der Massstab, sondern zunehmende Regulation, innere Sicherheit und die Möglichkeit, Fähigkeiten aus sich heraus zu entfalten.

AuDHS bringt nicht nur Herausforderungen mit sich, sondern auch besondere Stärken: tiefe Wahrnehmung, Kreativität, Empathie und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Diese zeigen sich dort, wo Regulation und Passung gegeben sind.

 

Wenn Konsequenz missverstanden wird

Ein solcher Zugang wird häufig missverstanden. Ein konsequenter, haltender Begleitstil wirkt von aussen manchmal inkonsequent, weil Anforderungen situativ angepasst oder zurückgestellt werden. Tatsächlich ist er hoch konsequent – nicht in der Durchsetzung, sondern in der Orientierung am inneren Zustand.

In meinem Umfeld erlebe ich dabei oft autoritäres Führen – am Nervensystem des Kindes vorbei. Gleichzeitig spüre ich Kritik, wenn ich Anforderungen situativ anpasse. Das wird vorschnell als Inkonsequenz gelesen und stellt mich infrage. Dabei folgt mein Handeln einer klaren Haltung: zustandsorientiert, rhythmusbewusst und am Kind ausgerichtet.

Führung heisst hier nicht Durchsetzung, sondern Orientierung.

 

Das AuDHS Doppelleben

Mein 17-jähriger Teenager bekommt oft Rückmeldungen, er sei sehr pflichtbewusst, halte sich an Regeln und man könne sich hundertprozentig auf ihn verlassen. Das stimmt. Diese Seite kenne ich auch. Zu Hause jedoch zeigt er sich impulsiver, emotionaler und ziemlich chaotisch. Manchmal wirkt es fast so, als führe er ein Doppelleben. 

 

Natürlich ist es kein Doppelleben. Bei AuDHS sind autistische und ADHS-Anteile gleichzeitig vorhanden. Je nach Kontext und Energie verschiebt sich, welcher Anteil nach aussen stärker sichtbar wird. Auch Medikamente können diese Balance beeinflussen, indem sie einzelne Prozesse stärker dämpfen oder entlasten. Das erklärt, warum dieses Pendeln zwischen starker Kontrolle und Impulsivität auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint – es aber nicht ist.

 

Draussen braucht sein Nervensystem Kontrolle: Reize müssen gefiltert, soziale Erwartungen gelesen, Regeln eingehalten werden. Autistische Strategien wie Struktur, Rückzug und Maskierung übernehmen dann die Führung – energieaufwendig, aber nach aussen unauffällig.

 

Zu Hause fällt diese Kontrolle weg. Der Safe Space erlaubt Entlastung, und die ADHS-Anteile werden sichtbarer: Impulsivität, emotionale Entladung. Die Regulation des Nervensystems darf hier nachlassen.

 

Ein letzter Gedanke

Vielleicht geht es im Leben darum, zu verstehen,

wie Menschen die Welt berühren.

 

Manche binden ihre Aufmerksamkeit tief.

Nicht schnell, nicht beliebig –

sondern dort, wo etwas Bedeutung hat.

 

Sie fühlen intensiv,

bleiben lange bei dem, was sie bewegt,

und brauchen Raum, Zeit und Sinn,

um bei sich zu bleiben.

 

Das ist eine wunderschöne Art, lebendig zu sein.

 

Ein Glück, das manchmal alles überstrahlt –

und manchmal erst möglich wird,

wenn die Welt klein genug ist.

 

 

 

Literaturliste 

 

Original auf X von Dr. Jen Wolkin:

 

“ADHD: I lose my train of thought mid-sentence.

Autism: I remember the sentence from 2017.

AuDHD: I remember the 2017 sentence … but not why I walked into this room.”

— Dr. Jen

 

“Zudem ist das Erscheinungsbild von AuDHS oft untypisch. Die Impulsivität des ADHS kann die soziale Zurückhaltung des Autismus überdecken, sodass der Mensch extrovertierter wirkt als ein „typischer“ Autist. Umgekehrt kann das Bedürfnis nach Struktur bei Autismus das Chaos und die Desorganisation des ADHS teilweise kompensieren.” Dr. Stemper 

https://www.praxis-psychologie-berlin.de/wikiblog/articles/audhs-autismus-und-adhs-eine-komplexe-kombination?utm_source=chatgpt.com

 

Online-Fragebogen zum Monotropismus:

https://monotropism.org/2023/mq/

 

“Der Monotropismus wurde als Theorie des Autismus formuliert. Er versucht, die Erfahrungen und Merkmale autistischer Menschen durch die Tendenz zu erklären, Ressourcen wie Aufmerksamkeit auf wenige Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, sodass für alles andere wenig übrig bleibt.” (…) “Im Laufe der Zeit wurde deutlich, dass viele Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sich auch stark mit vielen Aspekten des Monotropismus identifizieren.” Fergus Murray & Sonny Hallett (2023)

https://monotropism.org/adhd/?utm_source=chatgpt.com