Autismus und Schlaf  – “Ich will nicht ins Bett!”

Ich will nicht ins Bett

Nach 9 Monaten Schwangerschaft hat man es endlich geschafft. Und dann merkt man – es fängt gerade erst an. Nicht für das Kind zwar, da sei es laut einer Vorlesung in Entwicklungspädiatrie vor allem der Übergang vom umgebenden Wasser an die Luft quasi mit anderer Schwerkraft. Und ’schwer-Kraft‘ ist ja auch Thema als frischgebackene Eltern. Immer abrufbar zu sein Tag und Nacht über Tage, Wochen, Monate…

Ich starte mit meiner Anfänger-Baby Geschichte. Auch wenn es sich dabei um mein zweites Kind handelt. Mein zweites Baby konnte ich im ersten Jahr ab und zu einfach ins Bett legen, wenn es müde war und es schlief. Klar, hatte auch dieses Kind ab und zu eine Schrei-Stunde abends und mein Mann oder ich trugen es dann im Mei Tai nahe bei uns durch diese Zeit. Das ist für mich aber kein Schlafproblem – eine verständliche Reaktion nach einem strengen Tag, die zum Repertoire eines Babys gehört. Da ich es ganz anders kannte, fühlte ich mich dadurch wie eine Zauberin. So verzaubert fühlen sich Eltern mit anderen Erfahrungen diesbezüglich, wenn ihnen dieses Kunststück – in Zufriedenheit aller – mit links gelingt.

Ganz anders sah das bei meinem ersten Baby aus. Ich fühlte mich dadurch gleich in ein Level für fortgeschrittene Mütter katapultiert. Es handelte sich scheinbar um ein sehr willensstarkes Kind, wie mir von der Kinderärztin mitgeteilt wurde. Es wehrte sich sehr gegen alles, was ihm nicht behagte. Und ich versuchte, dass es ihm irgendwie gefiel – in diesem Leben ausserhalb. Einigen Müttern um mich herum wurde schnell klar, ich bin eine sehr komplizierte Mutter, die nur ihr Kind im Kopf hat und nichts sonst. Ich fühlte mich wiederum sehr, sehr missverstanden. Ich versuchte mein Kind doch nur von zuviel Welt zu schützen. Das war der Start der Verkleinerung meines Freundeskreises. Schliesslich brauchte mein Baby eine neuronal passende Umgebung, um zur Ruhe zu kommen. Das war sogar zu Hause im vertrauten Umfeld nicht einfach. Es bewährte sich, wenn ich mich an Rhythmen hielt. Und dann musste ich alles geben. Erschwerend kam dazu, dass es mit 6 Monaten krabbelte und mit 10 Monaten gehen konnte. Kein Kind mit diesen Fertigkeiten bleibt im Bett, wenn das die Mutter auch noch so möchte – zumindest genau so erlebte ich es in meiner Ein-Kind-Studie. So versuchte es schon bald mit Erfolg über das Gitter des Bettes zu klettern. Das erschwerte das Einschlafen und Durchschlafen. Denn einmal draussen, ist unweigerlich Tagesstart. Nochmals einschlafen? Sicher nicht!

 

 

Baby/Kleinkinder und Schlaf

„Irgendwann ist jedes Kind müde – irgendwann schläft es ein. Bestimmt!“  M.N.

 

Dies wurde – inspiriert durch meine Mutter und ihre Erfahrungen – bei meinem ersten Kind zu meinem Mantra. 

Dass ich in einem höheren Erziehungslevel startete, konnte ich rückwirkend auch nachlesen. Vielleicht bin ich also gar nicht die komplizierte Mutter? Vielleicht spürte ich ja nur die besonderen Bedürfnisse meines Kindes und wusste noch nicht, um was es sich genau handelt? Und wirklich sind bei jungen Kinder im Autismus-Spektrum laut dem Artikel „Subjektive schlafbezogene Parameter bei Patienten mit Autismus-Spektrum-Störung“ (siehe Anhang) einige Punkte bekannt, die das Schlafen tatsächlich erschweren. Das Verweigern des abendlichen Zubettgehens ist nur ein Punkt. Auch schlafbezogene Ängste, Parasomnien und nächtliches Erwachen gehören oftmals dazu.

Mein Mann und ich entwickelten mit der Zeit Strategien, wie man es doch schafft, dass die Augen eines todmüden Kindes zufallen, sei das zum Einschlafen oder Wieder-Einschlafen. 

 

Life Hacks für Eltern mit kleinen Kindern

Wie findet ein Baby/Kleinkind in den Schlaf?

  • Schaukelnd im Kinderwagen/Buggy auf einem Spaziergang über Feldwege.
  • Das Kind im Mei Tai tragen und wie ein Tiger in einem Käfig hin und her gehend. 
  • Auf einem Stuhl sitzend Kind im Kinderwagen/Buggy abrupt und regelmässig hin und her stossen/ziehen. 
  • Neben das Kind liegen. 
  • In den Schlaf stillen. 
  • Auto fahren. 
  • Schlafdauer und Mittagsschlaf gut abwägen, damit nicht zuviel Schlaf zu einer Schlafstörung führt. (Schlafprotokoll.)
  • Für Schlafenszeiten jeweils zu Hause sein oder an einem ruhigen Ort mit Kinderwagen/Buggy/Picknickdecke in der Natur.
  • Rhythmus einhalten: schlafen, essen.

 

Kinder, die den Schlaf nicht finden, stürzen ihre übermüdeten Eltern in eine grosse Verzweiflung. Und sich selber?

Warum das Thema Schlaf eben doch wichtig ist

Autistische Kinder haben mit vielen Herausforderungen zu kämpfen – Reizüberflutung, Kommunikation, Schule etc. Oftmals wird dem Thema Schlaf aber nicht die Wichtigkeit zugesprochen, die es verdienen würde. Laut dem Spectrum Artikel “How to get children with autism to sleep” von Claudia Wallis, haben 1-16% neurotypischer Kinder Schlafprobleme. Bei Autismus sind es über 80%. Schlaf kann ja nicht isoliert betrachtet werden. Schlaf ist Erholung. Ein Defizit dessen hat Auswirkungen auf alle übrigen Lebensthemen.

 

„Es kann sehr gut sein, dass das Kind, wenn es besser schläft, in Bezug auf Lernen und Verhalten besser abschneidet.“ Beth Malow

 

Es ist also wichtig, dass das Thema Schlaf nicht als nebensächlich abgehandelt wird.

 

Wie ist der Schlaf bei autistischen Kindern?

Eine Studie der Ben-Gurion-Universität des nationalen Autismusforschungszentrums des Negev in Israel zeigt auf, dass autistische Kinder oftmals Mühe haben in der ersten Hälfte der Nacht in die sonst übliche Tiefschlafphase zu gelangen – sie schlafen viel oberflächlicher. Ein tiefer Schlaf in der ersten Hälfte wäre für erholsamen Schlaf aber sehr wichtig.

Das bedeutet also, dass Einschlafen, Durchschlafen und Aufwachen nicht dieselbe Leichtigkeit beinhalten, wie es bei manchen neurotypischen Kindern der Fall ist. Darum muss dieses Thema auch transparent gemacht werden. Es kann sein, dass sich der Rhythmus verschiebt. Kein Kind soll nach nur 3h Schlaf in die Spielgruppe. Kein Arzttermin für eine Impfung plus Entwicklungskontrolle macht Sinn, wenn ein Kind davor den Schlaf nicht gefunden hat. Kein übermüdetes Kind, das geweckt wurde und extrem schlechte Laune hat dadurch, schafft es, in 45 min den Schulbus zu erwischen. Man könnte es als Eltern unter “krank” laufen lassen. Noch lieber wäre mir aber, wenn Fachpersonen, wie es unsere zweite Spielgruppenleiterin war, eine grosse Flexibilität zu Tage legen und cool äussern: 

 

“Er darf auch erst auf den Znüni kommen, wenn das für euch stimmt. Schau einfach, ob das überhaupt geht und schreibe eine WhatsApp, falls/wenn ihr euch auf den Weg zur Spielgruppe macht.” C.R.

 

Ursachen

Es ist nicht einfach herauszufinden, warum der Schlaf vor allem in den ersten beiden Schlafstunden so viel oberflächlicher ist. Als ein möglicher Grund wird im Spectrum Artikel “How to get children with autism to sleep” von Claudia Wallis genannt, dass zu wenig Schlafdruck da ist – das Kind einfach nicht müde. Ich persönlich kenne aber auch genau das Gegenteil. Zu viel Programm kann das Kind so aufpushen, dass der Schlaf ebenfalls nicht leicht gefunden wird. Autist(inn)en haben ja eine Hyperwahrnehnung. Somit kann schon der reizärmere Alltag sehr fordern und alles Zusätzliche rasch überfordern. Zudem muss erwähnt werden, dass Menschen mit einer sehr empfindsamen Wahrnehmung den Übergang vom Wachzustand bis hin zum Schlaf exakt spüren können, was als Veränderung wiederum wie ein Kontrollverlust wirken kann und Panik auslösen. (Mir persönlich gab Yoga Nidra – siehe Anhang – diesbezüglich Sicherheit, da es sich für mich wie ein Spielen mit den „Wellen“ anfühlt.)

Zudem haben manche Medikamente Einfluss auf das Schlafverhalten und den Wachheitszustand. Gerade bei Autismus sind Medikinet, Ritalin, Sertralin etc. keine Seltenheit. Das muss man wissen, damit nicht in die falsche Richtung nach Lösungen gesucht wird.

 

“ (…) oder Medikamente erfordern, die den Schlaf stören. Beispielsweise verursachen ADHS-Stimulanzien häufig Schlaflosigkeit. Und viele Psychopharmaka können tagsüber zu Schläfrigkeit führen, die die Qualität der Nachtruhe beeinträchtigt.“ Claudia Wallis

 

Der natürlich Schlaf-Wachrhythmus kann aber auch Kapriolen machen. So wurde in einer kleine aber interessante Studie festgestellt, dass bei manchen Autist(inn)en eine Clock-Gen-Mutation vorliegt.

 

„In einer Reihe von Studien wurde in dieser Population ein unterdurchschnittlicher Melatoninspiegel festgestellt. Das Hormon wird die ganze Nacht über von der Zirbeldrüse in der Mitte des Gehirns ausgeschüttet, wodurch Schläfrigkeit induziert und aufrechterhalten wird.“ Claudia Wallis (Spectrum Artikel “How to get children with autism to sleep”)

 

Sie werden älter –  ältere Kinder/Teenager und Schlaf

Sie werden älter – zum Glück. Oftmals schwelge ich mehr rückblickend geniessend und Fotos bestaunend in der Baby- und Kleinkindzeit. Mittendrin war ich einfach voll beschäftigt durch den Alltag mit Kindern und teilweise noch Arbeit. Ich finde, dass es mit meinen Kindern immer einfacher wird durch eine wachsende Selbständigkeit, auch wenn immer neue Themen dazu kommen, die uns oftmals herausfordern und wir zu Beginn noch nicht wissen, wie wir das nun wieder auf die Reihe kriegen. Da wir das aber noch immer geschafft haben, sind wir auch zuversichtlich, ausser wir sind gerade mittendrin. Dennoch, so sagt das auch mein älterer Sohn: 

 

“Zuerst sind wir verzweifelt und dann finden wir die Lösung. Das ist immer so.” 

 

Eine sehr weise Aussage. Da muss doch ganz viel Vertrauen in uns Eltern und unsere Familie sein.

Bei älteren Kindern und Teenager wandelt sich so manches – auch das Schlafverhalten. Die Herausforderungen diesbezüglich sehen also wieder ganz anders aus – auch bei autistischen Kindern und Jugendlichen. Die Einschlaflatenz verlängert sich, die Schlafdauer wird kürzer und dafür steigt die Tagesschläfrigkeit.

Für Lynn McCann ist bei Problemen im Verhalten autistischer Jugendlicher in der Oberstufe dadurch immer an äussere Faktoren – wie eben auch Schlaf – zu denken.

 

“Viele autistische junge Menschen haben jedoch schlechte Schlafgewohnheiten und haben diese vielleicht auch schon den grössten Teil ihres Lebens.

Schlafmangel in Verbindung mit der Pubertät und den hormonellen Veränderungen kann dazu führen, dass ein autistischer Schüler extreme Müdigkeit, Wut und Anzeichen von Depressionen zeigt, die sich auf das Verhalten im Klassenzimmer auswirken können.” Lynn McCann

 

Vielfach ist es den älteren Kindern und Jugendlichen gar nicht bewusst, was gerade schief läuft. Damit sie zu erholsamen Schlaf kommen, hilft oftmals ein Gespräch. Guter Schlaf ist nämlich sehr wichtig. Das bedingt, dass ein guter Umgang mit dem Handy oder Tablet oder Nintendo Switch gefunden wird. Soll man diese als Eltern abends in gegenseitiger Absprache einziehen, damit nicht in Versuchung geführt wird?

Nicht nur der Umgang mit den sozialen Medien kombiniert mit blauem Licht ist eine neue Herausforderung, auch die selbst gewählte Dunkelheit. Mein älterer Sohn wäre in den Ferien am liebsten ganztags im dunklen Zimmer. Ich kann verstehen, dass die Dunkelheit mit einer Hyperwahrnehnung vielleicht als sehr angenehm empfunden wird – gesund kann das aber nicht sein, sagt mein Gefühl. Und möglicherweise habe ich sogar Recht damit, denn die körpereigene Melatoninproduktion kommt so bestimmt aus dem Gleichgewicht – noch mehr. Jedenfalls verordne ich dann regelmässig von uns sogenannte „Vitamin-D-Pausen“ in der Lounge. Das wird akzeptiert.

 

Schlaf-Programm nach Beth Malow & Team

Beth Malow, Professorin für Neurologie und Pädiatrie an der Vanderbilt Universität in Nashville Tennessee, teilt etwas mit mir. Wir haben beide zwei Söhne im Autismus-Spektrum – bei ihr allerdings ohne Schlafprobleme. Auch das gibt es. Dennoch entwickelte Malow ein Schlaf-Programm für Eltern autistischer Kinder. Das geht ganz einfach – ausser den einheitlichen Schlaf- und Weckzeiten, die sind herausfordernd. In den Schulferien braucht das ziemlich Disziplin. Oder danach wieder Geduld, bis…

 

Die 8 Punkte von Malow für eine gute Schlafhygiene

(Grundvoraussetzung: Das Kind ist gesund – sonst diesbezüglich zuerst handeln. Krämpfe, Verdauungsprobleme, Schlafapnoe etc.)

  1. Festlegen von einheitlichen Schlaf- und Aufwachzeiten
  2. Nachts das Zimmer abdunkeln
  3. Beim Aufwachen hell machen
  4. Tagsüber genug Bewegung draussen
  5. Koffein einschränken
  6. Vor dem Schlafen eine Ruhephase ohne “blaues Licht” (LED-Lampen, Bildschirme von Smartphones, Tablets, Computer, TV)
  7. Vorlieben für Routine und Gleichheit nutzen
  8. Keine juckende Bettlaken oder Schlafanzüge, keine störenden Geräusche – Spülmaschine, Ventilator, Heizung

 

Natürlich hilft dieses Schlafhygiene-Programm nicht allen Kindern. Aber doch 29 der 80 Kinder zwischen 2 und 10 Jahren schliefen folgend auf dieses Programm an 5 – 7 Nächten pro Woche zuverlässig in weniger als 30 min ein. Da es ein sehr liebevolles und machbares Programm ist – why not!? Probieren geht – zumindest in dem Fall – über Studieren.

 

Life Hacks für Eltern von Kindern und Teenager

  • Für Schlafdruck genug körperliche Aktivität tagsüber.
  • Zum erleichterten Runterfahren keine Reizüberflutung tagsüber. Dosiert
  • Einschlafbegleitung – eine Weile ging es auch bei meinem jüngeren Kind ohne, dann kamen wieder Ängste, doch reicht es aktuell, wenn ich mich 5min ins Zimmer setzte.
  • Einschlafritual – wird oft empfohlen, haben wir aber nicht, da es meine Kinder gefühlt wieder aktiv macht. (Oder dann ist es der gewohnte Ablauf, dass der Tag von Aktivität zur Ruhe sanft ausklingt ohne noch etwas?) Allerdings kenne ich eine Familie, die mit autogenem Training in Geschichtenform auf einer CD sehr gute Erfahrungen macht
  • Schlafplatz und Pyjama dem eigenen Wohlfühlen angepasst: extra schwere Decke oder gar keine Decke, genug kühl, dunkel, evtl. Tür einen Spalt offen, keine juckenden Webetiketten am Pyjama etc.
  • Pharmakologische Alternativen wie medizinisches Cannabis oder Melatonin – immer in Absprache mit dem Arzt.
  • Wieviel Schlaf braucht das Kind etwa? Eine zu hohe Erwartung diesbezüglich resultiert ebenfalls in einer Problematik – Thema Mittagsschlaf sorgfältig abwägen oder Power Nap von 20min mit Wecken unterbrechen.
  • Handy, Tablet, Switch haben ab 22 Uhr Pause. Einsammeln oder Programm dafür. 
  • Kein „blaues Licht“ vor dem einschlafen
  • Kein Eistee oder Cola mit Koffein etc.
  • Nachts dunkel – tagsüber viel draussen.
  • Gleichbleibender Rhythmus: einschlafen und aufwachen.

 

Erwachsene und Schlaf

Bei Erwachsenen gibt es nicht viele Daten zum Thema Schlaf und Forschungsbedarf wäre vorhanden. Dennoch zeichnete sich folgendes ab, dass erwachsene Autist(inn)en längere Einschlaflatenzen haben, eine geringere Schlafeffizienz und nachts häufiger aufwachen.

Auf Twitter lese ich immer wieder, wie schwierig Nächte für erwachsene Autist(inn)en sein können.

 

 

 

Ich vermute, dass dieses Thema in Zukunft eine neue Wichtigkeit bekommen wird. Ich bin gespannt. Es ist jedenfalls anzunehmen, dass ein fehlender erholsamer Schlaf so manches verstärkt: Überreizung, Ängste, Zwänge, Anzeichen von Depressionen, Wut, Hyper-Emotionalität etc.

 

Die Intense World Theory und Schlaf

Die Theorie der intensiv erlebten Welt von Henry Markram & Team beschreibt das autistische Gehirn als überempfindlich. Es wird also angenommen, dass dadurch die Umwelt viel extremer wahrgenommen wird, und zwar Reize jeglicher Art – nicht zu vergessen der emotionale Overload. Das ist Stress pur.

 

„Aus der Perspektive der Intense World Theory sei es für ein junges autistisches Kind in der Regel völlig unerträglich, wenn es einer reizüberflutenden Umwelt ausgesetzt werde. Jedoch gebe es durchaus autistische Kinder, die so etwas lieben würden, weshalb eine personenzentrierte Betrachtung sehr wichtig sei.” Georg Theunissen

 

Ich plädiere darum ganz im Sinne von Georg Theunissen für eine individuell angepasste Sichtweise ohne zu sehr zu verallgemeinern. Auch wenn es klare Tendenzen gibt, was Autist(inn)en Stress auslöst mit folglich Auswirkungen auf die Schlafqualität – jeder hat sein eigenes Profil. Eltern müssen darum wachsam sein, wenn es darum geht, die Herausforderungen für ihr Kind abzuschätzen. Stressreduktion kann erheblich zu besserem Schlaf beitragen. Oftmals handelt es sich tatsächlich um viel zuviel Welt. Die Kinder, die den lauten Trubel geniessen, scheinen mir in der Minderheit zu sein, wobei zum Beispiel Lärm für meinen älteren Sohn je nach emotionalem Bezug wieder als sehr positiv erlebt werden kann. Auch wenn Handtrockner und Laubbläser einen absoluten Overload verursachen, so wird der 1. August mit dem Feuerwerk geliebt. Und dennoch würde ich nun behaupten, dass Lärm ein grosser Stressor für ihn ist. Aber Lärm tritt ja auch sehr unterschiedlich auf. Er kann durchgehend gleich sein oder arhythmisch, hervorsehbar oder überraschend in Aktion treten, selbst- oder fremdinitiiert… 

 

Und noch ein bisschen Naomi Aldort: Der Mythos von der Elternzeit abends 

Immer dann, wenn mein Muttergefühl in der Erziehung in das Dilemma gerät zu unterscheiden, was ich innerlich weiss, wie es geht und dennoch gesellschaftlich geprägt nun herauskommen will, muss ich Naomi Aldort lesen. Sie schafft es, dass ich mich auf meine innere Weisheit besinne, die wir übrigens alle haben.  Dazu ein Mythos, dem auch ich und mein Mann verfallen sind. Wir wollen abends noch etwas Elternzeit. Das ist nämlich unser grösster Frust. Naomi Aldort muss uns diesbezüglich aber enttäuschen. Laut ihr gibt es keinen schlechteren Zeitpunkt für Elternzeit als eben dann. Stimmt. Zurecht sagt mein Mann daraufhin: „Aber wann dann?“ Das kommt unserem Bedürfnis nach Zeit für uns alleine nun etwas in die Quere. Zugegeben, auch ich lese gerne mal was, wenn die Kinder mich gerade nicht brauchen und mein Mann nutzt diese Zeit dann auch für sich. Und diese neue Denkweise gilt es nun irgendwie in unser Leben zu integrieren. Es soll zu unserer Entscheidung werden und nicht, dass es aufgrund der oft anstrengenden Zu-Bett-Geh-Zeit nicht passt. Und nicht zuletzt entlastet auch diese Weisheit, wenn alles rundherum Druck macht bei müden Eltern autistischer Kinder, dass man mal ein Wochenende Wellness machen soll ohne sie etc., was betreffend Betreuung mit Übernachten ja schier nicht geht.

 

„Es stimmt nicht, dass eine Ehe nur dann funktioniert, wenn die Partner täglich Zeit für sich haben. Die gemeinsame Erziehung Ihrer Kinder ist das Fundament Ihrer Ehe.“ Naomi Aldort

 

Und klar geht unterdessen auch mal ein Glas Wein vor dem TV, ein Kaffee zu zweit im Wohnzimmer, ein Tee in der Lounge oder gar ein Wochenende mit einer Vorstellung von Zuccolini in Pontresina, wenn meine Schwägerin übernimmt und mit den Kindern bei uns zu Hause übernachtet – danke 🙂 . Vielleicht muss man bei erschöpften Eltern von der Idee Elternzeit erstmals in der puren Art wegkommen, wie immer geraten wird als DIE Lösung überhaupt. Bei uns war das Hauptthema lange eher unser elterliches Schlafdefizit mit Auslöser Autismus der Kinder. Und gegen diese grosse Müdigkeit half/hilft uns zudem mehr, wenn abwechselnd jemand ausschlafen darf und bei Ausflügen nicht immer beide Elternteile mit dabei sind.

 

Die persönlichen Formeln finden

Immer, wenn ich für mich Formeln finde, dann wird alles leichter. Es sind meine Formeln zum Thema Autismus und Schlaf und niemand sagt zu mir: Du musst!“ Ich geniesse einerseits, wie entspannt Naomi Aldort dieses Thema angeht und möchte, dass sich diese Gelassenheit auf mich abfärbt.

 

„Mein Mann sagte zu ihr: „Es ist ganz einfach; unsere Kinder essen, wenn sie Hunger haben, und schlafen, wenn sie müde sind.“ Ein oder zwei Jahre später kam dasselbe Kind zu mir und sagte: „Mama, ich bin müde, ich möchte jetzt schlafen gehen“, obwohl der Rest der Familie noch mit diesem oder jenem beschäftigt war.“ Naomi Aldort

 

Ich war in der Baby- und Kleinkindzeit sehr auf Rhythmen bedacht und gestaltete das Thema Schlaf keineswegs so frei. Dennoch bewundere ich, dass man den Pfad bei einer ‚Familienerschöpfung‘ nicht unbedingt in die Richtung radikaler Schlafprogramme einschlagen muss – es geht auch anders mit viel Vertrauen in die Kompetenzen des Kindes. Wir halfen/helfen unseren Kindern immer, da uns bewusst ist, dass das Thema Schlaf mit Autismus nochmals eine intensivere Herausforderung darstellt. Das bemerkte auch meine Mutter und schaute so oft als möglich trotz Berufstätigkeit meinem herausfordernden ersten Baby und ich durfte in der Zeit schlafen. Ich will es keinesfalls beschönigen. Und dann kenne ich auch noch eine Familie mit einem sehr, sehr feinfühligen autistischen Kind, die mit medikamentöser Unterstützung – Melatonin – sehr gute Erfahrungen gemacht hat. Zu so einer Lösung hätte ich in ihrer Situation auf jeden Fall auch gegriffen. Auch lese ich immer wieder Artikel zu Autismus und medizinischem Cannabis. Allerdings habe ich mir dazu noch keine abschliessende Meinung bilden können. 

 

Jeder muss seine persönliche Formel finden – schliesslich ist auch jeder Mensch anders. Auf jeden Fall brauchen Familien mit autistischen Kindern Verständnis für ihre andere Situation und auch Respekt davor, wie sie ihre persönliche Themen angehen. 

 

Ich will noch nicht ins Bett

Und manchmal werden Themen ja wirklich ganz anders angegangen als üblich – bis hin zum Zu-Bett-Geh-Ritual.

 

„Natürlich gibt es Kinder, die gerne Geschichten oder Lieder zur Beruhigung hören; wenn ein Kind jedoch sein eigenes Zu-Bett-Geh-Ritual entwickelt, sieht es meistens anders aus: Es hüpft, es läuft weg, wenn es seinen Schlafanzug anziehen soll, kichert, macht eine Kissenschlacht und lädt uns zu einem wundervollen energiegeladenen Zu-Bett-Geh-Spiel ein.“ Naomi Aldort

 

Ich glaube für uns auch eher an eine Ruhephase vor dem Einschlafen, wie es Beth Malow empfiehlt. Ich möchte allerdings nicht ausser Acht lassen, dass es bestimmt auch autistische Kinder gibt, die durch Ruhe-Geschichten ganz hibbelig werden und Action zur Beruhigung in Hinblick auf Schlaf brauchen – zuerst noch ein bisschen „ich will noch nicht ins Bett“ zelebrieren müssen. (Das kam ja auch in Markrams Forschung heraus.) 

Naomi Aldort hinterfragt zu Recht – da sind so viele Mythen, die unreflektiert als Wahrheit gelten. Ihre Ideen sind so inspirierend! Nicht jedem dasselbe – sondern jedem das, was er braucht. Man darf also getrost auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen, auch wenn man dabei kurz innehalten muss um sich zu überlegen, welche Bedürfnisse wirklich bestehen in Abgrenzung zu Wünschen. Der Wunsch des Kindes die ganze Nacht zu gamen steht im Widerspruch zum Bedürfnis nach Erholung und Schlaf – für Kind und Eltern.

 

 

 

Literaturliste

 

Clock-Gene Mutation 

https://www.spectrumnews.org/features/deep-dive/get-children-autism-sleep/

 

Teenager und Schlaf – Schule

https://www.reachoutasc.com/blog/autism-and-behaviour-in-secondary-school

 

Teenager und Schule – späterer Schulstart

https://www.kqed.org/mindshift/52737/how-a-later-school-start-time-pays-off-for-teens

 

Schlafregeln für Teenager (Handy) oder erklären, warum genug Schlaf so wichtig ist

https://www.kqed.org/mindshift/52180/how-to-help-kids-manage-sleep-schoolwork-and-screens

 

Melatonin

https://autismus-kultur.de/autismus/eltern/schlafstoerungen-bei-autistischen-kindern-so-helfen-sie-ihrem-kind.html

 

Schlafstörung und Autismus

https://www.timesofisrael.com/children-with-autism-suffer-from-lower-sleep-depth-study-shows/

 

Schlafstörungen im Kleinkindalter, Teenager und bei Erwachsenen:

 

Veronika Best · Andreas Riedel · Bernd Feige · Ludger Tebartz van Elst ·

Dieter Riemann · Kai Spiegelhalder

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg Medizinische Fakultät, Albert-

Ludwigs-Universität Freiburg, Freiburg, Deutschland

Subjektive schlafbezogene

Parameter bei Patienten mit

Autismus-Spektrum-Störung

  1. November 2017

 

https://twitter.com/Islieb/status/1216829667086340098?s=09

 

Naomi Aldort – Zen in der Kunst des Zu Bett-Gehens oder: Die Mär vom Zu-Bett-Gehen

https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&url=https://www.hebamme4u.net/fileadmin/_migrated/content_uploads/0710_aldort_zubettgehen.pdf&ved=2ahUKEwjhzavvtY_nAhVHJlAKHao1CI0QFjADegQIAxAB&usg=AOvVaw0VKfR4YgoQa_oqHK1i1VM-

 

Aldort, N. (2010). Von der Erziehung zur Einfühlung. Wie Eltern und Kinder gemeinsam wachsen können. Freiamt im Schwarzwald: Arbor Verlag.

 

Spectrum (@Spectrum) twitterte um 9:32 PM on Mo., Jan. 20, 2020:

As much as 86 percent of children on the spectrum experience disrupted sleep, which can leave them feeling out of sync with the rest of the world https://t.co/5P6f0uCg3k

(https://twitter.com/Spectrum/status/1219356933603438596?s=09)

 

Yoga Nidra von Barbara Kündig

https://www.blickinsbuch.de/item/afdfac91af29e5f9eed1133b666f8b81

 

Theunissen, G. (2004). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer. (Intense World Theory: s.64-80.)

 

Unterschied: Bedürfnis und Wünsche

https://attachment-parenting.de/wuensche-vs-beduerfnisse-wie-unterscheidet-man-sie/

 

Teenager brauchen genauso viel Schlaf wie Kinder
 
 

Zwei Zitate noch:

 

„Besonders aber gebe man dem Gehirn das zu seiner Reflexion nötige, volle Mass des Schlafes; denn der Schlaf ist für den ganzen Menschen, was das Aufziehen für die Uhr.“ Arthur Schopenhauer

 

„Schlaf ist Hineinkriechen des Menschen in sich selbst.“ Christian Friedrich Hebbel

 

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