PDA und Schule – was es mit fight, flight, freeze, fawn und attachement auf sich hat

Ein Rauchmelder kann nicht unterscheiden, ob nur der Toast leicht angebrannt ist oder das Haus brennt. Ungefähr so funktioniert auch die Amygdala – auch sie macht manchmal diesbezüglich Fehler (vgl. Karen Young).

 

Angst

Autistische Schüler*innen mit PDA-Profil empfinden Forderungen, Erwartungen, Wünsche etc. als Angriff auf ihre Sicherheit und somit ihr Wohlbefinden. Es geht also gar nicht um die Sache an sich, sondern um die Tatsache, dass sie von jemandem (oder gar von sich selbst) abverlangt wird. Da Eltern, Lehrpersonen etc. oft richtige Demand-Factories sind, wird ein Leben so ziemlich kompliziert. Der Alltag ist nämlich gespickt davon: 

 

Sehr direkte Aufträge:

  • „Beginnt nun mit der Arbeit.”

 

Ein wenig subtiler:

  • „Blättert bitte alle auf Seite 7.”

 

Noch subtiler:

  • (Ein kontrollierender Blick nur…)

 

Stille Erwartungen:

  • (Spielregeln müssen befolgt werden!)

 

Selbstgemachter Druck:

  • “Meine Schrift soll gut lesbar sein – ich will diesmal keine Abzüge (Note).“

 

So viel MÜSSEN, so viel Druck! In solchen Momenten hilft autistischen Kindern und Jugendlichen mit PDA-Profil nur noch “Demand Avoidance” – eben, durch Vermeidungsstrategien die Angst quasi im Schach zu halten.

 

Vermeidungsstrategien

Um dem grossen Druck der Anforderungen und somit der Angst zu entkommen, erzählt uns die ehemalige Grundschullehrerin Julia Piney von haendcheninhand.de , was PDAers für Strategien entwickeln können – ziemlich sozialkompetent sogar:

 

  • Rollenspiel 

 

Bei Kindergartenkindern mag es vielleicht noch amüsieren, wenn sie in eine Rolle schlüpfen und plötzlich Pippi Langstrumpf sind und die geht ja gar nicht zur Schule oder eine Katze, die nun aber eine Maus fangen will und nichts anderes.

 

  • Ablenkung 
  • Hinauszögern – “gleich” oder “später”
  • Ausreden
  • Krank vorgeben
  • Verweigerung – einfach nichts tun

 

Helfen diese Strategien nicht, um das Leben unter Kontrolle zu halten und somit das grosse Bedürfnis nach Autonomie zu gewährleisten, steigt die Angst und sie schlittern in einen panikartigen Zustand und die Kampf-, Flucht- oder Freeze-Reaktion wird getriggert. (Das sind natürlich nicht alle, aber die drei bekanntesten Reaktionen.) Das zeigt sich oftmals in oppositionellem Verhalten, Widerstand, Trotz, Streit oder Aggressionen – aber eigentlich ist es Angst. Das ist auch der grosse Unterschied zur oppositionellen Verhaltensstörung, obschon sich natürlich beide oppositionell verhalten können.

 

“The main difference between PDA and ODD ist the underlying cause or reason for the behavior. In ODD is it a need to go against authority or rules, whereas for PDA it is an anxiety-driven need to be in control.” Raelene Dundon (S. 26)

 

Kein Drama

 

In der Regel sind sich die Kinder und Jugendlichen nach Ausbrüchen bewusst, dass ihr Verhalten grenzüberschreitend und für andere schwierig auszuhalten war.” FAPDA

 

Darum sollten wir Aussagen in so einem Zustand relativieren und kein Drama inszenieren, weil beispielsweise ein*e Schüler*in vielleicht ein Vokabular benutzt hat, das wirklich ein No Go ist. 

 

“Es ist schwierig, ruhig zu bleiben, wenn jemand in der Wut Äusserungen macht, die uns triggern. Aber gerade darin liegt die Magie, wenn es uns gelingt, einen verbalen Angriff des Gegenübers als das zu sehen, was es ist.” Thomas Minder (Und Wut kann auch ‘verkleidete’ Angst sein – finde ich.)

 

Solches Verhalten bedeutet letztlich ja nur, dass sich Panik breit gemacht hat und das Frontalhirn für gute Entscheidungen ausgeschaltet wurde. Klar, wenn dieses dann wieder übernimmt, ist mindestens Verwirrung angesagt. Hier dürfen wir die jungen Menschen begleiten. Und vielleicht hilft es auch, wenn allen klar ist, was bei Panik im Gehirn abläuft. 

 

Personifizierung der Amygdala 

Raelene Dundon, eine australische autistische Entwicklungspsychologin mit ADHS, rät, dass man den autistischen Kindern und Jugendlichen mit PDA-Profil von der Amygdala erzählt. Sie sieht darin einen grossen positiven Effekt, nämlich:

 

„Objectifying the amygdala and giving it its own personality can be a great way for children to visualize and separate themselves a little from their experience of anxiety. It allows them to talk to the driving force that is detecting threat in their body, and reassure it to remind it that everything is okay, assisting them to lower their anxiety symptoms and feel more control.” Raelene Dundon (S. 110)

 

Was Raelene Dundon hier rät, haben wir umzusetzen versucht. Eigentlich rechnete ich mit einer Super Mario-Mandel oder vielleicht Hulk-Mandel, aber es wurde eine bewaffnete Cowboy-Amygdala.

 

Die Cowboy-Amygdala - eine Erklärung für Schüler*innen

Diese Mandel ist also die persönliche Cowboy-Amygdala meines jüngeren Sohnes.

Die Cowboy-Amygdala ist ein kleiner wichtiger Teil des Gehirns und eben nur so gross wie eine Mandel. Sie befindet sich je ungefähr ein paar Zentimeter hinter den Augen. Als Angst kämpft sie immer für dich, will dich bei Gefahr retten und ist eigentlich eine Superkraft – mit einem kleinen Problem: Sie funktioniert ab und zu wie ein Rauchmelder. Der schlägt Alarm, wenn es nach Rauch riecht. Ein Rauchmelder kann nicht unterscheiden, ob der Toast nur leicht angebrannt ist oder das Haus brennt. Er reagiert also auf gewisse Trigger hin so oder so. Bei einem Hausbrand ist es wichtig sofort zu flüchten – bei einem dunklen Toast aber nicht. Da ist es nur Stress für nichts. Leider macht die Cowboy-Amygdala manchmal denselben Fehler wie der Rauchmelder und versorgt deinen Körper schon bei einem angebrannten Toast mit Sauerstoff, Adrenalin und anderen Hormonen. Der ganze Hormoncocktail fühlt sich im Körper sehr, sehr unangenehm an, wie wenn man eine Treppenstufe erwartet, wo keine mehr ist und ins Leere tritt. Vielleicht musst du weinen, willst dich verstecken oder wirst wütend (vgl. Karen Young).

 

Auch in der Schule kann deine Cowboy-Amygdala wie der Rauchmelder schon beim dunklen Toast Alarm schlagen. Manchmal reicht dafür schon, wenn du deine Lehrperson begrüssen MUSST oder deinen zugewiesenen Platz suchen MUSST und schliesslich mit den Matheaufgaben starten MUSST. Das hast du dir alles nicht ausgesucht. Und vielleicht ist das nicht der erste Stress des Morgens. Bereits auf dem Weg zur Schule war im Bus dein Lieblingsplatz besetzt und die heute gewählten Socken plagen dich durch die störenden Nähte. Dieses MÜSSEN, MÜSSEN und nochmals MÜSSEN mit zusätzlichem Stress wird von deiner Cowboy-Amygdala gelegentlich versehentlich als grosse Gefahr empfunden und der Revolver quasi gezückt. (Natürlich nur sinnbildlich und nie im echten Leben – klar!) Auf so viel vermeintlicher Gefahr hin reagiert die Cowboy-Amygdala unweigerlich mit besagtem Hormoncocktail und will dich beschützen wie bei einem Hausbrand, und durch den Hormoncocktail reagierst du ziemlich heftig. Es gibt mindestens fünf Arten, wie man dann ums Überleben ringen kann:

 

Die Amygdala lässt dich kämpfen, um zu überleben. Angriff! 

  • “Ich finde das Schreiben doof! Ich finde dich doof! (Du schmeisse den Stift Richtung Lehrperson.) Ich entscheide selber, was ich will.”

 

Oder sie lässt dich flüchten – schnell weg.

  • ”Ich habe das Etui vergessen. (Du versteckst das Etui unter dem Pult.) Ich kann darum gar nicht schreiben.”

 

Manchmal wirst du auch bewegungslos und hoffst, dass die Gefahr schnell vorbeizieht. 

  • Du sitzt einfach da und machst nichts und betest, dass es niemand merkt. Bald läutet es zur Pause. Noch 7 Minuten…

 

Deine Amygdala schlägt Alarm, aber niemand merkt es. Keine Hilfe kommt. Du managst der Angst zum Trotz alles extrem liebenswürdig – nur die Bedürfnisse anderer im Fokus:

  • “(…) die immer lieb sind; die immer helfen, die immer da sind; werden in diesem Verhalten oft nicht als schutzsuchend erkannt, weil sie häufig schon nicht als schutzbedürftig erkannt werden.” C. Rosenblatt 

 

Die Amygdala will dich schützen, als ginge es um Leben und Tod. Du schützt dich so, indem du einer Vertrauensperson mit guter Bindung nicht mehr von der Seite weichst. 

  • All die vielen Anforderungen heute überfordern dich derart, dass du deine Lehrperson oder Klassenassistenz oder … ganz fest brauchst. Die lässt du für den Moment nicht mehr los, erst, wenn der Spuk vorüber ist.

 

Vielleicht kennst du etwas/einiges davon ziemlich gut, konntest es aber nicht einordnen. Hast du eine Ahnung, wie du vielleicht reagierst, wenn du so viel MUSST, dass du dadurch die Kontrolle zu verlieren körperlich richtiggehend fühlst – eben, wie ein Tritt auf der Treppe ins Leere?

 

Zutreffendes bitte ankreuzen

[ ]

[ ]

[ ]

[ ]

[ ]

(Für die Erwachsenen um dich: Fight, Flight, Freeze, aber auch Fawn und nach Julia Piney ebenfalls Attachment.)

 

Wenn du aber ausgeschlafen bist und glücklich entspannt – bisher also fast keinen Stress hattest, dann bleibt die Cowboy-Amygdala auch eher ruhig mit Revolver im Halfter. Und das auch dann nicht, wenn du vielleicht ein Mathe-Test lösen MUSST oder in dieser Woche die Pflanzen giessen MUSST und so die Pause etwas kürzer ausfällt. An solchen Tagen geht viel mehr – trotz der Cowboy-Amygdala, die dich immer beschützen will und manchmal ziemlich übertreibt.

 

Ach wie schön wäre es, wenn die Cowboy-Amygdala doch verstehen könnte, dass die Lehrperson begrüssen zu MÜSSEN, auf dem zugewiesenen Platz sitzen zu MÜSSEN und mit der zugewiesenen Matheaufgabe starten zu MÜSSEN eine total ungefährliche Sache ist – genau so, wie ein dunkler Toast. Und doch ist da dieser Hormoncocktail, der dich etwas anderes fühlen lässt, nämlich grosse Angst wie bei einem Hausbrand. Aber vielleicht hilft es ja, dass du nun ein bisschen verstehst, was in deinem Gehirn abläuft und welche Fehler der Cowboy-Amygdala manchmal unterlaufen.

 

Amygdala-freundliche Interaktion

Für autistische Schüler*innen mit PDA-Profil ist es extrem entlastend, wenn sie auf Augenhöhe der Lehrperson mit dabei sein können und ihre Schulzeit aktiv mitgestalten dürfen und eben – in ihrem Sein verstanden werden. (Und natürlich sind das nur 5 Punkte von ganz vielen, die unterstützen.)

 1. Mitsprache:
Autistische Schüler*innen mit PDA-Profil brauchen Autonomie, um optimal lernen zu können. Eine Auswahl haben oder Mitsprache bei der Planung etc. sind darum extrem hilfreich für alle. Oftmals sind sie auch gute Autodidakt*innen, die Lehrpersonen mehr als Lernbegleitung auf der hierarchisch selben Ebene sehen.

 

“A learner with PDA will not see hierarchy, authority or age, so you must present yourself as an equal and someone they can learn to trust.” Laura Kerbey (S. 23)

 

 2. Laut denken:

Es ist unterstützend, wenn Lehrpersonen den Kommunikationsstil anpassen und sich so mehr indirekt der Anforderung nähern. Laut denken hilft sehr, da es langsam aufzeigt, wie etwas angegangen werden kann und ist weit entfernt von Müssen.

 

3. Was ist wichtig und was nicht?

Nicht jedes Mal muss es ein Drama geben, wenn verweigert wird. Dann wird der Coiffeurtermin halt nicht abgemacht. Und umgekehrt: schon im Vornherein überlegen, was man wirklich will, wie z.B. Zähne putzen. Pick your Battle! Prioritäten am richtigen Ort setzen und gleichzeitig Mut zur Lücke haben.

 

4. Empathie:

Spürt man die anschwellende Angst eines Schülers oder einer Schülerin, so gilt ab sofort: Der Weg des geringsten Widerstandes wählen. Empathie zeigt man nicht, indem man Angst gut gemeint verharmlost, denn sie ist ja trotz Fehlalarm real. Empathie geht über ein Miteinander und aktives Verständnis – vielleicht so: “Ich sehe, dass du gerade nicht mehr schreiben magst. Gib mir den Bleistift – ich übernehme.” O.ä. Es geht also darum, feinfühlig auf Erfahrungen anderer einzugehen.

 

5. Vertrauen:

“The antidote to anxiety is trust.” Laura Kerbey (S. 31)

 

Eine sichere Verbindung aufzubauen darf Zeit beanspruchen, denn erst so kann gelernt werden. Es sind also lange nicht die klassischen Ziele der Schule im Mittelpunkt, sondern das Finden einer vertrauensvollen Beziehung zueinander. Dafür muss man das Kind und seine Bedürfnisse und Interessen spüren und in die Arbeit integrieren, ohne dass diese wiederum als Forderung interpretiert und vielleicht gar verweigert werden. Vertrauen ist eine difficile Angelegenheit.

 

Auch wenn autistische Schüler*innen mit PDA-Profil uns aus unserer Komfortzone locken, es lohnt sich, sich für diese jungen Menschen Zeit zu nehmen, mit Vertrauen und Beziehung die Angst anzugehen und Altbekanntes zu überdenken und neue Wege zu gehen. Dann wird aus der Schule als Demand Factory plötzlich ein Ermöglichungsraum und somit eine Amygdala-freundliche Zone.

 

 

 

 

 

Literaturliste

 

Dundon, R. (2021). PDA in the Therapy Room. A Clinician’s Guide to Working with Children with Pathological Demand Avoidance. London: JKP

 

Dundon, R. (2020). The Parent’s Guide to Managing Anxiety in Children with Autism. London: JKP 

 

Kerbey, L. (2023). The Educator’s Experience of Pathological Demand Avoidance. London: Jessica Kingsley Publishers.

 

Young, K. Dovidonyte, N. (2023.) Vierte Auflage. Hey. Kleiner Kämpfer. Ein Buch über Angst. Heidelberg: Carl-Auer.

 

Schau dir „Was ist PDA und WAS hat es mit #SCHULVERWEIGERUNG zu tun? WICHTIG!!! “ auf YouTube an

https://youtu.be/4C8gZC1OEvA?si=8mRS465Ow77PB-r

Hier erwähnt Julia Attachment als weitere Art der Reaktion – sehr interessant.

 

Laura Kerbey (@LauraKerbey) hat an 1:44 PM on Di., März 26, 2024 gepostet:

“When we are supporting #neurodivergent individuals as either parents or professionals, “The Anxiety Bucket Analogy” can be really helpful. https://t.co/ws8MgOW0Or

(https://x.com/LauraKerbey/status/1772605427877810551?t=iQB3wCRMvoEusU3DsBth4A&s=03)

 

Wer ist Raelene Dundon ?

https://raelenedundon.com/about/

 

Zur Fawn-Response: “(…) die immer lieb sind; die immer helfen, die immer da sind; werden in diesem Verhalten oft nicht als schutzsuchend erkannt, weil sie häufig schon nicht als schutzbedürftig erkannt werden.” C. Rosenblatt 

https://einblogvonvielen.org/freeze-fight-flight-and-then-fawn-on/

 

“Es ist schwierig, ruhig zu bleiben, wenn jemand in der Wut Äusserungen macht, die uns triggern. Aber gerade darin liegt die Magie, wenn es uns gelingt, einen verbalen Angriff des Gegenübers als das zu sehen, was es ist. Viele Wutbekundungen sind Ausdruck einer erlittenen Verletzung und in erster Linie kein Angriff gegen eine andere Person.” Thomas Minder (Und Wut kann auch ‘verkleidete’ Angst sein – finde ich.)

https://www.fritzundfraenzi.ch/schule/respekt-verschaffen-ohne-autoritaer-zu-sein/