Freundschaften schliessen – warum mein 12-jähriger Sohn mit Asperger Syndrom dafür eine Katze braucht

 

Die Katze, die sich meinen Sohn ausgesucht hat

Ich liebe meine Pflanzen im Garten. Da wachsen Mönchspfeffer, Kornelkirschen, Jostabeeren, Kronen-Lichtnelken, Felsenbirnen, Sanddorn, Minze, Lavendel etc. Aber Topfpflanzen im Haus, das habe ich nicht. Lange Zeit hatte ich eine etwas ähnliche Einstellung gegenüber Tieren. Natürlich fand auch ich Tiere schon immer faszinierend – aber mehr auf einer beobachtenden Ebene draussen und nicht im Haus. Mich begeistert der Igel, der in rasantem Tempo durch unseren Garten spaziert. Mir gefallen die Insekten, die meine Blumen und die Bienentränke so schätzen. Sogar ein Fuchs erhaschte einmal einen Blick durch unsere geschlossene Sitzplatztür ins Wohnzimmer – mit gegenseitiger Überraschung. Auch die Katzen, die bei uns Ruhe vom Trubel finden, sind herzlich willkommen. Gerade die jungen Katzen unseres Quartiers sind zu Beginn gerne hier und etwas grösser dann, da gehen sie selbstsicher eigene Wege. Ob es unsere Autismusfreundlichkeit ist, die die Tiere anzieht? Da sind keine Gruppen laut spielender Kinder, keine Kinder, die die Katzen sofort tragen oder gar im Kinderwagen herumschieben wollen etc. Die Autonomie wird respektiert – Nähe und Distanz als Vorgabe des Tieres übernommen. Und genau diese Haltung meines älteren Sohnes, so vermute ich, führte zu einer intensiven Katzenfreundschaft. Fast täglich schaut sie kurz bei uns vorbei. Und sollte alles gut gehen, zieht bald eines ihrer Jungen bei uns ein, schliesslich hat sie ja in unserem Schlupf geboren und mit ihren Kleinen sogleich eine Verbindung geschaffen. Tatsächlich schenkt uns die Familie der Katzenfreundin nach zwölf Wochen das kleine schwarze Kätzchen. Laut unseres Sohnes ist es gut, dass es das schwarze ist. Vom Aberglauben behaftet, es bringe Pech, braucht es Schutz vor so denkenden Menschen und darum eben uns. Unsere Vorfreude ist riesig. Für mich ein stimmiger Strategiewechsel. 

 

Mehr Sicherheit durch eine Katze 

Ich weiss, dass Tiere bei Passung autistischen Kindern das Leben verschönern und erleichtern können.

 

„Die einzigen, die mich aus dem Meltdown holen können, sind Katzen.“ (Zitat meines älteren Sohnes.)

 

Eine bemerkenswert positive Veränderung durch Haustiere stellte auch das  Forscherteam Dr. Marguerite O’Haire vom College of Veterinary Medicine der Purdue University in West Lafayette, Indiana, und ihren Kollegen von der School of Psychology an der Universität von Queensland in Brisbane, Australien fest. Interessant am Resultat war, dass die autistischen Kinder entspannter wurden, wenn ein Tier im Raum war. Bei den allistischen Kindern geschah genau das Gegenteil – wenn auch vielleicht durch freudige Aufregung. Klar ist, dass die Nähe der Tiere bei autistischen Kindern Stress reduzierte, der für sie mit sozialen Situationen verbunden ist. Es fiel ihnen also leichter mit anderen Kindern zu interagieren, wenn ein Tier mit dabei war. Das nutzen auch manche Kindergärten, Schulen und einige Therapeut*innen. 

Aber das ist längst nicht alles. Diese eine Katze schafft es, dass der Stresspegel meines Sohnes, der durch eine autistische Hyperwahrnehmung (vgl. Henry Markram, Intense World Theory) nicht zu unterschätzen ist, für mich sichtbar sinkt. Das betrifft das ganze Leben in all seinen Facetten – nicht nur soziale Ängste, auch Ärger mit den Eltern, Brawl Star Frust, weil das Game nicht immer so herauskommt, wie man will etc. Die Freundschaft zum Tier ist aber nicht einfach Mittel zum Zweck, um Menschenfreunde zu finden und ausgeglichener zu sein. Es handelt sich in erster Linie um eine Freundschaft mit einer Katze, die in sich stimmt. Das ganze gegenseitige Empathieproblem (vgl. Damian Milton, Double Empathy Problem) fällt zwischen meinem autistischen Sohn und der Katze weg. Es klappt einfach. 

 

„Die Forscher spekulieren, dass dies geschieht, weil die Tiere die Kinder uneingeschränkt akzeptieren, was den Kindern Sicherheit gibt. Während Menschen von Natur aus immer ihr Gegenüber sozial beurteilen, werden Tiere meist als bedingungslose, positive Unterstützung wahrgenommen, so die These der Autoren.“ Quelle: ScienceDaily, Developmental Psychobiology (Siehe Anhang: Kinderärzte im Netz.)

 

Solche Freunde machen stark. Und das geht nicht nur uns so:

 

 

Braucht jedes autistische Kind eine Katze?

Ich hätte nie gedacht, dass meinem älteren Sohn ein Tier so gut tun könnte, wie diese Katze. 

Als er klein war, nahm der Kater meiner Eltern jeweils reissaus, wenn wir auf Besuch kamen. Jahre später hatte mein Sohn sogar etwas Angst, wenn der Kater ihm Kontakt suchend um die Beine strich. Ob man sich trotz dieses Unbehagens eine Katze anschaffen soll? Nicht jeder braucht eine Katze. Lange brauchten wir das auch nicht. Aber plötzlich war die Zeit reif dafür.

 

Da es sich um Lebewesen handelt, sollte man sich der Sache schon sicher sein. Es muss zwischen Kind und Tier einfach hinhauen. Das tut es nicht sowieso. 

Tierschützerin Susy Utzinger hat zudem auf Tele Züri einmal erwähnt, dass Haustiere Zeit brauchen und Geld kosten. Eine Voraussetzung also, die man ebenfalls erfüllen muss, wenn man mit dem Gedanken spielt sich ein Haustier anzuschaffen.

Folglich gibt es einige Sachen abzuwägen und zu regeln und verschiedene Tiere kennen zulernen. 

 

Wenn man sich mit der Katze einlässt…

Hat ein Kind das Glück, dass all diese Bedingungen erfüllt werden, dann ist ein Haustier eine riesige Bereicherung. Ich glaube, unser baldiges Kätzchen wird das Leben meines Sohnes kurz vor der Pubertät enorm erleichtern und verschönern – es wird jemand da sein, der ihn einfach nimmt, wie er ist. Und das Kätzchen wird in ihm einen Freund finden, der mit ihm durch dick und dünn geht und die Tierrechte kennt.

 

„Wenn man sich mit der Katze einlässt, riskiert man lediglich, bereichert zu werden.“ Sidonie-Gabrielle Claudine Colette

 

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Literaturliste

 

Carter-Johnson, A. (2017). Die Katze, die unsere Familie rettete. Iris und Thula. Köln: Bastei Lübbe AG.

 

Artikel über Iris und Thula

https://www.google.com/amp/s/www.watson.ch/amp/!671658974

 

Tiere helfen autistischen Kindern soziale Ängste abzubauen, da sie sie uneingeschränkt akzeptieren

https://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/autismus-gegenwart-von-tieren-hilft-soziale-aengste-abzubauen/

 

Tiergestützte Therapie mit Katzen

https://www.google.com/amp/s/www.zooroyal.de/magazin/katzen/gesundheit-pflege-katzen/tiergestuetzte-therapie/amp/

 

Wenn man sich mit der Katze einlässt…

https://gutezitate.com/zitat/258438

 

Definition von Allismus – da ich oft den Begriff ‚allistisch‘ als Gegensatz zu autistisch verwende

https://www.autismus.com/enzyklopaedie/allismus/

 

Double Empathy Problem

https://network.autism.org.uk/knowledge/insight-opinion/double-empathy-problem

 

Intense World Theory

https://sachendenker.ch/autismus-verstehen-intense-world-theory/

 

Ein lustiger Artikel zum Thema Katzen und Doppelleben

https://www.deine-tierwelt.de/magazin/geheimes-doppelleben-katze-lebt-bei-zwei-familien-gleichzeitig/