Haben Katzen einen sechsten Sinn für behinderte Kinder?

Ein Gespür für behinderte Kinder? 

An meinem Geburtstag traf ich eine Freundin, die begeistert war, wie gut es unsere Katze mit meinem autistischen Sohn kann. Sie meinte, unsere Katze spürt wohl, dass er ,,besonders“ (behindert) sei. Daraufhin musste ich kurz in mich gehen. Das würde ja heissen, unsere Katze unterscheidet zwischen behindert und nicht-behindert. Sie hat also eine Definition davon, was abweicht. Ich ahne aber, dass unsere Katze keine Unterschiede macht zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ihr Menschen generell “anders” vorkommen, schliesslich mausen die nicht, können nicht wirklich schnurren, echte Krallen fehlen ihnen, sie schlafen so wenig, Klettern und Jagen gelingt ihnen nur mit Ausrüstung etc. Ich vermute, eine Katze findet es darum genauso speziell, wenn sie in neurotypischer Manier sofort weggeschickt wird, macht sie es sich für ein Schläfchen auf einem Bett bequem oder scharrt sie im Garten, dann holen manche Individuen gar eine Wasserpistole zur Verteidigung hervor. Das können autistische Kinder auch nicht toppen, wenn sie vielleicht mal mit den Händen flattern oder schrille Töne von sich geben etc. 

Und dennoch hat meine Freundin richtig bemerkt, dass es toll matched zwischen meinem Sohn und unserer Katze. Was diese nämlich mit scheinbarer Leichtigkeit meistert – unbewusst auf die Bedürfnisse von Menschen eingehen, indem sie deren Nähe sucht. Diese wird seitens Menschen – vor allem in schwierigen Lebenssituationen – ja oftmals vermisst. 

 

“Auf leisen Pfoten kommen sie wie Boten der Stille, und sacht, ganz sacht, schleichen sie in unser Herz und besetzen es für immer mit aller Macht.” Eleonore Gualdi

 

Viele Katzen können das mit dem Besetzen des Herzens in der Tat perfekt, wenn sie gut behandelt werden, das heisst: gefüttert werden und gesund sind, ihre Streicheleinheiten bekommen und Rückzug und Freiheiten gewährleistet sind. Darum passt das vielleicht so gut mit „anders“ und einer Katze. Aber nicht das „anders“, mit welchem Wort neurotypische Menschen autistische Menschen bezeichnen in der Annahme, sie seien für eine Katze „normal“, sondern in dem Sinn: ganz ohne soziale Bewertung.

Menschen haben im Gegensatz zu Katzen leider oftmals nur ein Gespür für einige Menschen.

 

Was sind inklusionsfreundliche Katzen? 

Obschon in unserer Siedlung einige Katzen leben, waren diese lange Zeit für beide Kinder uninteressant. Das änderte sich im vorletzten Sommer abrupt. Regelmässig besuchte uns eine junge Katze auf dem Spielplatz – eine aussergewöhnlich feinfühlige und liebevolle Katze. Ich äusserte gar einmal, dass ich ein Junges dieser Katze mit Handkuss nehmen würde, was wir dann auch durften. Ob man generell Rückschlüsse vom Charakter der Katzenmutter auf das jungen Kätzchen machen darf, das weiss ich natürlich nicht. Das junge Büsi, das noch nicht vergeben war, wurde als etwas scheu und gleichzeitig sehr neugierig beschrieben. Das passte für uns. Wer aber auf Nummer sicher gehen will, muss das vielleicht exakter planen.

 

„If parents of children with ASD are considering cat adoption, health care providers might consider recommending adoption of a cat screened for calm temperament.“ (Journal of Pediatric Nursing

Volume 58, May–June 2021, Pages 28-35)

 

Darum empfehlen ja auch alle in dieser Studie, sich ein Katzen aus dem Tierheim auszusuchen. So kann man, durch die bereits gemachten Erfahrungen mit dem Tier, besser abschätzen, ob die Katze auch wirklich passt. Es soll ja allen gut gehen – der Familie und der Katze. Vielleicht gibt es auch Rassen, die sich besser eignen. Im Buch „Iris und Thula“ wird von einer Maine-Coon-Katze berichtet, die sich in dem Fall wunderbar als Autismus Katze eignet. Es gibt sie also, die inklusionsfreundliche Katze. Man muss sie nur suchen.

 

Katzen mit einem ruhigen Temperament eignen sich gut für Familienzuwachs in Familien mit autistischen Kindern, die sich eine Katze wünschen.

 

Neurodiversität als Selbstverständlichkeit

Es ist ein grosser Vorteil, den Katzen Menschen gegenüber haben, dass sie nicht immer alles sozial bewerten müssen. Dadurch kommt es auch nicht zu diesen Interaktions-Problemen, die man ja fälschlicherweise ausschliesslich autistischen Kindern zuschreibt. Sie nimmt autistische Kinder, wie sie sind und suggeriert nicht, dass sie falsch ticken. Sie nimmt aber auch neurotypische Kinder, wie sie sind. Nur sind die sich das bereits gewohnt und gehen vermutlich weniger davon aus, dass ihre Art des Seins falsch verstanden werden könnte. 

 

“Katzen sind besser als Menschen, weil sie keine Triggerwörter brauchen und man auch nicht mit ihnen sprechen muss. Sie wollen einen nicht verändern, weil sie denken, dass das glücklich macht – dabei genau das Gegenteil und man kann ihnen darum mehr vertrauen.” Mein 12-jähriger Sohn (03.01.21)

 

Es ist wichtig jemanden um sich zu haben, der einen bedingungslos annimmt. Meine Kinder brauchen genau diese Erfahrung, da dies für Menschen im Autismus-Spektrum nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit ist.  

 

„Our study (N = 11) found cat adoption was associated with greater Empathy and less Separation Anxiety for children with ASD, along with fewer problem behaviors including Externalizing, Bullying and Hyperactivity/Inattention. Parents and children reported strong bonds to the cats.“ (Journal of Pediatric Nursing

Volume 58, May–June 2021, Pages 28-35)

 

Wir lieben unsere Katze alle ausnahmslos von Herzen. Für sie kommt es nicht darauf an, ob sie mit den 50% autistischen oder nicht-autistischen Familienmitgliedern interagiert. Sie ist uns gegenüber absolut loyal. Neurodiversität ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Wir fühlen uns alle bereichert.

 

Viele Katzen sind uns mit ihrem „sechsten Sinn für alle Menschen“ scheinbar einen Schritt voraus. 

 

 

 

 

Literaturliste 

 

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0882596320306631

 

https://familypet.com/shelter-cats-help-kids-with-autism/

 

https://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/autismus-haustiere-koennen-helfen-sowohl-fuer-eltern-als-auch-fuer-kinder-den-stress-zu-verringern/

 

https://m.facebook.com/IrisGracePainting/videos/1400310673316970/

 

https://alles-cat.de/schoene-katzensprueche-und-zitate/

 

“Katzen sind besser als Menschen, weil sie keine Triggerwörter brauchen und man auch nicht mit ihnen sprechen muss. Sie wollen einen nicht verändern, weil sie denken, dass das glücklich macht – dabei genau das Gegenteil und man kann ihnen darum mehr vertrauen.” Mein 12-jähriger Sohn (03.01.21)