Corona Homeschooling – next Level Hausaufgaben-Problematik für ASS Familien

Corona-Homeschooling

Noch nie habe ich mir so viele Gedanken über Hausaufgaben gemacht wie jetzt, wo ich urplötzlich und ungefragt zur Homeschooling-Mutter befördert worden bin. Hausaufgaben waren schon immer eine Herausforderung und ohne mein Zutun würden sie wohl ignoriert. Corona-Homeschooling bedeutet für uns aktuell 4h Hausaufgaben pro Tag – im Prinzip weder Schule noch Ferien. Ich musste mich richtig hineinleben und hineingeben in diese Hausaufgaben-Tage, Erfahrungen machen und nochmals neu Zusammenhänge im Verhalten meines Sohnes zur dargebotenen Art und Fülle der Aufgaben erkennen. Wir schaffen auch das – manchmal mit links. Aber meistens nicht. Ich musste also optimieren.

 

Über Sinn und Unsinn: eine Annäherung in kleinen Schritten versus interessensorientiert

Man passt sich halt auch mal an, trainiert immerhin sein Gehirn oder das muss man wissen, weil es zur Allgemeinbildung gehört – drei Sachen, die es vor 30 Jahren zu beherrschen galt. Und neu wird auch schon ab der 5. Klasse Französisch gelernt, um den Röstigraben nicht zu vertiefen. Aber genau mit diesen vier Argumenten muss ich bei meinen fast 12-jährigen Sohn mit Asperger Syndrom nicht kommen. Und wirklich, auch ich hätte Bundesrat Alain Berset schon gerne eingeladen, um mit ihm seine Sprache zu büffeln, die für meinen Sohn leider emotional keinen Sinn ergibt. (Ob es hilft, wenn ich ihn nach interessanten französisch sprechenden Youtuber suchen lasse?) Das Argument Röstigraben mag politisch korrekt sein und mein Sohn ist auch nicht unpolitisch, aber wenn, dann mehr im Stil Friday for Future – nicht French against Röstigraben. 

Natürlich habe ich nicht die Kompetenz gewisse Fächer oder Themen durch andere zu ersetzen, auch wenn ich mir ein schlankes Pflichtcurriculum mit vielen Wahlmöglichkeiten wünschte. Ich bin mir bewusst, dass für das einzelne Kind selbst im Pflichtcurriculum nie alles Sinn machen kann und man doch muss. 

Für mein autistisches Kind ist eine Aufgabe ohne Sinn aber doppelt oder zehnfach so anspruchsvoll wie für manch andere Kinder. Da ich keine Revolution im Bildungssystem anzetteln mag/kann, haben wir vielleicht Erfolg, wenn wir die sogenannt emotional sinnlosen (Haus-)Aufgaben regelmässig und in kleinen Portionen mit Pausen angehen, in der Hoffnung, dass sie so verdaulich werden. 

 

Sieht die Aufgabe aber so aus, wie im Fach Medien und Informatik diese Woche und trifft betreffend Interessen ins Schwarze – Begeisterung:

 

„Medien und Informatik: Bildbearbeitung connected, S. 119-121 Lies die Seiten durch und löse die Aufgaben. Um das Bild zu bearbeiten, kannst du auch mit dem word, Bildtools arbeiten. Schicke mir dein bearbeitetes Bild. Welches Programm hast du dazu benutzt?“

 

Und weitere Bilder werden bearbeitet. Freiwillig. Ein Selbstläufer bei interessensorientierten Aufgaben. Auch das kennen wir natürlich. Gerne hätte ich ein bisschen mehr davon. Das liegt aber nicht an den Lehrpersonen, die wirklich spannend unterrichten – am Lehrplan.

 

Weniger ist mehr: Umgang mit ‚Energie‘ 

Es mag sein, dass sich manche Kinder freuen, wenn sie zehn Bilder zu den 10 biblischen Plagen ausmalen müssen. Es verinnerlicht vielleicht nochmals, was sie gelesen haben. Ich war zum Beispiel so ein Kind. Auch erwachsen macht mir das Ausmalen Spass, was eine wunderbare Ergänzung zu den Interessen meines Sohnes ist, da ich für Delegationen in dem Bereich offen bin. Was habe ich nicht schon alles ausgemalt!? Bei den Kantonswappen macht das Ausmalen vielleicht gar Sinn. Aber seien wir ehrlich – es gibt Farbdrucker. Da das sich Einlassen auf die Hausaufgaben eine begrenzte Zeitspanne nur zulässt, da oft mit Fleiss verbunden – weniger mit Interessen, muss man auch mal was weglassen können (oder delegieren). Zu kostbar ist die verfügbare rare Zeit. Nein, verschwenderisch darf man mit der verfügbaren Energie, die vielleicht eine Mischung aus Motivation und Aufmerksamkeit ist, nicht sein, sonst reicht es nicht mehr für das Wesentliche. Der andere Anknüpfungspunkt zum Lernen wäre der, dass man die Interessen des autistischen Kindes bewusst nutzt. Natürlich gibt es nicht die Interessen autistischer Kinder, wie es auch nicht die Interessen aller Kinder gibt. Aber was verbindet – alle mögen es interessant.  

 

Effizienz: die richtigen Schwerpunkte setzen

Auch vom schulischen Heilpädagogin wurde mein Seufzen betreffend Corona-Homeschooling wahrgenommen. Er bestärkte mich darin, dass weniger mehr ist. Dennoch wusste ich lange nicht, was ich mit dieser Information anfangen soll. Und tatsächlich Bedarf es einiger Überlegungen, was nun einfach ignoriert werden darf. Ich musste mir folglich Gedanken über Effizienz machen. Mein Sohn lernte also, welche Fälle es gibt und mit welchen beiden Möglichkeiten man diese bestimmen kann. Diese Regeln Intus, hätte er nun in vier farbigen Kästchen mit je vier Sätzen zu jedem der zwei Fragestellungen einen Satz/Teilsatz ins Heft schreiben sollen. 4x4x2=32 . Arithmetisch bewandert stellte es meinem Sohn natürlich sofort ab. So äusserte er leicht erbost:

 

„Die unterschätzen die Rechenoperation multiplizieren.“

 

Also löste er diese Aufgabe mündlich und natürlich auch da nicht alle. Das Heft blieb leer. Ein leeres Heft braucht etwas Mut meinerseits, denn wir haben das Ziel der Aufgaben ja erfüllt – allerdings nicht sichtbar, aber dafür effizient.

 

Krisenbewältigung: auch etwas für die Seele darf nicht fehlen

Gerade weil diese Zeit der vielen Hausaufgaben eine neue Situation darstellt, da 4h Schule täglich in den Ferien zu Hause ja nicht stimmig ist, braucht es dringendst etwas fürs Gemüt. Wir sind inmitten einer Krise. Da ich aufgrund der Konzentration auf Effizienz und den Anschluss schulisch nicht zu verpassen oftmals gerade die künstlerischen Aufgaben weglassen musste, baute ich, ermutigt durch unseren schulischen Heilpädagogen, auch mal eine kreative Pause ein, schliesslich bekamen wir eine grosse Tasche voll Schrumpffolie, Ton, Material zum Papierweben etc. mit nach Hause. Und so erlaubte ich mir, das Bündel Corona-Hausaufgaben für einmal zu vergessen. Kreativität muss bei uns pur sein – nicht ein Teil von vielem zum Abhaken.

 

Mein Fazit für unser Corona-Homeschooling mit meinem fast-Teeny

Es gibt also tatsächlich ein paar Punkte, die uns das Thema Hausaufgaben erleichtern. Corona-Homeschooling muss für meinen fast-Teeny optimaler Weise Sinn ergeben, damit Interesse überhaupt mobilisiert wird – gute Gefühle als Lerngrundlage. Zudem ist die Energie/Aufmerksamkeit/Arbeitsbereitschaft begrenzt und darf nicht mit Unwichtigem schon zu leerem Akku führen. Dadurch sollte das Wesentliche möglichst pur serviert oder gefordert werden, vor allem, wenn es sich um eine grosse Anzahl kleiner Aufträge handelt. Es muss seinen Abschluss finden bei Sicherheit – nicht Seitenende und darf auch nicht zur Ressourcen verschleudernden Schreibübung verkommen. Und nicht zuletzt muss bedacht werden, warum es überhaupt zum Homeschooling gekommen ist. Wir haben eine Krise und sollten unsere Kinder durch diese Zeit begleiten und nicht mit Leistungsdruck überfordern. Ich muss kreative Pausen bei meinem Sohn unbedingt zulassen. Aber diese Mussezeit darf nicht zusätzlich zu Französisch, Geometrie, Deutsch etc. summiert werden – nein, anstelle. Sonst wird das Schöne bei ihm wiederum zum Stress. 

 

Und was vom Corona-Homeschooling mitgenommen werden sollte

Ich mag den Satz nicht wirklich, dass eine Krise auch eine Chance sein soll. Nicht alle können die Chance nutzen. Aber wenn dieses Corona-Homeschooling etwas Gutes haben sollte, so ist es die von der Lehrperson unterstützte Auszeit mit Plan. Aktuell aufgrund Covid-19 – für das autistische Kind gibt es weitere gute Gründe. Alle wissen nun, wie das geht.

 

Tony Attwood macht sich sogar stark für den Gedanken, dass Auszeiten für autistische Schulkinder während des Schuljahres eingelegt werden dürfen – nicht müssen. Diese – unbedingt mit dem Kind abgesprochene – Pause kann einzelne Lektionen betreffen bis hin zu von der Schule angeleitetem Homeschooling über eine längere Zeit hinweg. Vielleicht fragt ihr euch nun, für was das gut sein soll. Einerseits brauchen autistische Kinder manchmal Auszeiten, um das Schuljahr durchzuhalten – andererseits kann diese Idee auch bei autistischen Kindern mit sekundären Diagnosen wie Depressionen oder Zwangsstörungen hilfreich sein. (Vgl. Attwood S.181-182.) Wichtig ist, dass diese Massnahme nicht aus Mangel an Alternativen gewählt wird mit separativen 

Charakter, sondern, weil es eine Möglichkeit ist, die in bestimmten Situationen das autistische Schulkind vielleicht unterstützt. Natürlich wünschte ich mir, dass durch eine autismusfreundliche Umgebung mit Ermöglichungsräumen autistische Kinder nie derart an ihr Limit kommen, dass es überhaupt zu dieser Fragestellung kommen muss.

 

Der Schulalltag muss für autistische Kinder sehr herausfordernd und anstrengend sein – schon alleine die vielen Reize inklusive Gefühle, die über sie herein prasseln, ermüden bestimmt. Auch wird oft dem Lernstil autistischer Kinder nicht genug Rechnung getragen. Tony Attwoods Wahrnehmung des Bedürfnisses nach einer Schul-Auszeit autistischer Kinder kombiniert mit den wertvollen Erfahrungen des Corona-Homeschoolings, empfinde ich tatsächlich als eine Chance entstanden aus der Krise. 

Überall kann man lesen, wie sehr diese Schulform Familien an den Rand der Verzweiflung bringt. Vielleicht wird gerade durch diese Erfahrungen auch Empathie für Eltern autistischer Kinder mobilisiert. 

 

„Für Eltern behinderter Kinder ist es oft nicht nachvollziehbar, warum manche klagen. Wir haben seit der Geburt unserer Kinder immer „Corona Zeiten“ durchgemacht…“ @Kirstenkirsten (Zitat einer Leserin aus deren Blog.)

 

Wir sind in der Regel ja keine ideologischen Homeschooler – wir sorgen uns um unser Kind und bieten dies vielleicht als mögliche Idee/Lösung an. Es wäre schön, wenn es selbstverständlich würde, dass Schulleitungen, Lehrpersonen, LogopädInnen, schulische HeilpädagogInnen etc. ihren Teil so flexibel und kreativ dazu beitragen wie jetzt während der Pandemie. Das zu wissen, würde manche Familie entlasten, da es neue Möglichkeiten eröffnet, und zwar ohne Alleingang – im Miteinander. 

 

Ja, gemeinsam sind wir stark 🙂 .

 

 

Literaturliste

Attwood, T. (2010). Asperger-Syndrom. Das erfolgreiche Praxis-Handbuch für Eltern und Therapeuten. Stuttgart: Trias. (S. 181-182.)

Kirstenmalzwei (@KirstenKirsten) twitterte um 8:48 AM on Fr., Mai 01, 2020:

LESER(IN) zu: https://t.co/Yd7CSBbzvm : „Für Eltern behinderter Kinder ist es oft nicht nachvollziehbar, warum manche klagen. Wir haben seit der Geburt unserer Kinder immer „Corona Zeiten“ durchgemacht…“ #inklusion #nixklusion

(https://twitter.com/KirstenKirsten/status/1256113341120086017?s=09)

 

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