Das Problem mit der gegenseitigen Empathie erklärt für Kinder und Jugendliche

Zutreffendes bitte ankreuzen

Ich bin gespannt, was du von diesen Alltagstheorien hältst. Achtung – ich meine es nicht Ernst, ich will ein wenig provozieren und dadurch zum Nachdenken anregen.

 

  • Autist*innen haben keine Gefühle ❎ ✅
  • Autistische Mütter lieben ihre Kinder nicht ❎ ✅
  • Autistische Jugendliche müssen in ein Sozialkompetenztraining, damit sie erst sozial werden ❎ ✅
  • Autistische Kinder spielen rücksichtslos ❎ ✅
  • Autistische Männer arbeiten in Berufen, die sich um Sachen drehen – nicht um Menschen ❎ ✅
  • Nicht-autistische Menschen sind durchgehend auf ein Zusammenleben in Rücksicht und Verständnis bedacht ❎ ✅

 

Vielleicht ahnst du, worauf ich hinaus will. Diese Alltagstheorien sind alle nur Mythen und falsch!

 

Sie bergen aber eine grosse Gefahr in sich. Manchmal beginnt man plötzlich selber zu glauben, was andere über einen erzählen. 

 

Einem Mythos auf der Spur

Wie du siehst, gibt wirklich viele Mythen rund um Autismus. Mythen sind Erzählungen, die gar nicht stimmen. Trotzdem werden sie immer und immer weiter erzählt.

 

Vielleicht bist du ja selber autistisch oder kennst jemanden,  der im Autismus-Spektrum ist. Dann interessiert es dich sicher, was es mit dem Mythos auf sich hat, dass Autist*innen nicht spüren, was jemand fühlt oder denkt. Diese Fähigkeit nennt sich Empathie, was sich in etwa mit Einfühlungsvermögen übersetzen lässt. Empathie ist also, wenn ich zum Beispiel am Stimmklang erkenne, dass mein Mann nach diversen Meetings zuerst einen Moment Pause braucht, bevor ich mit ihm Schulprobleme und Co besprechen soll. Ich fühle richtiggehend, wenn mein älteres Kind nach Hause kommt, kein Hallo meinerseits erträgt und direkt in seinem Zimmer verschwindet, wie anstrengend die Schule wohl war. Ich spüre die Erwartungen der Nachbarn förmlich, wenn sie unserem Rasen voll kriechendem Günsel, Katzenäuglein und Löwenzahn teils bereits auf Kniehöhe so einen Blick zuwerfen und komme dadurch unter Druck, weil ich diesen Blick als Aufforderung interpretiere, dass er zumindest etwas regelmässiger gemäht werden soll. Ich nehme das ohne zu überlegen wahr. Und genau dieses Gespür soll Autist*innen abhanden gekommen sein. Stimmt das wirklich? 

 

Der verheerende Mythos, dass nur Autist*innen ein Empathieproblem haben

Tatsächlich glaubten lange Zeit alle schier, dass Autist*innen Schwierigkeiten hätten zu erahnen, was andere Menschen denken oder fühlen und so auch keine Schlüsse daraus ziehen können, was man von ihnen erwartet. Es gibt so viele ungeschriebene Regeln, für die man Gedanken lesen muss. Für  meine Kinder war es – etwas kleiner noch – gar nicht selbstverständlich, dass man immer gleich grüsst, wenn man die Nachbarin trifft und das auch am nächsten Tag erneut und immer weiter so. Oder wenn man im Wald mal dringendst muss, dass man sich unbedingt hinter einem Baum versteckt, auch wenn wir das doch alle gut kennen. Auf Besuch wiederum – jedenfalls bei gewissen Bekannten, da sollte man besser nicht das grösste Kuchenstück auswählen, auch wenn man zum Zugreifen aufgefordert wurde. Und trifft man auf eine korpulente Person oder jemanden mit Goldzahn, dann sollte man dies keinesfalls kommentieren, auch wenn die Beobachtung doch stimmt etc. 

 

Lange Zeit nahmen alle einfach so an, dass das fehlende Gespür dafür, was andere denken oder fühlen der Grund sei, warum sich Autist*innen nicht anpassen können und auch nicht so einfach Freundschaften schliessen dadurch, weil das Führen von Gesprächen für  sie so kompliziert ist – ein Empathieproblem eben. Die Lösung sah man darin, dass man autistische Kinder oder Jugendliche z.B. in ein Sozialkompetenztraining schickte. Sie sollten da u.a. lernen, wie man sich angepasst verhält. Dabei forcierte man aber etwas sehr Unschönes. Man gab so indirekt zu verstehen, dass sich autistische Kinder oder Jugendliche neurotypisch verhalten sollen – also in eine Rolle schlüpfen, die nichts mit ihnen zu tun hat. Sich selber verleugnen zu müssen macht aber krank! 

Dies ging eine ganze Weile so, bis u.a. ein autistischer Wissenschaftler auf den Tisch haute (RW) und dies zum Glück stoppte mit einer klaren Ansage:

 

„Personalisation – not normalisation.“ Damian Milton

(= sich zu einer mit sich zufriedenen Person entwickeln ist wichtig und ja nicht, so wie nicht-autistische Menschen zu werden. )

 

Damit stellte endlich jemand das autistische Empathieproblem (Theory of Mind) in Frage und forderte gar, dass man autistische Jugendliche unbedingt ihre autistische Persönlichkeit entwickeln lässt. 

 

„Kinder zu lieben bedeutet, sie so sein zu lassen, wie sie sind.“ Remo Largo

 

Es folgte also ein Umdenken, was gute Eltern, Lehrpersonen, Therapeut*innen, Psycholog*innen, Ärzt*innen etc. sind, was sich in die Therapie, die Erziehung oder einfach Begleitung und in die Gesprächskultur einschlich. 

 

Die Entdeckung – das Empathieproblem ist ja gegenseitig

Damian Milton machte eine sehr wichtige Entdeckung betreffend der Fähigkeit, die Gefühle und Gedanken anderer zu verstehen und darauf zu reagieren. Diese Fähigkeit, sich in eine andere Person hinein zu versetzen bedingt nämlich, dass man die Welt ähnlich wahrnimmt – Autist*innen und nicht autistische Menschen tun das aber nicht. 

Wenn ich unter Druck komme, weil unser Rasen so gewachsen ist und die Nachbarn vielleicht schon die Augen verdrehen beim Anblick, erklärt mir mein älterer Sohn, dass ihm das total egal sei, was die denken. Ihm gefalle der Rasen so. Es werde keine Blume abgeschnitten! Er bleibt also eher bei der Sache, während ich mir überlege, wie andere wohl über uns denken. Wir sehen Die Welt anders und haben doch beide Recht.

 

„Für nicht autistische Eltern kann es manchmal schwierig sein zu verstehen, was ihr autistisches Kind fühlt, oder autistische Menschen fühlen sich frustriert, wenn sie ihre Gedanken und Gefühle nicht effektiv an andere weitergeben können. Auf diese Weise können Kommunikationsbarrieren zwischen autistischen und nicht autistischen Menschen es für sie schwieriger machen, Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen.“ Crompton, DeBrabander, Heasman, Milton and Sasson (2021)

 

Was beim Thema Rasen vielleicht noch amüsant wirkt, ist es bei vielen anderen Angelegenheiten aber gar nicht. Es ist herausfordernd sich gegenseitig zu verstehen, Freundschaften zu knüpfen und miteinander Gespräche zu führen. 

In der Klasse meines jüngeren Sohnes ist ein Kind, dass gerade darum seine Nähe sucht. Er findet ihn spannend und das zieht ihn an – nicht 08-15. Aber was dieser 7-Jährige schafft, ist leider nicht Alltag. 

Bei meinem älteren Sohn hiess es im Kindergarten oftmals, dass alle konsterniert seien. Wobei es sich wohl eher um die Kindergartenlehrperson und einige Eltern handelte, die so fühlten. Dieses Wort „konsterniert“ hörte ich da zum ersten Mal. Es bedeutet in etwa fassungslos und es machte in mir genau das. Ich wurde fassungslos. Ich wollte nicht, dass jemand so über mein Kind spricht. Es tat mir weh, dass man ihn so nicht verstand und dadurch als rücksichtslos betitelte. Ich liebe meine Kinder!

 

Der Beweis – auffällig nur in ‚gemischten‘ Gesprächen 

Der Beweis, dass fehlende Empathie oder eben Einfühlungsvermögen nicht einfach ein Autismusproblem ist, brachte eine Studie, die Gespräche zwischen nicht-autistischen Menschen analysierte, aber auch zwischen nicht-autistischen Menschen und Autist*innen und zwischen Autist*innen und Autist*innen. Und siehe da – auffällig waren nur die gemischten Gespräche. Eine ähnliche Art und Weise, wie die Welt wahrgenommen wird, verbindet. Es gibt also zwei unterschiedliche Empathiearten – eine für nicht-autistische Menschen und eine für  Autist*innen. Das heisst, dass Autist*innen unter Autist*innen erahnen können, was das Gegenüber denkt oder fühlt.

 

Das Problem, dass Gespräche unter nicht-autistischen und autistischen Menschen oftmals nicht so einfach klappen, scheint mir einerseits die Überzahl nicht-autistischer Menschen zu sein. Nur 1-2% der Menschen sind ja autistisch. Gleichzeitig ist es so, dass nicht-autistische Menschen sich oftmals nach dem ersten Eindruck, der nur wenige Sekunden dauert, geringer für autistische Menschen interessieren. Autist*innen sind nicht weniger interessant! Aber die Art und Weise, wie sie Gespräche führen, ist eben nicht so, wie bei nicht-autistischen Menschen. 

Mein älterer Sohn fragt zum Beispiel nie im lockeren Gespräch, wie es mir gehe, was ich gemacht habe oder spricht über das Wetter. Plaudern ist für ihn uninteressant. Und gerade das ist für nicht-autistische Menschen enorm wichtig, um sich näher zu kommen. Mein Sohn spricht über Sachen, die ihn interessieren und so knüpft er Kontakte. Wenn er mich fragt, wie es mir gehe, dann will er das auch explizit wissen! Zudem ist für ihn wichtig, dass Sprache wahr ist. Darum mag er wohl auch Redewendungen nicht. Denn stimmt das wirklich, dass wenn einer eine Grube gräbt, er dann selber hinein fällt? Auch Wörter wie bald und vielleicht und möchte, sagen ihm nicht zu. Was heisst bald!? Was heisst vielleicht!? Warum nicht gleich: „Willst du … ?“

 

Inklusion als Überwindung des gegenseitigen Empathieproblems 

Damian Miltom hat uns also gelehrt, dass es im Alltag unter Jugendlichen und Erwachsenen mit und ohne Autismus zwei Kommunikationskulturen gibt. 

 

„Autistische Menschen können es anstrengend und verwirrend finden, nicht-autistische Kommunikationsweisen zu verstehen. Ebenso fühlen sich nicht-autistische Menschen möglicherweise unwohl, wenn sie in der Nähe von autistischen Menschen sind, da ihre üblichen Kommunikationsmethoden nicht so gut funktionieren.“ Crompton, DeBrabander, Heasman, Milton and Sasson (2021)

 

Und genau zu dieser fehlenden Verbindung zwischen Autist*innen und nicht-autistischen Menschen, bringt dieses Team einen interessanten Einwand, der mich hoffen lässt. Denn noch weiss man nicht, ob nur nicht-autistische Erwachsene/Jugendliche ein Empathieproblem mit Autist*innen haben und nicht-autistische Kinder vielleicht gar nicht. Möglicherweise liegt die Lösung also in der schulischen Inklusion. Das würde heissen, dass jedes Kind und jede*r Jugendliche mit dabei sein darf in der Regelschule und auf seine Art und Weise begleitet wird und lernen darf. Das ist wirklich ein guter Weg, um von klein an zu verinnerlichen, dass es viele richtige Arten die Welt zu sehen gibt und eben auch Gespräche zu führen. 

 

 

Kind 1: Ich bin so schnell – bald fliegen wir! Schneller!!! (ADHS)

 

Kind 2: Das kann nicht sein. Von der Aerodynamik unmöglich. (AS)

 

Kind 3: Düüü-düüü-düüü… (SES)

 

Kind 4: Nachher müssen wir die Decke wieder zu Mama bringen – hoffentlich sieht sie nicht, dass da ein kleiner Riss ist. (HSP)

 

Kind 5: Questo gioco mi piace. (DAZ)

 

Wenn dieses neue Wissen nun dazu führt, dass  sich autistische und nicht-autistische Kinder und Jugendliche kennenlernen dürfen und Unterschiede völlig normal sind plötzlich – das wäre wirklich schön. 

 

„Die Moral einer Gesellschaft zeigt sich in dem,

was sie für ihre Kinder tut.“ Dietrich Bonhoeffer

 

Bestimmt wird die Welt dadurch ein bisschen besser.

 

Literaturliste 

 

Double Empathy: Why Autistic People Are Often Misunderstood

https://kids.frontiersin.org/article/10.3389/frym.2021.554875

 

Milton’s ‘double empathy problem’: A summary for non-academics

https://www.reframingautism.org.au/miltons-double-empathy-problem-a-summary-for-non-academics/#:~:text=Milton’s%20theory%20of%20’double,people%20do%20not%20lack%20empathy.&text=Milton%20calls%20this%20disconnect%20a,’two-way%20street‚.

 

Free PDF Download of NeuroInclusive Social Story: On Chatting and Infodumping

https://neuroclastic.com/2020/12/16/free-pdf-download-of-neuroinclusive-social-story-on-chatting-and-infodumping/

 

Interessanter Thread zum Thema

Emily Lees (she/her) (@EmilioLees) twitterte um 8:59 PM on Di., Mai 11, 2021:

Hi Hazel, I would be happy to support. It would be from a social model / pro-neurodiversity model though. So not teaching masking, not forcing neurotypical social skills, respecting autistic styles of communication, The Double Empathy Problem etc 🙂

(https://twitter.com/EmilioLees/status/1392192584219508742?s=03)

 

Elaine Mcgreevy (@ElaineMcgreevy) twitterte um 7:55 PM on Mi., Mai 12, 2021:

I agree social skills training for neurotypicals would help re learning how to be more accepting, less judgemental, more welcoming and inclusive of people with different communication preferences and styles, for a start

(https://twitter.com/ElaineMcgreevy/status/1392538844810162184?s=03)

 

gentle beasts (@gentle_beasts) twitterte um 6:03 PM on Mi., Mai 12, 2021:

honestly we feel like it’s the neurotypicals who need the social skills/communication training. autistics manage to shoulder all the burden of translation into an alien language without NTs even meeting us halfway. they’re the ones who seem to have most difficulty understanding.

(https://twitter.com/gentle_beasts/status/1392510754071449601?s=03)

 

Was sie für ihre Kinder tut…

Für Kinderrechte 😷 #NoCovid 🔴 (@_Kinderrechte_) twitterte um 11:49 PM on Fr., Mai 14, 2021:

„Die Moral einer Gesellschaft zeigt sich in dem,

was sie für ihre Kinder tut.“ (Dietrich Bonhoeffer)

(https://twitter.com/_Kinderrechte_/status/1393322707509522436?s=03)

 

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