Der alltägliche „Stop-and-Go“-Kampf  – autistische Trägheit (autistic inertia)

Spüren, um was es hier geht

Vor ein paar Tagen bin ich auf einen mich sehr beeindruckenden Artikel gestossen, der meine Sicht auf Autismus wieder erweitert und somit verändert hat. Dieses Aha-Erlebnis möchte ich gerne teilen, und zwar beginnend mit ein paar Zitaten von Autist*innen. 

 

Alle sollen zu Beginn spüren, um was es hier geht. 

 

  • ▶️ In die Gänge kommen dauert lange.

„Wenn ich erst einmal angefangen habe, geht es mir gut, aber es kann lange dauern, bis ich in die Gänge komme.“ Ruth (Frontiers in Psychology/Neuropsychology)

 

  • ▶️ Sich nicht entscheiden können.

„Ich verbringe den ganzen Tag damit, mich nicht ganz zu entscheiden, ob ich zuerst duschen soll oder zuerst etwas anderes machen oder eine Ladung Wäsche waschen, und dann vielleicht nach dem Waschen ausgehen oder es hinter mich bringen.“ Daniel (Frontiers in Psychology/Neuropsychology)

 

  • ▶️ Aber es passiert einfach nicht.

„Ich werde auf dem Bett sitzen und denken, ich sollte wirklich ins Bett gehen. Ich möchte unbedingt ins Bett. Ich bin echt müde. Aber es passiert einfach nicht, aber es beunruhigt mich nicht, so wie mich die Dinge manchmal wirklich beunruhigen.“ Lisa (Frontiers in Psychology/Neuropsychology)

 

  • 🔀 Nicht an der vorherigen Tätigkeit anknüpfen können.

„Ich bin im Büro und überall liegt Papier und ich versuche es zu sortieren. Und dann muss ich etwas anderes tun, also das Kind muss etwas essen oder was auch immer. Danach ist es so, als ob ich einfach nicht an den Ort zurückkehren kann, an dem ich vorher war. Ich kann also nicht zur Aufgabe zurückkehren. Und dann ist es noch schlimmer als vorher. Die Angst davor hält mich davon ab, eine neue Aufgabe zu beginnen.“  Elizabeth (Frontiers in Psychology/Neuropsychology)

 

  • 🔀 Wenn man aufhört nichts zu tun, hört man auf, etwas zu tun.

„Ich komme nicht an den Punkt, an dem ich eine Sache in Angriff nehmen werde, weil es fast so ist, als müsste ich aufhören, was immer ich tue, egal ob ich etwas tue oder nicht. Auch wenn man aufhört nichts zu tun, hört man auf, etwas zu tun.“ Ruth (Frontiers in Psychology/Neuropsychology)

 

  • ⏹️🔀 Versehentlich den ganzen Tag mit etwas anderem verbringen.

„Es (autistische Trägheit) wird nie weggehen und ich würde es wahrscheinlich auch nicht wollen – manchmal ist es praktisch, versehentlich den ganzen Tag mit Putzen zu verbringen! Aber zumindest kann ich jetzt verstehen, was passiert, wenn ich scheinbar nicht das tue, was ich tun möchte.“ Autisticality.com

 

Wir können es nur erahnen, wie anspruchsvoll und herausfordernd sich der Alltag für Ruth, Elizabeth, Lisa, Daniel und der Person hinter Autisticality.com gestalten muss.

 

Starten, stoppen und ändern von Aktivitäten als Herausforderung

Wie die vorangehenden Beispiele verdeutlichen, so haben manche (alle?) Autist*innen Schwierigkeiten Handlungen oder Aktivitäten zu starten, zu stoppen oder zu ändern.

 

Bei meinem autistischen Schulkindern sieht das beispielsweise so aus:

 

  • ▶️ Nicht starten

Es ist ein leides Thema – ich weiss. Zudem ist es hoch umstritten, was Hausaufgaben wirklich bringen. Eigentlich lösen wir diese immer zu zweit. Auch in der Schule wird berichtet, dass mein 8-jähriger Sohn oft 1:1 Coaching daneben brauche, um zur Arbeit zu finden. Was wirklich alle zum Verzweifeln bringt, ist die Tatsache, dass allgemein angenommen wird, dass er die gestellten Aufgaben eigentlich lösen könnte, aber er startet oftmals einfach nicht damit. Das heisst, man sitzt quasi neben ihm und versucht ihn zum Loslegen zu bewegen. 

 

  • 🔀 Aktivitäten nicht wechseln können

Bedeutet eine Aktivität zu wechseln nicht immer auch, dass gleichzeitig  gestoppt und gestartet werden muss? Man kann nicht nichts tun, heisst es doch so schön. Mein älterer Sohn hat oftmals Tages- oder Wochenthemen, die ihn sehr beschäftigen. Die geistern dann in seinem Kopf herum. Und wenn er in der Schule etwas zum Thema Dachs lesen sollte, zusammenfassen und vortragen, geht das nicht. Glücklicherweise durfte er in der Mittelstufe bisher alles zu seinem aktuellen inneren Thema lösen. Dadurch gab es halt nichts über den Dachs – wohl aber über Weltreligionen.

 

  • ⏹️ Nicht stoppen 

Ich habe meinem 13-jährigen Sohn von dem Phänomen ‚autistic inertia‘ erzählt und fragte ihn darauf hin, ob es etwas gibt, womit er nicht mehr stoppen könne. Er erwiderte – mit Baden und fügte hinzu, dass ihm manchmal wie der freie Wille fehle, um die Badewanne auch wieder zu verlassen. Vermutlich auch, weil es für ihn sensorisch so stimmig ist. Einmal drin in der Wanne, dauert das gefühlt eine Ewigkeit, in der das Bad besetzt ist. Ist das nicht täglich der Fall (trockene Haut), gönne ich ihm diese Auszeit.

 

Autistische Trägheit – was das mit Newton zu tun hat

All diese Beispiele sind keine einmaligen Vorkommnisse. Auf die eine oder andere Art kennen dieses Phänomen nicht starten/zu einer anderen Aufgabe wechseln oder stoppen können, die meisten (alle?) Autist*innen. Es nennt sich ‚autistic inertia‘ – oder übersetzt autistische Trägheit.

Der Begriff ‚Trägheit‘ kommt aus der Physik. Es handelt sich dabei um Newtons Bewegungsgesetz, das besagt, dass ein Körper die Tendenz hat im gleichen Bewegungszustand zu bleiben, vorausgesetzt er wird nicht von einer äusseren Kraft beeinflusst. 

 

So geht es im übertragenen Sinne autistischen Menschen. 

 

„Denn Trägheit bedeutet lediglich Schwierigkeiten, den Zustand zu ändern, und dieser ursprüngliche Zustand kann alles sein. Die einfachste Erklärung dafür, wie Trägheit aussieht und sich anfühlt: Manchmal tut eine autistische Person am Ende etwas, was sie nicht tun möchte oder tut nicht, was sie tun möchte.“ Autisticality.com

 

Trägheit soll also im Sinne von Newton verstanden werden – nicht so, wie wir ‚träge‘ im Alltag oftmals verwenden und damit bequem oder faul meinen. Genau das ist der „Stop-and-go“-Kampf eben nicht.

 

Autistische Trägheit ein totales Negativ?

Autistische Trägheit ist ein grosses Thema und macht das Leben zu einer Herausforderung. Dennoch darf sie nicht als totales Negativ gesehen werden (Vgl. Tanea Paterson). Gerade das Phänomen ’nicht stoppen können‘ hat nicht ausschliesslich schwierige Seiten.

 

„Die Fähigkeit, sich über lange Zeiträume hinweg zu konzentrieren und Dinge zu erledigen, kann zu hohen akademischen Leistungen führen, beispielsweise in Musik, Mathematik und Kunst. In diesem Aspekt kann Trägheit positiv sein.“ Tanea Paterson

 

Ich vermute, hier findet man alles – von grosser Leidenschaft, die glücklich und erfolgreich macht bis hin zum Leiden dadurch, da die eigenen Bedürfnisse – oder gar Grundbedürfnisse wie Nahrung und Schlaf – ausgeblendet sind und sich somit keine Sorge mehr getragen werden kann.

 

Tanea Paterson geht noch weiter. Auch ’nicht starten können‘ möchte sie nicht einfach pathologisieren und sieht dies auch als Ort einer notwendigen Leere.

 

Neue Forschung – Initiierung von Aufgaben jeglicher Art

Bisher wurde Interaktion nur im sozialen Kontext untersucht – darum musste eine neue Studie her, die Schwierigkeiten bei der Initiierung von Aufgaben jeglicher Art im realen Leben genauer unter die Lupe nimmt. Das forderte die autistische Community und ein autistischer Forscher leitete daraufhin dieses Vorhaben. 

 

Und das kam dabei heraus:

 

„Die Teilnehmer beschrieben Schwierigkeiten beim Starten, Stoppen und Ändern von Aktivitäten, die nicht in ihrer bewussten Kontrolle lagen. Während Planungsschwierigkeiten häufig auftraten, beschrieb eine Untergruppe der Teilnehmer eine tiefgreifende Beeinträchtigung beim Initiieren selbst einfacher Handlungen, die eher auf eine Bewegungsstörung hindeuteten. Auffordernde und kompatible Aktivitäten in der Umwelt förderten das Handeln, während psychische Probleme und Stress die Schwierigkeiten verschlimmerten. Trägheit hatte weitreichende Auswirkungen auf die täglichen Aktivitäten und das Wohlbefinden der Teilnehmer.“ Frontiers in Psychology, Neuropsychology https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2021.631596/full

 

Interessant finde ich, dass neben dem Starten, Stoppen und Ändern von Aktivitäten auch Planungsschwierigkeiten erwähnt werden. 

 

Planungsschwierigkeiten und Monotropismus

Natürlich gibt es viele unterschiedliche Arten Pläne. Aber für meine Kinder ist ein Plan oftmals so, dass er letztlich aus vielen kleinen Schritten besteht und das Grosse für sie bewältigbar macht. Will mein jüngerer Sohn also eine unbekannte Leiter hoch klettern, kann das ein ständiges Starten und Stoppen und wieder Starten sein. Für mich passt das auch zu einem für Autist*innen typischen monotropistischen Wahrnehmungsstil, der einen kleinen Ausschnitt intensivst fokussiert und beim nächsten Teilschritt danach den Fokus wieder neu ausrichten muss, was bestimmt sehr anstrengend ist. Ich vermute, dass die Neuausrichtung des Fokus‘ irgendwann nicht mehr so kräfteraubend ist und auch nicht mehr regelmässig mit Trägheit beantwortet wird, nämlich dann, wenn Routine durch einen beruhigenden Überblick entstanden ist. Eine Autistin nennt dies „Autopilot“, was ihr hilft die Trägheit zu überwinden. 

„Die eine Leiter“ steht stellvertretend für ganz viele Situationen des alltäglichen Lebens, die eben nicht ähnlich sind, sondern durch den monotropistischen Tunnelblick vor allem unterschiedlich und mehr noch – an einem Tag gut zu bewältigen und an einem anderen Tag wiederum schier unmöglich. 

 

Trägheit – nach Fergus Murray wahrscheinlich das grösste direkt daraus resultierende Autismus Problem

Die autistische Trägheit und ihre Auswirkungen auf die Ausführung von Absichten ist in der Tat ein grosses Thema.

 

„Es erscheint mir seltsam, dass Trägheit oft so weit unten auf der Liste der Dinge steht, die Menschen mit Autismus in Verbindung bringen. (…) Ich finde, dass (Trägheit) wahrscheinlich das grösste Problem ist, das direkt daraus resultiert.“ Fergus Murray (2017) 

 

Mich interessiert dieses Thema so sehr, da es beim Gegenüber starke Emotionen auslöst und dadurch unbedingt reflektiert werden muss. Ich habe das letzte schulische Standortgespräch darum in bester Erinnerung. 

 

 „Er sitzt einfach da und macht nichts.“ „Er ist ein Rosinenpicker.“ „Es ist nicht einfach, wenn man tolle Unterrichtsinhalte plant und ein Kind interessiert sich absolut nicht dafür.“ 

 

Selbstverständlich dreht es sich dabei weder ums Rosinenpicken noch Desinteresse und Co. Es handelt sich um Autismus und um den Start mit einer Tätigkeit, was manchmal so schwierig ist. 

Auch ich komme gelegentlich an meine Grenzen. Ich möchte als Mutter doch alles managen und wäre extrem froh, wenn meine innere to-do-Liste endlich abgearbeitet ist. Aber da werden die neuen Wasserschuhe für die folgende Projektwoche einfach nicht schnell anprobiert oder das Geschirr im Teenager Zimmer rasch in die Küche gebracht oder die Haare noch im Eiltempo vor der Nacht gewaschen – später. So schnell geht hier meist nichts. Manchmal mag ich nicht warten, denn immer daran zu denken, was noch getan werden soll und erneut zu erinnern, ist Nahrung für meinen mental load. Alles in allem ist das vermutlich das innerfamiliäre Autismus Thema überhaupt, das unseren Alltag etwas komplizierter macht. 

 

„Mami, du hast Anti-Prokrastinations Angst. Das ist dein Problem.“ Mein 13-jähriger Sohn

 

Da prallt eine gegensätzliche Art und Weise, wie gelebt wird, aufeinander – mental load verhindern wollen und nicht starten können oder eben nicht schnell etwas anderes in Angriff nehmen aufgrund ‚autistic inertia‘. Darum ist mir dieses Thema wohl auch gleich in die Augen gesprungen und motivierte mich, darüber zu lesen. Ich bin überzeugt – etwas zu verstehen führt zu Verständnis. Ich will meine Kinder verstehen. Vielleicht gelingt es mir dadurch sogar, sie darin zu unterstützen, dass sie mir entgegen kommen können bei so manchen Sachen im Zusammenleben als Familie. 

 

Trägheit – gibt es auch unabhängig von Autismus

Trägheit ist selbstverständlich kein Thema, das ausschliesslich autistisch ist. Während bei Autismus u.a. die kognitive Inflexibilität durch die Monotropismus-Hypothese erklärt werden kann, gibt es ganz viele weitere Bilder/Erscheinungsformen, zu denen Trägheit ebenfalls passen kann. Auf folgende drei traf ich über ‚autistic inertia‘ lesend häufig.

 

  • Depressionen – zu mangelnder Motivation
  • Angstzustände – zu Vermeidungsverhalten
  • Unterschiede in der motorische Kontrolle – manchmal die Bewegung nicht initiieren können

 

Interessant ist, dass betreffend motorischer Kontrolle auch der Begriff Katatonie fällt, das u.a. ein Verharren in der Bewegung bezeichnet oder eben stereotype Bewegungen – diesbezügliche werden auch Echolalien und Mutismus erwähnt.

Zudem wissen wir, dass Ängste und Depressionen ein grosses Thema sind, die manche Autist*innen beschäftigen. Ich will damit aufzeigen, dass es komplizierter ist, als wir vielleicht ahnen – gerade in Hinblick auf allfällige Komorbiditäten.

 

Überwindung durch ‚die äussere Kraft‘

 

 

Newtons Bewegungsgesetz besagt, dass ein Körper die Tendenz hat im gleichen Bewegungszustand zu verweilen, vorausgesetzt er wird nicht von einer äusseren Kraft beeinflusst. Darin scheint auch die Lösung enthalten zu sein. Eine äussere Kraft muss her. Tatsächlich gibt es viele Artikel, die diese äussere Kraft beschreiben. Einige Lösungsvorschläge möchte ich hier gerne teilen.

 

  • ▶️🔀⏹️ Notizbuch mit dabei – Gedanken aufschreiben und somit greifbar machen. (Kella Gehlert)

 

  • 🆘 Andere um Hilfe bitten, gewisse Aufgaben zu übernehmen und so Stress abbauen. (Kella Gehlert)

 

  • ▶️ Etwas sofort in Angriff nehmen.

„Manchmal hilft es, etwas sofort zu tun. Einmal fragte mich eine Freundin nach einem Kuchenrezept, sagte aber immer wieder – keinen Druck, wenn immer es dir passt und ich habe es versäumt und es wochenlang nicht gesendet. Dann eines Tages schickte sie mir eine E-Mail, dass Besuch kommt und sie es morgen brauche und ich habe es gleich erledigt! Nach all den Wochen.“ Naomi  (Frontiers in Psychology/Neuropsychology

 

  • ▶️ Nicht auf später verschieben.

„Ich versuche, die Dinge nie auf den Boden zu legen, um sie später zu erledigen. Niemand will sich später mit Dingen befassen. Sie auf den Stapel zu werfen, trägt nur zum Chaos bei.“ Andrea

 

  • ▶️⏹️ Die Aufgabe in kleine Schritte einteilen. (Kella Gehlert) 

Das erinnert mich an folgenden Tipp, den mein älterer Sohn in der Schule mit auf den Weg bekam: „Wie isst man einen Elefanten? Ganz einfach: Stück für Stück.“

 

  • ▶️ Zuerst damit beginnen eine einfachere Aufgabe zu erledigen, etwas Gesellschaft während der Arbeit haben (sofern dies nicht noch mehr Stress bereitet) und Belohnungen für sich selbst einrichten. 

„Ich bin immer ein Fan von dunkler Schokolade!“ Kella Gelehrt

 

  • ▶️⏹️🔀 Routinen. 

„Routinen helfen sehr. Alles, was ich routinieren kann, damit ich nicht so lange darüber nachdenken muss, hilft. Und dann kann ich diese Dinge ein bisschen mehr auf Autopilot tun.“ Lisa (Frontiers in Psychology/Neuropsychology)

 

  • ▶️ Leitspruch.

Manchmal muss ich mir sagen: „Setz dich nicht hin, setz dich nicht hin, setz dich noch nicht hin. Okay, jetzt kannst du dich hinsetzen.“ Emma (Frontiers in Psychology/Neuropsychology)

 

  • ▶️ Nicht alleine im Raum arbeiten hilft manchmal – da ist noch jemand.

„Manchmal hilft es mir, eine andere Person zu haben, aber ich möchte nicht unbedingt, dass sie mit mir interagiert. Einfach nur neben mir zu arbeiten, vielleicht die Aufgabe mit mir zu erledigen, aber nicht… nur Seite an Seite zu arbeiten motiviert mich aus irgendeinem Grund.“ – Daniela (Frontiers in Psychology/Neuropsychology

 

  • 🔀⏹️ Übergänge werden leichter, wenn man sich entscheidet z.B. nur zwei Seiten durchzuarbeiten. (Kella Gehlert)

 

  • ▶️ Übergänge oder Aufgaben zu synchronisieren hilft, z.B. die Entscheidung, eine Ladung Wäsche dann zu waschen, wenn man für einen Snack aufsteht. (Kella Gehlert)

 

  • ▶️ Termin absichtlich früh planen – dann vorbei.

„Wenn es Dinge gibt, die ich tun muss, wie vor einiger Zeit Blutspenden, musste ich mir eine Zeit zum Gehen einplanen, dann habe ich es absichtlich um 8.30 Uhr morgens geschafft, um aus dem Bett zu kommen. Da musste ich also hin. Und dann muss ich mich irgendwie rausholen, zwinge mich zu frühstücken und dorthin zu kommen, und dann finde ich den Rest des Tages so viel besser, als wenn ich irgendwie nicht etwas habe, das mich relativ früh dazu zwingt.“ – Wilhelm (Frontiers in Psychology/Neuropsychology)

 

  • ▶️⏹️🔀 Immer darauf hören, was Ihr Körper und Ihr Geist Ihnen sagen können – als Navigation durch Trägheit. (Kella Gehlert)

 

  • 🆘▶️ Jemanden zu haben, dem man immer eine SMS schreiben kann, um dann Hilfe beim Planen zu bekommen, ist Gold wert.

Das einzige, was mir hilft, das einzige, was funktioniert, und es funktioniert konsequent, ist, einen festgefahrenen Kumpel zu haben, dem ich eine SMS schreibe. … Und alles, was ich tun muss, ist zu schreiben: ‚Ich stecke fest.‘ […] Und wir schreiben es einfach und machen einen Plan.“  Elisabeth (Frontiers in Psychology/Neuropsychology)

 

Ja, was ist die äussere Kraft denn nun genau? Ich würde sagen, es kann ein Mensch sein, ein Plan oder ein guter Grund. 

 

  • ▶️🔀⏹️ Sich Zeit nehmen, wenn man gerade keine autistische Trägheit erlebt, um herauszufinden, was für einen am besten funktionieren könnte. Das kann sehr hilfreich sein, um für das nächste Mal vorbereitet zu sein, wenn man wieder autistische Trägheit erlebt. Jeder ist anders und es kann von der individuellen Aufgabe abhängen, aber es ist immer eine gute Idee, einen allgemeinen Plan zu haben. (Kella Gehlert)

 

Was die ‚äussere Kraft‘ im Einzelfall ist, hängt also von einigen Faktoren ab.

 

Ideen zur Unterstützung für das Schulteam, Eltern, Therapeut*innen etc. 

Meine beiden Kinder kämpfen als Autisten ebenfalls mit der autistischen Trägheit. Am letzten schulischen Standortgespräch meines 8-jährigen Sohnes wurde mir bewusst, wie sehr das Team überfordert oder gefordert ist. Meinen Sohn zum Starten mit schulischen Aufgaben zu bewegen, ist ein Kraftakt. Aber nur den Kropf leeren, bringt nichts. Lösungen müssen her. Das motivierte mich, genau hinzuschauen und zu sammeln, was denn die äussere Kraft für meinen 8-jährigen Sohn sein könnte, damit er sich doch noch auf schulische Inhalte einlässt

.

  • Nie darf vergessen werden – eine gute Beziehung ist das A und O in der Arbeit mit autistischen Kindern – zudem einen sicheren Ort bieten, an dem Rückzug möglich ist und Abwertungen von Menschen nicht geduldet werden

 

  • ▶️ Kleine überschaubare Portionen im Sinne von: 

„Wie isst man einem Elefanten?“

 

  • ▶️ Klarheit, was warum, wann, wo und wie getan werden soll. 

(TEACCH hat viele Ideen dazu.)

 

 

  • ▶️ Interessen nutzen

 

  • ▶️⏹️🔀 Arbeitshaltung Einführen als Routine (TEACCH hat eine Anleitung dazu)

 

  • ▶️ Im Klassenverband – alle arbeiten

 

  • ▶️ Manchmal gebe ich ihm Gegenstände für weitere Aktivitäten in die Hand – Zahnbürste, dann Zahnbecher und manchmal führe ich gar seine Hand sachte in die Bewegung Richtung Ziel

 

  • 🆘 Wenn es nicht geht, dann übernimmt wer und er darf als Beobachter lernen

 

  • ▶️ Reizreduktion – denn dem Reiz folgen ist bereits Arbeit

 

  • 🆘 Und nicht zuletzt kann man auch mal etwas übernehmen und direkt helfen, wenn es gar nicht geht. Trägheit ist nicht immer gleich. Es gibt gute und schlechte Tage. 

Das heisst – so Sullivan, ein*e Autist*in kann an einem Tag etwas leicht tun, aber an einem anderen Tag mit der gleichen Aufgabe auf eine starke Trägheit stossen.

 

 

Mein 13-jähriger Sohn findet eher das Stoppen und die Veränderungen einer Aktivität herausfordernd. Will ich etwas von ihm, muss ich an der Tür klopfen und warten, bis er mich herein bittet. Das kann gut zwei Minuten dauern. Will ich spontan mit ihm etwas unternehmen, geht das nicht. Aber die regelmässigen Besuche bei den Grosseltern wiederum, sind kein Problem – Freude gar.

 

  • Nie darf vergessen werden – eine gute Beziehung ist das A und O in der Arbeit mit autistischen Jugendlichen – zudem einen sicheren Ort bieten, an dem Rückzug möglich ist und Abwertungen von Menschen nicht geduldet werden

 

  • ▶️⏹️🔀 Visuelle Pläne machen alles vorhersehbar: der Ablauf der Projektwoche, der Wandertages, Abläufe des selbständig Paratmachens vom Zähneputzen bis in den Bus einsteigen etc.

 

  • 🆘▶️⏹️🔀 Routine hilft – auch schwierigere Sachen werden so bewältigt mit anfangs viel Unterstützung jedoch

 

  • ⏹️🔀 Rituale – ein gewöhnlicher Tag verläuft so, um 10 Uhr Znüni als Eckpunkt. Der vermeintlich langweilige Alltag kann als sehr angenehm empfunden werden

 

  • ▶️⏹️🔀 Interessen des Jugendlichen aufnehmen, denn darin ist Sicherheit, Freude etc. bereits vorhanden und es lässt sich  so mancher Lerninhalt darin verpacken – versus abrupt anders

 

 

Natürlich sind beide Ideensammlungen zur ‚äusseren Kraft‘ keineswegs vollständig – es gibt bestimmt noch etliche Tricks und Tipps zur Unterstützung, die ich hier nicht erwähne.

 

Autismus verstehen – wir müssen zur äusseren Kraft werden

Ich kann mir gut vorstellen, dass manche nicht-autistischen Eltern, Lehrpersonen, Therapeut*innen etc. zu sehr von sich selber ausgehen und irritiert sind, wenn ihre Erwartungen autistische Kinder/Jugendliche betreffend fehlschlagen und schlimmer noch, sie interpretieren manchmal gar Absichtlichkeit hinein und nehmen das Verhalten persönlich. 

 

 „Er sitzt einfach da und macht nichts.“ „Er ist ein Rosinenpicker.“ „Es ist nicht einfach, wenn man tolle Unterrichtsinhalte plant und ein Kind interessiert sich absolut nicht dafür.“ 

 

Aber wenn wir verstanden haben, dass zugrunde eben ein Defizit in der Fähigkeit liegt, Bewegungen zu initiieren oder freiwilliges Handeln zu bewältigen oder Anweisungen zu befolgen oder Prioritäten zu setzen oder den Aufmerksamkeitsfokus flexibel zu wechseln oder ’nichts oder etwas tun‘ zu stoppen oder gar Trägheit aus Angst vor unbekannten oder unerwünschten Ergebnissen etc. (Vgl. Frontiers in Psychology/Neuropsychology), müssen wir nicht mehr verzweifeln. Unsere autistischen Kinder und Jugendlichen sind nicht einfach zu bequem, zu verwöhnt oder wollen lediglich nicht etc. Es handelt sich um ein Defizit in der Fähigkeit, Handlungen zu initiieren – also eben Initiierungssschwierigkeiten oder anders gesagt: einen „Stop-and-Go“-Kampf. Das verdient Verständnis und Unterstützung – und so komme ich nochmals auf Newtons Trägheitsgesetz zurück – das zuvor schon Galileo Galilei erwähnte, denn so funktioniert eben auch autistische Trägheit. 

 

„Ein Körper bleibt in Ruhe oder in gleichförmiger geradliniger Bewegung, solange die Summe der auf ihn wirkenden Kräfte null ist.“ Galileo Galilei

 

Wir sollten aber keine Nullen bleiben, sondern eben zur äusseren Kraft werden, die versteht und hilft, die Trägheit gemeinsam zu überwinden.

Das ist doch ein klarer Auftrag für mich, Eltern, Lehrpersonen, Therapeut*innen etc.

 

Literaturliste

 

https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2021.631596/full

Forscher betrachten verschiedene Mechanismen für eine verminderte soziale Interaktion bei autistischen Kindern, wie zum Beispiel mangelnde soziale Motivation oder erlernte Hilflosigkeit; jedoch erwägt keiner die Möglichkeit eines zugrunde liegenden Defizits in der Fähigkeit, Handlungen zu initiieren – also Initiierungssschwierigkeiten.

 

https://autisticality.com/2014/11/10/inertia/

„Aber es gibt vor allem zwei Dinge, die verhindern, dass ich steckenbleibe oder wenn es passiert: Aufforderungen und Planung.“

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„Denn Trägheit bedeutet nur Schwierigkeiten  , den  Zustand zu ändern , und dieser ursprüngliche Zustand kann alles sein. Die einfachste Erklärung dafür, wie Trägheit aussieht und sich anfühlt: Manchmal tut eine autistische Person am Ende etwas, was sie nicht tun möchte oder tut nicht, was sie tun möchte.“ Autisticality.com

 

https://www.google.com/amp/s/soyoureautistic.com/2018/08/07/autistic-inertia/amp/

I think my inertia was a processing problem, I was having trouble connecting from “free time now” to “what should we do?” so I was perpetually stuck at “free time now” which left me frozen, unable to do anything with this free time.

 

Murray, F. (2017). Autism as a Disability. Available online at: https://medium.com/@Oolong/autism-as-a-disability-14790520ef81 (acessed January 18, 2019).

Es erscheint mir seltsam, dass Trägheit oft so weit unten auf der Liste der Dinge steht, die Menschen mit Autismus in Verbindung bringen? […] Ich finde, dass [Trägheit] wahrscheinlich das größte Problem ist, das direkt daraus resultiert. (F. Murray, 2017 ).

 

https://ca.specialisterne.com/autistic-inertia/

„Belohnungen für sich selber einzurichten (ich bin immer ein Fan von dunkler Schokolade).“ Kella Gehlert

 

http://unstrangemind.com/autistic-inertia-an-overview/

„Etwas sehr Wichtiges, auf das Sullivan hinweist, ist die Ungleichmässigkeit der Fähigkeiten bei Autisten. Das heisst, eine autistische Person kann eines Tages etwas leicht tun, aber an einem anderen Tag mit der gleichen Aufgabe auf eine starke Trägheit stossen.“ Unstrange Mind

„Aspergia Jones schreibt in ihrem Blogeintrag auf ihrer Website Letters from Aspergia über die Idee, dass autistische „besondere Interessen“ tatsächlich eine Form der Trägheit sein könnten . Sie spricht von Trägheit als einer Art „Festgefahren“ und erwähnt, wie sehr wir Autisten dazu neigen, von „Ohrwürmern“ überholt zu werden – Musik, die im Kopf stecken bleibt. Oder Filme, die im Kopf stecken bleiben.“ Unstrange Mind

 

https://qw88nb88.wordpress.com/2006/10/15/coping-with-the-inertia-of-task-paralysis/

„All diese Themen fallen in den Bereich der „Executive Function“, die Planung, Priorisierung, Initiierung, Kenntnis dessen, was man tut, beurteilen, was man tut, Korrigieren (Troubleshooting) und Verhinderung falscher Handlungen oder Ablenkungen umfasst. Um all diese Dinge gleichzeitig zu tun, müssen viele Gedanken im kurzfristigen und aktiven Verarbeitungsgedächtnis jongliert werden; sie verbrauchen viel zerebralen RAM.“ Andrea

„Ich versuche, die Dinge nie auf den Boden zu legen, um sie später zu erledigen. Niemand will sich später mit Dingen befassen, und sie auf den Stapel zu werfen, trägt nur zum Chaos bei.“ Andrea

 

Newtons Bewegungsgesetz

https://physikunterricht-online.de/jahrgang-10/newtonsche-bewegungsgesetze/

 

Wie man eine Arbeitshaltung anleitet und noch viel mehr. Ein Muss für alle Lehrpersonen und Therapeut*innen

https://m.exlibris.ch/de/buecher-buch/deutschsprachige-buecher/anne-haeussler/der-teacch-ansatz-zur-foerderung-von-menschen-mit-autismus/id/9783808007716

 

„A short self-help guide to tackling rumination for autistic people (may also be useful for others).“

https://medium.com/@sonyahallett/loops-of-concern-ff792eebad03

 

„Die Fähigkeit, sich über lange Zeiträume hinweg zu konzentrieren und Dinge zu erledigen, kann zu hohen akademischen Leistungen führen, beispielsweise in Musik, Mathematik und Kunst. In diesem Aspekt kann Trägheit positiv sein.“

&

„Anstatt Trägheit als totales Negativ zu betrachten, kann sie auch als Ort einer notwendigen Leere oder als eine Zeit des schnellen Fortschritts angesehen werden.“

https://www.altogetherautism.org.nz/using-the-maori-creation-story-to-navigate-autistic-inertia/

 

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