Ein paar Gedanken zur schulischen Inklusion und meiner grossen Achtung vor kreativen und flexiblen Schulen

Inklusion ist und bleibt für alle Beteiligten ein Weg, immer in Bewegung und am Finden von – teils unkonventionellen – Lösungen. Das Ziel ist nicht plötzlich erreicht und somit “Fall abgeschlossen”. Der Weg geht immer weiter.

 

Den Rohstoff “Kind” fördern

Die Bildungspolitik hat Interesse am Rohstoff “Kind”, wie es Oskar Jenni in seinem Artikel im Magazin “Fritz und Fränzi” so treffend benennt. Der Rohstoff “Kind” soll quasi dazu verhelfen, dass die Wirtschaft floriert – Wohlstand also. Leider beisst sich dieser Druck nach Leistung mit der Individualisierung, die wir für unsere Kinder wünschen. Auch Pro Juventute schlägt Alarm mit dem Slogan: “Weniger Druck. Mehr Kind.” Gerade für Kinder im Autismus-Spektrum ist dieser Leistungsdruck noch verheerender. Individualisierung wäre das Zauberwort, das auch meine Kinder dadurch benötigten – vielleicht mehr Zeit generell, um sich vertiefen zu können oder gar ein Thema überspringen, dessen Ziele autodidaktisch schon längst erreicht sind, andere Lernwege zulassen und Prioritäten immer wieder neu überdenken und setzen etc. Ich wünsche mir für meine Kinder ein selbständiges und selbstbewusstes Leben. Ich bin mir sicher, dass dies nur mit individualisiertem Unterricht und Lernen im eigenen Tempo zu Stande kommt. Ob das am Ende weniger wirtschaftlich ist? Das bezweifle ich.

 

“Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.” Mahatma Gandhi

 

Unser Rohstoff Kind ist gleich zweimal eine Special Edition. Mein 10-jähriger Sohn hat die Diagnose Asperger Syndrom bekommen – mein 6-jähriger Sohn atypischer Autismus.

 

Kreative und flexible Schulen

Matthias Huber ist Psychologe und hat selber das Asperger Syndrom. Dadurch ist er ein optimaler Vermittler. Ich schätze ihn sehr für seine Arbeit. Er formuliert das Dilemma mit der Schule genau so, wie ich als Mutter fühle, dass es richtig wäre.

 

“Es geht aus meiner Sicht nicht darum, ein Kind integrierbar zu machen, sondern darum, dass sich auch das Umfeld verändert und anpassen muss, erst dann bewegen wir uns im Bereich der Inklusion, was sinnvoll wäre. Nur Schulen, die kreativ und flexibel sind, kommen auch mit Kindern wie Iwan (im Autismus-Spektrum) zurecht.” Matthias Huber in Beobachter Gesundheit “In seiner eigenen Welt”

 

Vor folgendem Satz habe ich nämlich besonders Angst: ”Unsere Schule hat keine Kapazitäten für autistische Kinder.” Jede fantasielose und stagnierende Schule kann so argumentieren, wenn es sich um den Rohstoff “Kind” mit unserer Special Edition Autismus dreht. (Ich habe das vorausschauend auf der Suche selber schon zweimal hören oder lesen müssen.) Die Schule, bei der bereits das angepasste Konzept für Kinder im Autismus-Spektrum vorhanden ist, habe ich noch nicht getroffen. Wohl aber Menschen, Leitbilder und viel Idealismus, der genau das möglich macht. Und weil ich weiss, dass Inklusion für viele Kinder im Autismus-Spektrum der Königsweg wäre, höre ich nicht auf zu träumen…

 

Und für die Kinder im Autismus-Spektrum, für die jedes staatliche Angebot Schule nicht passt, wünsche ich mir, dass sich endlich jemand mit dieser Situation auseinandersetzt. Es beelendet mich nämlich, dass es in unserem Land solche Kinder gibt und scheinbar keine passenden Lösungen, ausser dass die Eltern im Home- oder Unschooling versuchen, dieses Fehlen wieder wett zu machen.

 

Entwicklungsprofil Kind und welche Strategien ihm helfen

Ich möchte hiermit alle Eltern, die vermuten, dass ihr Kind im Autismus-Spektrum liegen könnte, zur Abklärung ermutigen. Ich kann Oskar Jenni nur beipflichten, denn erst das Entwicklungsprofil eines Kindes kann aufzeigen, welche Strategien ihm helfen, schliesslich denken, fühlen und handeln autistische Kinder anders. Eine Abklärung heisst keineswegs, dass nun folgend alles an Therapeuten und Co delegiert werden muss. Nein, es können Anpassungen des Unterrichts gemeinsam geplant werden. Oftmals sind diese kein Mehraufwand – es ist eher ein didaktisches Drandenken. Unsere schulischen Heilpädagogen haben dies im Griff. Sie wissen, mit welchen Herausforderungen meine beiden Söhne im Schulalltag zu kämpfen haben und nehmen gleichzeitig ihre Stärken und Begabungen wahr. Erklärungen und Life Hacks bieten auch die innovativen Erklärungsansätze, die Autismus nicht mehr als schwerwiegende und zu eliminierende Krankheit sehen, sondern als eine neurologische Variante des Seins (vgl. Theunissen). Daraus lassen sich viele didaktische Tricks ableiten und eben – Strategien erarbeiten.

 

Anforderungen anpassen – einige Ideen von Bo Hejlskov Elven für Strategien zu den acht autismusspezifischen Merkmalen nach Theunissen

Jeder Mensch im Autismus-Spektrum ist – logisch – ein Individuum und man sollte nicht verallgemeinern. Und dennoch verbinden die acht Merkmale Menschen im Autismus-Spektrum in irgendeiner Weise. (Möglicherweise ist die Verbindung das überempfindliche Gehirn nach der Intense World Theory oder der Tunnelblick nach der Monotropismus Hypothese oder …, was alle acht Merkmale beeinflusst.) Allerdings kann ein kleiner Bereich eines verbindenden Merkmales von “klappt fast oder gar nicht” bis hin zum super-learning Effekt einfach alles abdecken. Das wirkt nicht nach selbem Thema Autismus, was es letztlich aber doch ist. Beispielsweise finden einige Menschen im Autismus-Spektrum expressiv und rezeptiv nie zur Sprache, andere schreiben Literatur – und gewisse benutzen die mündliche Sprache nicht expressiv und schreiben dennoch Bücher. Es ist und bleibt spannend, verwirrend und macht – spätestens jetzt – aufmerksam. Das ist gut so. Nun wird einem bewusst, dass es ohne individuelle Betrachtungsweise nicht geht.

Anforderungen anpassen heisst im Umgang mit Kindern im Autismus-Spektrum oftmals, dass mit so wenig Druck wie möglich gearbeitet werden soll. Mit minimalem Druck nur und mit Hilfe von Strategien gelingt es ihnen nämlich, Anforderungen im Bereich Wahrnehmung, Lernen etc. zu bewältigen. Aber:

 

“Jeder hat das Recht, in jeder Situation Nein zu sagen.” Bo Hejlskov Elven

 

Wahrnehmung

Nach dem Modell der erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit (enhanced perceptional functioning), sind Kinder im Autismus-Spektrum bottom-up Spezialisten. Sie nehmen ganz viele Details wahr. Manchmal verlieren sie sich darin und erkennen dadurch die Zusammenhänge – top-down Prozess – nicht mehr. Sie brauchen Struktur, um den Überblick behalten zu können.

  • Nicht zu viele Anforderungen auf einmal stellen.
  • Struktur – Alltag vorhersehbar machen. (Visuelle Strategien nutzen.)

 

Lernen, Leistung und Probleme lösen

Vertreter der Monotropismus Hypothese nehmen an, dass Kinder im Autismus-Spektrum ein breites Feld an Informationen ignorieren und sich auf Interessen konzentrieren. Wie schafft man es nun aber, dass sich ihr Fokus auch auf nicht interessante Informationen richtet?

  • Motivierende Aktivitäten als Ausgangspunkt.
  • Bestechung und Belohnung.
  • Wahlmöglichkeiten.

 

Tunnelblick, Spezialinteressen und Sonderbegabungen

Gleichzeitig beschreibt die Monotropismus Hypothese, dass die Konzentration auf die durch Interessen herausstechenden Impulse und somit für Kinder im Autismus-Spektrum auch spannenden Details, viel intensiver erfolgt. Das ist eine grosse Begabung, was zu einem veränderten Erleben, Denken und Handeln führt. Durch diese hohe Konzentration wird Störung auch als sehr unangenehm empfunden.

  • Etwas zu Ende bringen dürfen.

 

Bewegung und Stimming

Die Theorie über eine Welt, die sich zu schnell bewegt oder verändert, schildert den Stress, den schnelle Bewegungen, diese zu erfassen und zu reagieren, wie es zum Beispiel beim Blickkontakt nötig ist, aber auch beim Velofahren oder Völkerball etc. bei einem autistischen Kind auslösen. Bei manchen Menschen im Autismus-Spektrum ist das Zusammenspiel zwischen sensorischen und motorischen Prozessen nicht optimal abgestimmt. Das wirkt unbeholfen und unkontrolliert und zu langsam. Die Selbstbestimmung im Rollen, Hüpfen, Dinge rotieren etc. gibt wiederum Sicherheit. Auch manchmal selbststimulierendes Verhalten.

  • Warten dürfen, bis man bereit ist. (Vorbereitung auf den nächsten Schritt erleichtert das.)
  • Anforderung ohne Druck. (Aufträge evtl. verschleiern – wir schütteln mal das Kissen aus, legen Teddy schon ins Bett…)

 

Routine, Beständigkeit und Ordnung

Das Concept of hyper-systemizing bringt Ordnung in eine chaotische Welt durch ein extremes Systematisieren. 65% aller Menschen im Autismus-Spektrum denken in Systemen. Veränderungen in einem System (z.B. Stundenplan heute anders – in der Schule Pizza backen und essen über Mittag) oder Übergänge (vom System zu Hause ins System Schule oder von dort in die Eishalle oder den Verkehrsgarten) sind sehr herausfordernd und werden verständlicherweise dadurch erstmals abgelehnt.

  • Motivierende Unterstützung bei Übergängen. (Zwischen A & B z.B. 1 Level “red ball”.)
  • Zeit: Timetimer nutzen, aber auch natürliches Ende einer Tätigkeit.

 

Sprache

Die Vertreter der Empathy Imbalance Hypothesis teilen die Empathie in zwei Bereiche auf. Die emotionale Empathie ist bei Menschen im Autismus-Spektrum nach dieser Hypothese gar erhöht. Primärgefühle wie Angst, Freude, Ärger etc. nehmen sie also verstärkt wahr. Schwierig wird es erst bei der kognitiven Empathie. Dies könnte man als indirekte durch kognitive Empathie hervorgerufene emotionale Empathie bezeichnen, die sich auf emotionale Zustände anderer Personen bezieht (z.B. Schuld oder Scham) und diese erfassen und daran teilhaben lässt (z.B. Trauer). Das braucht Fähigkeiten im “Gedankenlesen”. Darum kann auch Sprache nicht wortwörtlich genommen werden. Man muss Gedanken des Gegenübers lesen und die Situation mit einbeziehen. Darum meint die Frage “weisst du, wie spät es ist” eigentlich “bitte nenne mir die Uhrzeit”.

  • “Rede klar, rar und wahr.” Kaiser-Mantel 2017 (zitiert von Claudia Surdmann in der Fortbildung “Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen”.)

 

Miteinander

Die Theorie einer Welt, die sich zu schnell bewegt oder verändert, besagt, dass Sprache einfach und langsam präsentiert, Strukturierungshilfen bei Abläufen und Vereinfachung von komplexen Informationen zu einer Verlangsamung der Welt führen und diese somit für Kinder im Autismus-Spektrum besser zu bewältigen ist. Eine weitere Vereinfachung entsteht durch das Wir-Gefühl. Wenn die Kindergruppe inklusive Lehrperson dasselbe machen – natürlich nicht zu schnell und wirr, führt das zu einer Orientierungshilfe und Zusammengehörigkeitsgefühl. Für meine Kinder ist genau dieser Effekt der Inklusion darum so wertvoll.

  • Wir-Gefühl.

 

Gefühle

Durch das überempfindliche Gehirn mit einer hyper-reaktiven Amygdala, wie es die Intense World Theory propagiert, reagieren auch die Gefühle. Eine mangelnde Gefühlskontrolle und Affektregulation kann die Folge sein, aber auch Ängste, sich ja nicht trösten lassen wollen etc.

  • Nicht zu viele Anforderungen auf einmal. (Das gilt emotional, sozial, sensorisch etc.)

 

Das Kind in seiner eigenen Aktivität unterstützen

Auch in einer Gesellschaft, in der laut Oskar Jenni die Bildungspolitik nicht vom Kind ausgeht, sondern von ökonomischen Interessen geleitet wird, wächst das Gras nicht schneller, wenn man daran zieht. Das Kind kann nicht einfach von aussen gesteuert werden – Entwicklung wird vom Kind aus in engem Zusammenspiel mit der Umwelt gelenkt und ist ein Mischwerk, was das Kind mitbringt und was die Umwelt bereitstellt (vgl. Oskar Jenni). Es geht darum zu spüren, wie viel Druck ein Kind erträgt, wann weniger mehr ist und wo es bestimmte Strategien zur Unterstützung in seinem Entwicklungsprofil braucht.

Da, wo wir wohnen, besuchen manchmal fast halbe Klassen nach der 6. Klasse das Gymnasium. Nicht immer ohne, dass am Gras gezogen wird zwar. In der Art erlebte ich auch die Besuchshalbtage im Kindergarten – mit spürbaren ökonomischen Interessen, welche hier die Eltern zu fordern scheinen. Es wird gezeigt, wie unser Lehrplan umgesetzt wird – wenn auch liebevoll verpackt, so doch sehr leistungsorientiert. Mein jüngerer Sohn bleibt dabei auf der Strecke. Das sind dann die Momente der Nixklusion, wie ich dies auf Twitter von Kirstenmalzwei und ihren Geschichten gelernt habe. Nixklusion schmerzt immer ein wenig, auch wenn man als Eltern ein Auge zudrückt und versucht zu verstehen. Erstaunlicherweise sieht das im multikulturellen Schulhaus meines älteren Sohnes ganz anders aus. Diese Ausgangslage motiviert alle rundherum um einiges mehr zu einer Haltung der Inklusion. Oder vielleicht gar umgekehrt? Man muss vermutlich die Vielfalt lieben, um an diesem Ort beruflich erfüllt zu sein.

 

“Förderung ist dann wirksam, wenn das Kind in seiner eigenen Aktivität unterstützt wird. Dann macht es Fortschritte, fühlt, dass es etwas bewegen kann, selber wirksam ist und es entwickelt ein gutes Selbstwertgefühl. Oskar Jenni (in Fritz & Fränzi)

 

Immer dann, wenn mit Individualisierung und Strategien gearbeitet wird und dadurch die eigene Aktivität meiner Kinder begleitet, was durchaus oft der Fall ist, schlägt mein Herz höher. Ich kann mir unterdessen vorstellen, dass es so möglicherweise sogar 9 Schuljahre lang integrativ in der Volksschule gut kommen wird.

 

Integration gelingt

Für eine gelingende Integration braucht es ein ganzes Schulhausteam. Integration ist eine Haltungssache, die das Unmögliche möglich macht. Ich behaupte nicht, dass das einfach ist, doch plötzlich sind da Kapazitäten trotz derselben Ausgangslage wie anderswo. Wenn alle mitmachen – absolut machbar. Zudem glaube ich, dass Inklusion nicht nur ein Geschenk des ganzen Schulhausteams an meine Kinder ist. Es ist letztendlich ein Geschenk zurück an die Gesellschaft.

 

“Mit Inklusion würden Kinder lernen, dass es okay ist, anders zu sein. Dass wir alle anders sind. Eine Utopie, für die es sich zu kämpfen lohnt.” Denise Linke (in Schattenspringer)

 

🙂

 

Interessanter Link: Checkliste schulischer Förderung

Literaturliste

https://www.beobachter.ch/gesundheit/medizin-krankheit/autismus-seiner-eigenen-welt

https://kirstenmalzwei.blogspot.com/?m=1

Fritz & Fränzi. Das Schweizer Elternmagazin. Kindergarten 2. Jahr 2019. Tschüss Chindsgi.

NUMMER. Das Magazin für Autisten, AD(H)Sler und Astronauten. Schwerpunkt Schule und Arbeit. Nr. 2/2015.

Häussler, A. (2018). Sehen und verstehen. Visuelle Strategien in der Förderung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung. Stuttgart: Kohlhammer.

Schreiter, D. (2015). Schattenspringer 2. Per Anhalter durch die Galaxie. Stuttgart: Panini Verlag.

Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.

Theunissen, G. (2018). Autismus und herausforderndes Verhalten. Praxisleitfaden Positive Verhaltensunterstützung. (Autismus Deutschland e.V.). Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag.

Bo Hejlskov Elvén. (2015). Herausforderndes Verhalten vermeiden. Tübingen: Dgvt Verlag

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