Hot Dogs wie von 0 auf 100 – mein kleiner bottom-up Spezialist

Ich liebe unkomplizierte Familienmenus. Und das ist bei uns keineswegs eine einfache Sache. Ich sammle Kochbücher – leidenschaftlich. Ich liebe Julia Hofers grosses Familienkochbuch, Dagmar von Cramms “Das grosse GU Familienkochbuch”, Marianne Bottas “Mit Kindern kochen, essen und geniessen”, Edith Gätjens geniales Familienkochbuch etc. Mein älterer Sohn mit Asperger Syndrom ist weit mehr als ein Flexitarier. Mit Falafel, Couscous und viel Gemüse ist er glücklich. Mein jüngerer Sohn mit atypischem Autismus hingegen, der isst sicher KEIN Gemüse. Am liebsten Spaghetti, Tomatensauce, Fondue, Raclette, Hüttenkäse, Pommes und Chicken Nuggets mit Ketchup und Omeletten mit Zimt-Zucker und Apfelmus. Hier eine gemeinsame Schnittmenge zu finden ist manchmal wirklich kulinarische Mengenlehre auf hohem Niveau. Aber etwas, das ich noch nicht erwähnt habe, ist dennoch in der Schnittmenge enthalten: Das Wienerli.

 

Hot Dog

Mein 10-jähriger Sohn mit Asperger Syndrom isst Hot Dogs wie folgt: in das Baguette wird vom Ende her mit einer Kelle ein Tunnel gestossen, dieses dann gefüllt mit Ketchup und schliesslich ein Wienerli ohne Zipfeli hinein geschoben. (Die Zipfeli – ein no go.)

Mein 6-jähriger Sohn mit atypischem Autismus hingegen, der will das Wienerli geschält. Keine Haut drumherum. Wenn mein Mann vom Abendstudium nach Hause kommt, macht er sich die Hot Dogs oft lieber rasch selber. Und zwar längs aufgeschnitten mit Sandwich Sauce, Jalapenos und Röst-Zwiebeln drauf. Das imponierte meinem jüngeren Sohn derart, dass er eines Tages Schneidebrett und Messer nahm, sein Baguette ebenfalls seitlich aufschnitt – ganz nach Papas Manier. Die Sandwich Sauce gezielt im Kühlschrank fand. Jalapenos und Zwiebeln aber keinesfalls. Ich würde sagen, er ist ein Hot Dog Spezialist. Das, weil er gleichzeitig auch bottom-up Spezialist ist.

 

Bottom-up Spezialist

Ja, was ist ein Hot Dog – bottom-up Spezialist bloss!? Mein jüngerer Sohn ist das, weil er alle Details des Hot Dogs studiert hat. Er weiss, dass es Wienerli ohne Zipfeli gibt, Wienerli ganz normal aus der Packung für Mami und Papi, Wienerli geschält für ihn. Er weiss, dass es Hot Dog Baguettes gibt, und dass oftmals von oben ein Tunnel hinein gedrückt wird. Er weiss, dass es aber auch solche gibt, die seitlich aufgeschnitten werden. Und ganz klar gibt es nicht nur eine Sauce. Mami will Ketchup gemischt mit Senf. Der grosse Bruder Ketchup pur. Papi nimmt seine geliebte Sandwich Sauce. Und mein jüngerer Sohn, der nimmt Ketchup plus Sandwich Sauce.

Theunissen erwähnt in seinem Buch, dass nach dem Modell der erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit und dem darin beschriebenen bottom-up Prinzip, elementare Eigenschaften oder Daten eines Gegenstandes von Personen im Autismus-Spektrum in einer hohen Intensität verarbeitet und aufgenommen werden. Darin sind auch meine beiden Kinder durch ihre Wahrnehmungsbesonderheit top. Besser als neurotypische Kinder. Während nicht-autistische Kinder bereits Hot Dogs als eine Lieblingsmahlzeit der Kategorie Fast Food eingestuft haben und aktuell lieber einen Cheeseburger wollen – nur Hot Dogs gar nicht so spannend finden, sammelt mein Kleiner immer noch Daten. Aber wenn er diese beieinander hat und findet, er mache nun einen Hot Dog selber, alle Utensilien dafür selbständig sucht und sich aus den vielen Variablen für Hot Dog den persönlichen zusammenstellt, staunt man nicht schlecht. Erstens wurde das Wort “Hot Dog” vorher noch nie von ihm expressiv gebraucht (- ja, kennt er das überhaupt? Klar!), zweitens hätte man nie im Leben erwartet, dass er sich diesen korrekt nach eigenem Gutdünken und Geschmack kreieren kann. Vielleicht dauert es länger, bis sich ein autistisches Kindergartenkind einen Hot Dog selber macht, aber wenn all diese bottom-up Daten zusammengetragen worden sind, dann kann etwas Kreatives – hier Leckeres – entstehen. Das wirkt für mich dann wie von 0 auf 100. Plötzlich ist alles da. Fälschlicherweise wird oft angenommen, dass scheinbar kurz davor noch nichts vorhanden ist. Vielleicht, weil Daten und Eigenschaften sammeln oftmals unsichtbar bleibt? Und auch, weil er mich in seine Studien nicht einweihen mag? Ich auf meine Fragen (noch) keine Antwort bekomme? Die Intensität und Konzentration des Sammelns nicht gestört werden will?

 

Life Hacks

  • Zeit: Mein kleiner Sohn mit atypischem Autismus denkt und lernt anders als neurotypische Kinder. Er verbringt zuerst viel Zeit mit der Detailorientierung. Er braucht darum für alles viel mehr Zeit.
  • Ermöglichungsräume: Die Herausforderung ist also, wie man es schafft, dass ein autistisches Kind im Kindergarten und später in der Schule Ermöglichungsräume, wie dies Theunissen so treffend bezeichnet, bekommt, um sich mit dieser anderen Wahrnehmung entfalten zu können.
  • Begabung: Ich bekomme als hoch empfindliche Mutter ab und zu den Eindruck, dass in der Phase von 0-99 meinem Kind alles andere als eine Begabung unterstellt wird. Dabei ist es kurz vor 100 und somit dem totalen Durchbruch – wie beispielsweise der Eigenkreation des perfekten Hot Dogs. Für mich ganz klar eine grosse Begabung.

 

 

Literaturliste

Theunissen, G. Hrsg. (2016). Autismus verstehen. Aussen- und Innensicht. Stuttgart: Kohlhammer.

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