Merkblatt Autismus – Ein Zettel griffbereit in der Handtasche

 

Sie machen dann das komische Gesicht…

Wer kennt sie nicht, diese konsternierten Blicke!? Valentina, die Schwester eines autistischen Jungen, benennt das so, wenn sie Kolleginnen von der Schule mit nach Hause nimmt und diese daraufhin ihren Bruder sehen:

 

„Sie machen dann das komische Gesicht. Wäh, so. Das habe ich nicht so gerne. Das tut mir schon ein bisschen weh.“ (Ausschnitt aus ‚Mona mittendrin in Urdorf‘.)

 

Autistische Kinder und Jugendliche scheinen durch ihr Verhalten also Unverständnis hervorzurufen. Oftmals reicht es, wenn man die Umgebung vorgängig aufklärt, dass das eigene Kind (oder eben der Bruder) autistisch ist und man offen für Fragen ist, damit man solche Blicke verhindern kann. Auf einmal wird akzeptiert, dass ein Kind mit den Händen flattert (Stimming) und dabei laut summt oder ein Jugendlicher auch bei Schnee ohne Jacke an der Bushaltestelle wartet (sensorisch andere Empfindung).

 

Hilfe in grossen Stressmomenten

Ganz anders sieht es aus, wenn es bei Ausflügen auf unbekanntem Terrain zu heftigen Stressreaktionen kommt (Overload). Eine Weide voller Kühen mit Glocken, kann durch deren Lautstärke eine autistisches (oftmals) viel empfindlicheres Gehirn, unglaublich überfordern. Aber auch die Pizza, die in der Pizzeria nicht wie gewohnt in gleich grosse Achtel geschnitten wird, enttäuscht durch den viel intensiveren Fokus auf genau dieses eine Detail um ein Vielfaches mehr, als wir das kennen etc. Die nicht-autistische Umgebung nimmt lediglich wahr, dass ein Kind/Jugendlicher ohne für sie nachvollziehbaren Grund plötzlich ausflippt. Es wird also nicht verstanden, warum ein Kind auf einer Wanderung, an einem schönen Frühlingstag, zuerst voller Freude mit dabei ist und dann von einem Moment auf den anderen schreiend davon rennt und sich versteckt oder ein Jugendlicher in einer Pizzeria ein Drama veranstaltet, gerade in dem Moment, als das sehnsüchtig erwartete Essen serviert wird. Oftmals wird dann unausgesprochen oder ausgesprochen Erziehung von den Eltern erwartet – das störende Verhalten soll sofort aufhören.

 

Thomas Girsbergers Devise lautet aber zu Recht: „Beruhigung geht vor Erziehung.“  (S. 35)

 

Damit das auch verstanden wird in einem Moment, in dem man ausschliesslich für das Kind/den Jugendlichen da sein muss, kann ein Zettel helfen, den man aus der Handtasche zücken und rasch entgegenstrecken kann.

 

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Unser Kind ist autistisch. 

Manchmal gerät es wegen einer für uns scheinbar kleinen Bagatelle in grossen Stress – wie auch jetzt gerade. 

Wir Eltern versuchen unser Kind auf Herausforderung vorzubereiten oder es davor zu schützen. Das klappt leider nicht immer.

 

Sie können uns helfen, indem Sie die Situation ignorieren! (Tipp von Thomas Girsberger)

 

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Wir verstecken uns nicht

Ein autistisches Kind oder Jugendlichen zu begleiten, sieht also etwas anders aus und beinhaltet viel Vorbereitung und Schutz – keineswegs Tadel im Sinne von „reiss‘ dich doch zusammen“. Kommt es zu einer heftigen Reaktion, liegt der Fokus als erstes darauf, dass sich das Kind/der Jugendliche beruhigen kann und wieder Sicherheit findet. Bei uns bedeutet das oftmals auf irgendeine Art Rückzug – und für mich ganz wichtig: keine Gespräche führen und diese Distanz zulassen. Mein älterer Sohn gibt mir dann Anweisungen im ähnlichen Stil, wie es Girsberger tut: 

 

„Ignoriere mich. Ich bin nicht da.“

 

Aber ich bin da und versuche diesem Bedürfnis nachzukommen, so gut das eben geht. Wir sitzen uns in der Pizzeria vielleicht weiterhin gegenüber, aber ich schenke ihm soviel Rückzug wie nur möglich. Mein Mantra dann, an dem ich mich festhalte:

 

„(…) die eigenen Antennen nicht auf ‚Empfangen’ stellen und sich vom Gefühl anstecken lassen. Innerlich den Schalter auf ‚Senden‘ stellen und Ruhe und Frieden schicken.“ Michèle Liussi 

 

Später dann sollte unbedingt (gemeinsam) nach Ursachen geforscht werden, die Stress auslösen. So wird Verhalten vorhersehbar gemacht. Das gibt einem Handlungsspielraum. Gegen zu laute Geräusche wie Kuhglockengeläute, Rasenmäher, renovierende Arbeiter etc. lohnt es sich vielleicht den Pamir immer mit dabei zu haben. Gegen falsch geschnittene Pizza hilft, wenn man das Schneiden das nächste Mal selber übernimmt. Und wer weiss, vielleicht schafft es das Kind/der Jugendliche mit der Zeit gar selber, den Pamir rechtzeitig anzuziehen, wenn es lärmig ist oder benennt, dass es/er nur gleich grosse Achtel essen will o.ä.

 

Wir können noch so gut planen – die beste Planung eines Ausfluges kann trotz allem an unvorhergesehenen Anforderungen scheitern. Ganz wichtig aber – wir verstecken uns dennoch nicht und bestehen auf Teilhabe. 

 

 

 

 

 

Literaturliste

 

Leseempfehlung ☺️👍:

Girsberger, Th. (2022). Mit Autismus den Alltag meistern. Praktische Hilfen für Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum. Stuttgart: Kohlhammer 

 

emily ☘️ エマリー 🌸花媚力 (@woaimily) twitterte um 3:31 AM on Mi., Dez. 22, 2021:

Trying to get me to tell you what’s wrong is pointless. I can’t communicate properly and it will only prolong it and make it worse. The best thing you can do is leave me alone.

(https://twitter.com/woaimily/status/1473481322261741569?t=3qpRgdIleSfGs9ixEWIJhQ&s=03)

 

SuperpowerBlair (@TheOPBlair) twitterte um 3:28 AM on Mi., Dez. 22, 2021:

That it’s not a „choice“ to have one, or to go through the symptoms/stages of one.

 

Non-Autistics like to make it sound like it’s some kind of personal failing on our part when we break down, or can’t „just stop“.

(https://twitter.com/TheOPBlair/status/1473480551935873026?t=hKGQ8olgfIAIbKWrwXuAlg&s=03)

 

14.52: „Sie (Kolleginnen auf Besuch, wenn sie autistischen Bruder sehen) mached dänn das komische Gesicht. Wäh, so. Das han ich nöd so gern so zügs. Das tuet mer scho no chly weh.“ Valentina 

https://www.srf.ch/play/tv/mona-mittendrin/video/bei-kindern-mit-autismus?urn=urn:srf:video:4aad4a40-3683-4505-91c1-117aa259a325

 

Autism care and share (@autcareandshare) twitterte um 6:23 PM on Sa., Jan. 15, 2022:

My biggest challenge as a parent of a autistic child usually comes from other people .

(https://twitter.com/autcareandshare/status/1482403044021125120?t=nOQR5sVWcCLi7JGwOsTTuA&s=03)

 

Overload, Meltdown, Shutdown

https://ellasblog.de/autismus/herausforderndes-verhalten-overload-meltdown/

 

Stimming

https://sachendenker.ch/stimming-repetitive-oder-stereotype-verhaltensweisen-bei-menschen-im-autismus-spektrum/

 

Michèle (@sternstaubkorn) twitterte um 11:33 AM on Sa., Juli 31, 2021:

Beim Wut begleiten die eigenen Antennen nicht auf ‚empfangen’ stellen und sich vom Gefühl anstecken lassen.

Innerlich den Schalter auf ‚Senden‘ stellen und Ruhe und Frieden schicken.

(https://twitter.com/sternstaubkorn/status/1421403755107520513?s=03)

 

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