36 Life Hacks zu Motivation und Lernen

Warum Kinder im Autismus-Spektrum anders lernen – und wie man sie lehrt

 

 

Ich weiss nicht, was ich denke…

Es ist wieder einmal soweit. Mein jüngerer Sohn mit atypischem Autismus ist 7 Jahre alt und schon bald steht der Übergang vom Kindergarten in die 1. Klasse vor der Tür. Ich bin sichtlich gestresst, weil ich nicht weiss, wie das mit dem Lernstil unseres jüngeren Sohnes klappen soll. Für ihn ist das kein Problem. Er findet seine Lösungen! Aber gibt es jemanden, der diese andere Art ’sich die Welt anzueignen‘ auch versteht und somit Lehrpläne übersetzt? (Ressourcen sind abdeckend geplant – es wird also keine Lehrperson allein gelassen.) Und dann will ich sogar noch Inklusion! Dabei sei hier das höchste aller Gefühle Integration. Gehe ich zu weit, wenn ich klar NEIN zur Separation sage? Ich will doch in erster Linie ein glückliches Kind. Und scheinbar noch ein bisschen mehr…

Es ist also an der Zeit, dass ich mir über das Lernen meiner beiden Kinder Gedanken mache.

„Ich weiss nicht, was ich denke, bis ich anfange, es aufzuschreiben.“ Joan Didion

Das gilt auch diesmal. In dem Fall hole ich mal aus…

Lernen im Kindergarten: Reizvoll – und Reiz-voll

Für mich ist die Institution Kindergarten etwas sehr Attraktives. Das Alter der Kinder dort ist faszinierend spannend und herausfordernd zugleich. Betritt man den Raum, staunt man. Es ist eine Welt für kleine Menschen: bunt und lustvoll und viel mehr. Gleichzeitig ist es eine Welt für kleine Menschen geplant von grossen Menschen. Wahnsinnig viele Kinder spielen auf relativ engem Raum. Dazu kommt, dass ein Kindergartenkind etwa 4000 Konflikte pro Jahr durchlebt – und einige davon tangieren auch die Zeit im Kindergarten. Es ist also immer etwas los und in Bewegung. Dadurch ist die Wahrnehmung autistischer Kinder rasch mal überlastet und vorbei mit Aufmerksamkeit und Konzentration, die fürs Lernen ja essentiell wären. Das Zurechtfinden im Kindergarten braucht für meinen Sohn ganz viel Anpassung dadurch.

So reizvoll ein Kindergarten auch ist – so Reiz-voll ist er auch. Und das sehe ich als grosses Thema für mein Kind. Von allem hat es viel zu viel. Und gleichzeitig braucht es viele Ressourcen, für die man wiederum kämpfen muss, damit es nicht zu wenige sind. 

Und mein Kind? Wie geht es mit diesen vielen Reizen um? Gelöst wurde das Thema durch einen Raumteiler, der eine ruhigere Ecke abschirmt. Anfänglich bin ich etwas erschrocken, da auch das Fenster mit einem hellen Rollladen blickdicht gemacht wurde. Ebenfalls ein Pamir hängt griffbereit. Das alles ist perfekt so, denn auf diese Weise kann angepasst gelernt werden. Ein Insel inmitten des Trubels. Reizlos ist keineswegs reiz-los. Nicht für uns.

 

Lernen in der Schule: Reizthema Hausaufgaben

Mein älterer Sohn mit Asperger Syndrom liebt sie – die Schule. Irgendwie hat es das Team dort trotz vieler Herausforderungen geschafft, dass er sich sehr wohl fühlt – ein bisschen sein zweites zu Hause fast. Allerdings beides als unabhängige Systeme für sich. Am Wochenende vermisst er die Schule manchmal. Nach den Ferien freut er sich wieder auf sie. 

Ein grosses Reizthema gibt es jedoch. Es sind die Hausaufgaben. Vielleicht genau darum – es vermischt sich die Schule mit zu Hause. Zum Glück sind unsere Lehrpersonen unverkrampft gegenüber Hausaufgaben eingestellt. Das Problem mit dem Vermischen der Systeme, wird ihnen vermutlich neu sein. Aber das Thema mit dem Druck keineswegs. Zudem scheint es mir, dass sie es mit der Chancengleichheit sehr Ernst nehmen. Gelernt wird in der Schule. Moderat Hausaufgaben gibt es dennoch. Diese Einstellung hilft uns sehr. 

Alles zusammen – Systemvermischung und Druck – ergibt eine explosive Mischung. Da hilft auch kein Mantra: „Je rascher erledigt, desto mehr Freizeit habe ich.“ Für meinen älteren Sohn ist es schwierig, wenn er den Sinn einer Aufgabe nicht sieht, zuviel Repetition da ist oder gar eine ganz andere Denkweise (z.B. soziale Geschichten lesen) die Hausaufgaben dominieren. Und ist es zu viel Text, so mag er gar nicht erst starten etc.  Es gibt also ganz viele Gründe, warum Hausaufgaben so eine Tortur sind. Und natürlich hat sich mein Sohn auch via YouTube informiert und ich musste mir auf seine Bitte hin folgenden Beitrag ansehen: https://youtu.be/LK4hbnoMHSo

Auch das ist typisch für ihn. Er ist so selbständig, um sich ohne meine Hilfe zu informieren und sich mit diesem Rückhalt dann bestätigend durchzusetzen. Mit Interessen von innen heraus. Gleichzeitig schafft er es nicht, wenn er als Hausaufgaben fünf Seiten in der Linda-Geschichte lesen sollte, bei der soziale Themen einen hohen Stellenwert haben.

Selbst Matthias Huber, so wird es in “Herausforderung Regelschule” erwähnt, hat als Kind noch nicht verstanden, warum man etwas üben soll. Seine Idee war mehr, dass man eine Sache beherrscht oder dann halt nicht. Das könnten in ungefähr auch die Worte meines Sohnes sein, der sich seine Herausforderungen gerne selber sucht.

Innere und äussere Motivation

Ist ein Kind im Autismus-Spektrum begeistert, dann wird das mit dem Dranbleiben zum Selbstläufer. Das wird gut sichtbar bei den Spezialinteressen autistischer Kinder. Mein jüngeter Sohn bastelt gerade Roboter und Maschinen aller Art. Mein älterer Sohn sucht sich auf YouTube Informationen über interessante Themen zusammen – zum Beispiel, warum man das Game Coin Master kritisch sehen muss.  

Nicht alles zieht aber gleichermassen in den Bann. Im Gegenteil: Ablehnung für fremdbestimmte Themen sind oftmals eher die Regel als die Ausnahme. Ich erinnere mich an das Stricken, das mit Ach und Krach nur angebahnt werden konnte. Wobei bei ihm weder die Abläufe noch die Motorik ein Problem wären. Der Kopf! Oder das Arbeiten an der ach so gefährlichen Nähmaschine oder die Schwimmlektion, bei der der Boden tiefer oder höher eingestellt werden konnte. Alles irgendwie nicht passend. Ich weiss nicht, ob mangels Motivation Gründe gefunden wurden, warum etwas nicht geht, die Gründe die Motivation beeinflussten oder beides im Wechselspiel.

Auf YouTube spannende Themen recherchieren, ist nicht dasselbe, wie wenn man ein Kissen nähen muss. Und siehe da, das bestätigt auch die Wissenschaft. Es gibt zwei verschiedene Arten von Motivation***. Eine innere und in sich entstehende (Spass) und eine äussere (z.B. Belohnung, eigene Ziele, soziale Rolle mit Pflichten etc.). Die innere Motivation betreffend, sind meine autistischen Kinder herausragend. Ich geniesse ihre Begeisterungsfähigkeit und diese Intensität der Hingabe. Dann wird Höchstleistung erbracht. Aber natürlich macht keineswegs alles derart Spass. Lernen in der Schule nach (von aussen) vorgegebenen Zielen, zu einem Zeitpunkt und an einem Ort der ebenfalls von aussen vorbestimmt ist, löst oftmals Desinteresse, Langeweile und sogar Verweigerung aus.

 

Autistische Kinder brauchen innere Motivation, um Herausforderungen zu bewältigen.

 

*** Mein Mann erzählte mir,  dass Motivation ein kontrovers diskutiertes Thema ist. Es gibt Menschen, die behaupten, es gäbe nur eine Art von Motivation – die von innen heraus. Und wiederum andere sehen Motivation ausschliesslich als Manipulation. In diesen Extremen denke ich jedoch nicht. 

 

Motivation und Aufmerksamkeit

Estermann machte eine interessante Entdeckung zur Motivation. Er und sein Team fanden in einem Experiment betreffend Aufmerksamkeit heraus, dass mit Motivation die Aufmerksamkeit um mehr als 50% höher ist als ohne. Und der einzige Ansporn dazu war folgender Satz in der Testsituation:

 

„If you do better on the task, it would end sooner,“ Esterman says. „And you can get out of the lab sooner.“

 

Natürlich ist dieser Satz kein Zauberspruch, der zu Motivation führt. Aber der zugrunde liegenden Idee muss unbedingt nachgegangen werden. Dieses Ergebnis lässt nämlich darauf schliessen, dass wir es irgendwie schaffen müssen, dass Kinder im Autismus-Spektrum im Lernen die intrinsische Motivation aktivieren. Über 50% sind nicht wenig!

 

Motivierte Kinder sind über 50% aufmerksamer.

 

Motivation und Autonomie

Edward Deci untersuchte, wie Maya Kinder und Kinder der USA bestimmte Aufgaben lösen. In der Testsituation fand er heraus, was eine wichtige Komponente ist, um Kinder zu motivieren. Für ihn ist es eindeutig Autonomie. Maya Mütter sind nämlich Aufmerksamkeitsspezialistinnen. Ihre Kinder lernen von klein an aufmerksam zu sein. Wenn ihre 4-jährigen Kinder beispielsweise draussen spielen wollen, dürfen sie das einfach.

 

The (Maya) parents intentionally give their children this autonomy and freedom because they believe it’s the best way to motivate kids, Gaskins says. (…) „The parents feel very strongly that every child knows best what they want,“ she says. „And that goals can be achieved only when a child wants it.“

 

Maya Kinder sind durch dieses andere Aufwachsen aufmerksam – viel aufmerksamer, als es Kinder in den USA sind. Das macht nachdenklich. Er empfiehlt darum Eltern, dass sie ihre Kinder darin unterstützen, ihren Leidenschaften nachzugehen. Denn nur etwas, das Freude bereitet, kann Aufmerksamkeit schenken.  

Auch Lehrpersonen empfiehlt er, dass sie die Autonomie ihrer Schüler fördern sollen, da dies schliesslich die Motivation zum Lernen, Zuhören und Bewältigen von Herausforderungen anregt. Die Ziele werden also vom Kind gesetzt und die Erwachsenen unterstützen es, damit diese Ziele auch erreicht werden können. (Vgl. How To Get Kids To Pay Attention by Michaeleen Doucleff 21.6.18.)

Mit all diesen Tipps kommen wir der autistischen Wahrnehmung entgegen. Autonomie ist etwas, das meine Kinder brauchen – überlebenswichtig. So ist unser Haus auch oftmals ein Ort zum Entfalten oder wie es Mottron treffend benennt – ein Ermöglichungsraum. Mit etwas Chaos dadurch. (Vgl. EPF, Theunissen.) Ein Ermöglichungsraum beinhaltet kein Richtig oder Falsch – es ist ein Weg. Somit ist auch klar, dass es Unsinn ist, diesen zu bewerten. 

 

Kinder müssen wieder herausfinden, wer sie sind und was sie wollen, damit sie ihre Ziele selbstbestimmt setzen können und dadurch leidenschaftlicher lernen.

 

Das Belohnungssystem und die Motivation

Tatsächlich hat das Forschungsteam der Universitäten Genf und Basel eine höchst interessante Entdeckung gemacht. Sie haben eine mögliche Erklärung gefunden, warum es vielleicht mit der sozialen Kommunikation für Menschen im Autismus-Spektrum so kompliziert ist. Sie machen dafür eine Fehlfunktion der Synapsen von Nervenzellen im Belohnungssystem verantwortlich.

 

“Das Belohnungssystem ist ein wichtiger Schaltkreis im Gehirn bei allen Säugetieren. Es verstärkt bestimmte Verhaltensweisen, indem es für die notwendige Motivation sorgt. Nahrungssuche, Lernen oder Emotionen beispielsweise sind eng damit verbunden.”  Forschungsgruppe von Prof. Peter Scheiffele

 

Kann das Interesse an sozialen Kontakten durch eine reduzierte Aktivität der dopaminergen Neuronen nicht aufrecht erhalten bleiben, verliert man die Motivation mit anderen zu interagieren. Dasselbe Phänomen betrifft auch das Lernen. Auch hierfür braucht es Motivation. Also ist das Dranbleiben an Herausforderungen, die einen nicht leicht fallen/interessieren eine grosses Thema. Es ist darum essentiell, dass autistische Kinder als anderer Lerntyp verstanden werden.

 

Autistische Kinder haben durch die reduzierte Aktivität der dopaminergen Neuronen oftmals Mühe, sich für „nicht interessante“ Themen zu motivieren, und zwar in einem anderen Ausmass als nicht-autistische Kinder.

 

Motivation und Emotionen

Ja, wie wichtig sind eigentlich Emotionen beim Lernen? 

Konzentriertes Lernen braucht Aufmerksamkeit – leidenschaftliches Lernen basiert auf Dopamin. Neurotransmitter und Emotionen gehen also Hand in Hand. So ist die Aufmerksamkeit für konzentriertes Lernen sichergestellt.

 

„Nachhaltiges Lernen ist immer mit positiven Emotionen verbunden. Wir erinnern uns dann gern und jedes Erinnern festigt wieder das Gelernte.“ André Frank Zimpel

 

Das wusste schon Maria Montessori und nannte es ‚Polarisation der Aufmerksamkeit‘, die Fähigkeit sich intensivst zu konzentrieren. Darum war für sie das freiwillige Spiel so zentral – Kinder wählen ihre Lerngegenstände selber. Eine Sache mit Emotionen also und dadurch intensiv. Nachhaltiges Lernen ist leidenschaftlich. Natürlich überlässt man das Kind so nicht sich selber – Erwachsene sind da und unterstützen den Lernprozess.

 

„Kinder sind weder über- noch unterfordert, weil sie sich das wählen, was sie herausfordert und voranbringt.“ André Frank Zimpel

 

Zudem lernen Kinder im freien Spiel sich selber einzuschätzen. Die grösste Bildungsstudie der Welt, die Hattie-Studie, bezeichnet gerade die Selbsteinschätzung als wichtigsten Punkte beim Lernen. Ob es Zufall ist, fragt sich André Frank Zimpel, dass der Gründer von Google und evtl. auch der von Amazon Montessori-Schüler waren?

 

„Neurotransmitter sind immer mit Emotionen verbunden. Wenn wir gut lernen wollen (= nachhaltiges Lernen), sollten wir es immer mit Emotionen verbinden.“ André Frank Zimpel

 

Monotropismus – Ressourcen nutzen

Die Monotropismus-Hypothese betont, wie wichtig Interessen bei Menschen im Autismus-Spektrum sind.

 

So stossen wir hierbei auf Fähigkeiten wie Ausdauer, hohe Konzentration, forschendes oder exploratives Handeln, auf das Vermögen, sich in eine Sache leidenschaftlich, emotional hoch aufgeladen hinzugeben, ihr zielstrebig, tiefgreifend, akribisch oder auch phänomenologisch auf den Grund zu gehen oder überhaupt nicht an etwas interessiert zu sein.“ Murray, Lesser und Lawson (Monotropismus)

 

Interessen sind der Anknüpfungspunkt meiner autistischen Kinder an die Welt. Das Lernen im Kindergarten und in der Schule, Menschen kennenlernen und generell Vertrauen in etwas oder jemanden schöpfen, geht am einfachsten so vonstatten. Darum ist es wichtig, dass die Spezialinteressen entsprechend gewürdigt werden. Sie geben uns Erwachsenen Aufschluss, wie wir Verbindungen zu ganz unterschiedlichen Themen schaffen können. Interessen haben also eine wichtige Brückenfunktion.

 

Für autistische Kinder sind Interessen DIE Brücke zum Lernen.

 

Lehren heisst ein Feuer entfachen

Da ich mich an Ressourcen orientiere, bringen mich Forschungsergebnisse immer auf Ideen. Schon alleine das Bewusstsein, dass es für Kinder im Autismus-Spektrum schwierig ist, sich ausserhalb ihrer Interessen zu motivieren, zeigt auf, dass herkömmliche Lehr- und Lernmethoden möglicherweise an ihre Grenzen stossen.

Heraklit hat es kurz und treffend in Worte gefasst, was für Kinder im Autismus-Spektrum betreffend Lernen besonders wichtig ist und eigentlich gleich die Lösung für Lehrpersonen mitgeliefert.

 

„Lehren heisst ein Feuer entfachen, und nicht einen leeren Eimer füllen.“ Heraklit

 

Das gilt für alle Kinder – für autistische aber um ein Vielfaches mehr. Sie brauchen Feuer, da ihre Motivation von innen kommen muss. Das ist keine einfache Aufgabe für Lehrpersonen. Sie fordert einige Kompetenzen. Zwei wichtige sind Kreativität und Flexibilität. Und hinzu kommt selbstverständlich, dass ihnen genügend Ressourcen gewährleistet werden müssen.

 

Fünfundzwanzig Life Hacks, wie man autistische Kinder vielleicht zum Lernen motivieren kann 

Ich bin Praktikerin. Darum habe ich mein Bücherregal plus interessante Artikel nach Anregungen durchforstet und mir eigene Erfahrungen präsent gemacht, wie es einem vielleicht gelingen kann, dass das Lernen im Schulsystem auch mit Autismus klappt. Natürlich ist Autismus nicht gleich Autismus. Darum zückt man aus dieser keineswegs vollständigen Zusammenstellung auch nur, was passen könnte. Für alle Kinder gilt es zu vermitteln, dass es okay ist anders zu sein – ein liebevolles Lernumfeld ist die Basis, um sich entfalten zu können. Zudem darf nicht vergessen werden, dass es eine autistische Art und Weise, die Welt wahrzunehmen gibt – ein anderes Denken, Fühlen und Handeln also. Bei einigen Kindern liegt der Fokus dadurch auf der Anpassung der Umgebung an ihre autistische Wahrnehmung, damit sie ‚ungestört‘ arbeiten können. Bei anderen muss man sich intensivst mit der Frage beschäftigen, wie es einem gelingen kann, dass sich diese trotz unterschiedlichem Lernstil den Lernzielen des Lehrplans annähern. Manche brauchen sowohl als auch, um im Schulsystem glücklich zu werden – andere nur kleinste Anpassungen. Letztlich zeigt der Praxistest, mit welchen Life Hacks es hinhaut.

„It should not be assumed that just because learning does not happen in the conventional ways it means that a child is unable to learn. Far more often it is the teaching style that is of little benefit to the autistic child – but changes in the teaching can have a massive positive impact on the learning!“ Dr Luke Beardon (s. 19-20)

  • Interessen: Das Lernen ist manchmal nur möglich, wenn man einen Bezug zu einem Themengebiet herstellt, welches das autistische Kind interessiert. Bei meinem 7-jährigen Sohn sind das aktuell Roboter oder Maschinen mit Funktionen. (Vgl. Theunissen P s. 34.)
  • Lernstil: Autistische Kinder lernen anders. Ihr unübliches Lernverhalten, die besondere Denkstrategie, der eigene Lernstil und das Beharren auf selbstentwickelten Lösungen muss Ernst genommen werden. Tatsächlich will mein jüngerer Sohn immer zuerst selber entdecken – teilweise mit Infos von YouTube Filmchen über Fruchtsalatrezepte oder Hund-Roboter-Anleitung etc., bis er dann mit Fragen kommt. Umgekehrt klappt selten. (Vgl. Theunissen P s. 46.)
  • Fehlerkultur: Autistische Kinder brauchen eine etwas andere Fehlerkultur, da einige die Tendenz haben, dass es nur Richtig oder Falsch gibt, ebenso einen hohen Anspruch an Gerechtigkeit/Fairness und gleichzeitig oft andere Lernwege, Umwege oder gar die Überholspur wählen, was sowieso ein Umdenken verlangt:

„Was für ein grossartiger Fehler!“, ruft die Lehrerin, als ein Mädchen im Matheunterricht ein falsches Ergebnis nennt, weil dahinter eine interessante Strategie steckt (…).“ Verena Friederike Hasel (https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2019-12/bildung-neuseeland-schulen-lehrer-kinder-lernen)

  • Zeit: Autistische Kinder sind bottom-up Spezialisten. Sie sammeln zuerst ganz viele Detailinfos, während neurotypische Kinder schon den Zusammenhang erfasst haben (aber weit weniger Details erkannt) und mit einer Aufgabe gestartet oder eine Frage beantwortet. Durch diese Fülle von Detailinformationen braucht das Abrufen für alles immer viel mehr Zeit. Man muss also warten können – dem autistischen Kind Zeit geben. (Das kann sogar bedeuten, dass sich ein autistisches Kind nicht dem gewohnten Lese- oder Mathelehrgang hingibt, scheinbar verweigert, für uns unsichtbar Informationen sammelt und dann plötzlich das Lesen oder Rechnen trotzdem beherrscht.)
  • Verlangsamung: Sprache, Ballspiele, Mimik erfassen etc. gehen für Kinder im Autismus-Spektrum oftmals zu schnell. „Dabei spielen die Geschwindigkeit der Stimuli in Verbindung mit Faktoren wie Druck, Zeitknappheit die zentrale Rolle.” Georg Theunissen
  • Wichtigkeit: Die Wichtigkeit von etwas spüren ist unerlässlich. ‚Es‘ muss irgendwie in den Fokus rücken – gerade durch die monotropistische Wahrnehmung nicht weiter ausgeblendet werden. Es soll Kinder geben, die sich nur mit einzelnen Wörtern verständigen und am nächsten Tag Sätze produzieren. Diese Entwicklungsexplosion wie von 0 auf 100 ist uns gut bekannt. (Vgl. Theunissen P s. 53.)
  • Diskretion: Für meinen älteren Sohn ist es ganz schlimm, wenn er für andere sichtbare Anpassungen bekommt. Eine nicht ganz einfache Aufgabe mit der Diskretion, wenn ein Kind ja nicht auffallen will und gleichzeitig ein Nachteilsausgleich formuliert und wichtig ist. Unser SHP schafft das aber. Oftmals hilft Teacch ja nicht nur dem autistischen Kind, auch dem Kind mit Konzentrations- oder Sprachverständnisproblemen etc.
  • Bilderdenker: Strukturiert und visualisiert hilft autistischen Kindern oftmals im Verstehen. (Das Buch ‚Herausforderung Regelschule‘ ist darum ein Muss für Eltern und Lehrpersonen – siehe Literaturliste.) Generell sollten Aufgaben der autistischen Wahrnehmung angepasst werden. Ein autistisches Kind muss in seiner Art zu denken angesprochen werden. Laut Theunissen geht es letztendlich um Hilfen zum Erkennen von Zusammenhängen in bestimmten Situationen. Bei meinem jüngeren Sohn sind das Bilder für Abläufe von Aufgabenstellungen. Zu Beginn auch Bilder für Sprache. (Und wenn Sprache, dann nach Kaiser-Mantel: „Klar, rar und wahr.“)
  • Musterdenker: Mein älterer Sohn denkt sehr systematisch. Das gibt ihm viel Sicherheit und macht gleichzeitig etwas unflexibel, wenn er ein System verlassen sollte. Minimale Anpassungen gehen aber. (Grössere) Veränderungen sind Stress.
  • Vorhersehbarkeit: Auch ein Situationswechsel muss hervorsehbar gemacht werden. Ist die Kindergartenlehrperson krank und eine Vikarin kommt – Whatsapp/Wire an Mutter davor oder eine Schulreise folgt, dann Ablauf vorbesprechen etc. Zu sehr neu, kann sofort „nein“ bedeuten. (Vgl. Theunissen AV s. 197.)
  • Reizreduktion: Eine Reizreduktion durch Kopfhörer, Sonnenbrille, Räume, die nicht hallen etc. wirkt ebenfalls lernförderlich. (Vgl. Theunissen AV s. 197.)
  • Organisation: Das autistische Kind muss bei der Organisation unterstützt werden, sei das ganz konkret die Hausaufgaben im Aufgabenheft notieren, das Material dafür mit nach Hause geben etc. Diese Hilfestellung braucht mein älterer Sohn unbedingt. Es irritiert natürlich, wenn ein Kind komplizierte Matheaufgaben löst und gleichzeitig nicht das nötige Material für die Hausaufgaben einpacken kann. (Vgl. Theunissen AV s. 197.)
  • Kind gut kennen: Eine absolutes Muss für raschen Lernerfolg ist das Anknüpfen an Motivation, Interessen, Stärken und Ausdrucksformen des Kindes. Es ist wichtig, dass die mit dem Kind arbeitenden Personen das Kind gut kennen und diesbezüglich auch mit den Eltern in regem Austausch stehen. (Vgl. Theunissen P s. 105.)
  • Tricks nutzen: Ein weiterer Trick ist es, die Zone der nächsten (vermuteten) Entwicklung anzugehen als Leitlinie für Ziele. Oftmals sagt es einem Kind zu, wenn es ‚Dinge‘ zuerst einmal selber entdecken darf und lange und ausgiebig Zeit zum Explorieren bekommt. Mein jüngerer Sohn liebte es, vor allem zu Beginn des ersten Kindergartenjahres, mit Hilfe einer erwachsenen Person neue Sachen in paralleler Tätigkeit anzueignen. Modellfunktion nutzen ist ebenfalls ein wichtiger Lern-Tipp – darum ist ja auch Inklusion so wertvoll. „Die anderen machen das so – ich will auch.“ Anleitung mit Unterstützung oder in Zusammenarbeit mit jemandem kann ebenfalls lernförderlich sein. Je nach Kind oder Phase sind solche Tricks möglicherweise lernförderlich. (Vgl. Theunissen P s. 111.)
  • Überempfindliches Gehirn: Autistische Kinder haben ein hyperreaktives Gehirn und spüren zu viel. Dem muss pädagogisch Rechnung getragen werden, um nicht zu überfordern. „Es müsse jedoch auch in der nachfolgenden Zeit (nach 6 Jahren) auf freundliche Umgebungen und Situationen geachtet werden, die für autistische Personen neuronal passend sind. Das heisst, dass zum Beispiel Unterstützungsleistungen oder schulische Lernsituationen einerseits nicht sensorisch, kognitiv, sozial und emotional überfordern dürfen, andererseits müssen sie individuelle Stärken und Interessen beachten, um nicht zu unterfordern und eine Entdeckung, Erschliessung, Ausbildung und Unterstützung von Begabungen, Talenten (…) zu verpassen.” Georg Theunissen
  • Akzeptanz: Das autistische Kind muss von der Assistenzperson akzeptiert werden, wie es ist. Aber, auch das Kind muss einen Draht zur Assistenzperson haben, diese als freundlich erleben. (Vgl. Theunissen P s. 115.)
  • Dazu gehören: Das Recht auf Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Zugehörigkeit muss gewährleistet werden. Ganz wichtig – willkommen sein 🙂 . (Vgl. Theunissen P s. 209.)
  • Flexibilität: Die Personen rund um das autistische Kind sollten immer auch unkonventionell denken können, wenn es um Lösungen geht, damit es Anforderungen zu bewältigen lernt. Oft braucht es einen Plan b und flexible Lehrpersonen, die immer offen dafür sind, um alternative und kreative Lösungen zu finden. (Vgl. Theunissen P s. 217.)
  • Kleinschrittiges Vorgehen: Wie isst man einen Elefanten? In „Elefantenhappen“, so rät unser schulischer Heilpädagoge. Zu grosse Portionen können überfordern. Kleinschrittiges Vorgehen hilft oft. Das rettet uns immer wieder – Hausaufgaben…
  • Ja zu Stimming: Stimming ist okay beim Lernen – kritzeln auf ein Blatt daneben ist absolut erlaubt. Dasselbe beim Zuhören etc. (Theunissen AV s. 197.)
  • Repetition: Wiederholungen können helfen etwas richtig zu verstehen. Nicht immer alles neu gibt zudem Sicherheit. Es bewährt sich kleine Variationen anzubieten, anstatt gleich grosse Veränderungen.
  • Sich zurückziehen dürfen: Rückzugsmöglichkeiten helfen, um nachher wieder “dabei” zu sein. Aber auch Bewegungspausen können beruhigen. (Vgl. Theunissen AV s. 197.)
  • Mitbestimmung: Dem Kind Wahlmöglichkeiten zwischen zwei oder drei Tätigkeiten anzubieten, kann sehr motivierend sein – z.B. heute entweder mit der Kneten oder mit den Magneten spielen. (Vgl. Theunissen AV s. 197.)
  • Computer, Tablet etc.: Es muss nicht immer Schönschrift sein – vielleicht geht das auch am PC. Manches macht damit sowieso viel mehr Spass. (Vgl. Theunissen AV s. 197.)
  • Lernwerkstatt: „Für Kinder, die weder in der Regelschule noch in der Sonderschule adäquat gefördert werden können, ist die Lernwerkstatt die einzige Alternative.“ Petra Baeschlin (Artikel von Alexander von Däniken – im Anhang) . Ich vermute, dass diese Idee Mottrons erwähnten Ermöglichungsräumen sehr nahe kommt. Natürlich schliesse ich keineswegs aus, dass jede Schule mit einer angepassten Lernwerkstatt arbeiten kann, auch wenn dafür natürlich Ressourcen benötigt werden wie eine Begleitung im Prozess des Lernens, die über Teacch Kenntnisse zum Strukturieren und Visualisieren verfügt (siehe Tipp: Literaturangaben), einen reizarmen Arbeitsplatz und vieles mehr, was hier vielleicht erwähnt wird. Je nach Kind. Manche brauchen die Begleitung beispielsweise 1:1, andere nur zu Beginn, gewisse nur ab und zu und weitere sind derart autodidaktisch veranlagt, dass sie theoretisch gar keine Schule bräuchten. 

 

Acht Life Hacks noch zum Pathological Demand Avoidance Syndrome

Das Pathological Demand Avoidance Syndrome beschreibt ein extremes Verweigern und/oder Vermeiden von Alltagsanforderungen. Es ist laut der PDA Society ein Syndrom, welches nur vereinzelte Menschen in der Intensität im Autismus-Spektrum betrifft.

 

  • Aufträge indirekter stellen: Manche Kinder mit PDA mögen es lieber, wenn ein Auftrag verschleiert wird – ein Beispiel von zu Hause. Also nicht: „Du musst ins Bett!“ Vielleicht aber: „Schau, Teddy ist müde und geht nun schlafen. Bist du auch müde? Wo ist dein Pyjama? Da ist es ja. Oh, es hüpft zu dir.“ (Diese Kinder brauchen also eine etwas andere Unterstützung. Nicht unmissverständlich klar – indirekter. Beiläufigkeit. Vielleicht durch eine Geschichte mit einer Prise Humor?)
  • Gedanken laut sprechen: Wenn die Gedanken transparent gemacht werden, ist das kein Befehl, sondern eine sanfte Annäherung – ähnlich wie oben. Aber nicht eine Geschichte erzählen, sondern die eigenen Gedankengänge. Das führt mit weniger Druck zum eigentlichen Auftrag. Auch hier eine Prise Beiläufigkeit. Das kann dann so aussehen, dass ich vor der geschlossenen Zimmertür meines älteren Sohnes stehe und den kleinen Bruder (scheinbar) frage, ob er ihm mitteilen wollen, dass die Spaghetti fertig gekocht seien…
  • Sanfter Kommunikationsstil: es empfiehlt sich nicht zu direkt auf das Ziel zuzusteuern, da dies Stress und Ängste mobilisieren kann und somit auf Abwehr stossen. Indirekter kommunizieren hilft oftmals.
  • Keine unnötigen Konfrontationen: Die Tabus des Kindes müssen respektiert werden. Das Thema Coiffeur oder Kieferorthopäde bei meinem älteren Sohn auch mal ruhen lassen.
  • Rollenspiele: Noch was von zu Hause. Aktuell wird von meinem jüngeren Sohn alles im Rollenspiel gelernt. Manchmal darf ich mitmachen, manchmal spielt mein kleiner Sohn gleich alles.
  • Ein andermal: Ganz elementar ist es Prioritäten zu setzen. Was ist im Moment wichtig und was nicht. Mut zur Lücke. Mut, etwas auf später zu verschieben. Auch macht es Sinn, darüber nachzudenken, was alles in der Kindheit erledigt werden muss.
  • 1. Arbeit, 2. Vergnügen: Abmachungen zu treffen schafft Kindern mit PDA Überblick, Klarheit etc. und kann Ängste nehmen. Vielleicht so: Nach den Hausaufgaben geht’s nach draussen aufs Trampolin.
  • Rituale: Gleichbleibende Abläufe sind für meine beiden Kinder sehr unterstützend. Bei uns wird in der Logopädie immer zuerst gearbeitet und danach ist das Kind „der Chef“. So entwickelte mein jüngerer Sohn eine wunderbare Arbeitshaltung, die mich begeistert. Es geht also…

 

Das Pathological Demand Avoidance Syndrome oder Demand Avoidance Phenomena wird kontrovers diskutiert. Manche sehen es als Teil des Autismus-Spektrums – wie die PDA Society, andere als ausserhalb oder innerhalb möglich und weitere wollen dies mit einer anderen Haltung/Verständnis eher als eine Rational Demand Avoidance sehen, da es eine völlig verständliche Strategie ist, wenn man zu Sachen gezwungen wird.

 

 

Das PDA Syndrome wird von einigen Wissenschaftlern, wie zum Beispiel Richard Woods, als (politisches) Konstrukt in Frage gestellt. Vermutlich, weil es keine Autisten ohne mindestens ein bisschen PDA gibt und man eigentlich eher von Subtypen wegkommt und vom Spektrum spricht… 

Ob ‚das‘ nun unter Autismus läuft oder PDA, ist mir als Mutter, die nicht Definitionen will sondern Lösungen, nicht prioritär. Dieses Thema überlasse ich gerne anderen, auch wenn ich die Diskussionen auf Twitter gespannt mitverfolge. 

 

Ein Life Hack einer Unschooling Familie

Auf diese Idee hat mich der Tipp einer Unschooling Familie gebracht. Ich möchte hier nicht Werbung für Unschooling machen. In der Regel brauchen Eltern autistischer Kinder nämlich diese Auszeit, wenn ihre Kinder in der Schule sind. (Burnout.) Nichts desto trotz bewundere ich innovative Eltern, die für ihr Kind umdenken und damit der Gesellschaft einen Anstoss geben, wie es auch noch gehen könnte. Diese Idee entspricht einer monotropistischen Wahrnehmung.

 

  • Immer nur an einem Interesse arbeiten: „Vielleicht konzentrieren sich manche Kinder einfach nur auf eine Sache. Sie werden auf etwas anderes ziehen, wenn sie bereit sind.“ Zum Interesse ‚Frösche‘ wird ein Mindmap gezeichnet, geklebt oder geschrieben. Ein Thema lässt ganz viele Lernziele abdecken: Amphibien, Naturschutz, Kaulquappen im Aquarium beobachten etc. Auch die Kulturtechniken finden darin Platz. https://www.storiesofanunschoolingfamily.com/when-child-has-only-one-interes/

 

Ein Life hack aus dem Erfahrungsschatz einer mir wichtigen Forums-Freundin

Als ich einmal davon schrieb, dass es mir Angst macht, dass mein 7-jähriger Sohn trotz „Schulreife“ vielleicht gar nicht Lesen, Schreiben und Rechnen lernen will, bekam ich eine sehr weise Antwort.

  • Vertrauen: Sind die kognitiven Voraussetzungen für das Erlernen der Kulturtechniken gegeben – weg mit der Angst.

 

„Lesen, Schreiben, Rechnen. Das belastet, mehr als alle anderen Fächer und ich habe mich immer wieder gefragt, warum? Warum macht es so viel mehr Angst, dass das Kind nicht rechnen oder schreiben lernt, als dass es nicht lernt, wie man über einen Baumstamm balanciert, einen Kuchen bäckt, oder eine Sonnenblume im Garten zieht? Es gibt keinen Grund, warum es einem Angst machen sollte, wenn man weiss, dass die intellektuellen Fähigkeiten soweit ausgebildet sind, dass der Schriftspracherwerb und das Anwenden mathematischer Regeln theoretisch möglich ist. (…) Ich glaube aber, dass man einen Teil davon schon auch bei Menschen wecken kann, die diese Leidenschaft nicht haben und auch nicht finden werden. Vielleicht gepaart mit etwas anderem? (…) Die Wege sind anders. Aber sie sind da. Ich wünsche unseren Kindern sehr, dass sie an Menschen geraten, die bereit sind, diese Wege zu suchen, zu erkennen und da einzusteigen, wo ein Fortschritt möglich ist.“ A. Ei. (Vielen Dank! 🙂 )

 

Ein Life Hack aus unserem Familienalltag

Auch wenn ich Jesper Juuls Ideen sehr schätze, so arbeite ich dennoch mit Bestechung, auch wenn das nach ihm dem Kind das Gefühl geben könnte, man traue es ihm ohne nicht zu. Zu dieser Pädagogik greife ich nur dann, wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass meine Kinder die Herausforderung eigentlich meistern könnten, ihnen aber ein Anschub fehlt und es gute Gründe zur Eile gibt.

 

  • Belohnung: „Wenn du die Winterjacke nun bei -1°C anziehst, bekommst du 5.- Mutgeld für Hay Day.“

 

Lernen in der Schule bedeutet ja auch, dass Ziele im sozial-emotionalen Förderbereich gesetzt werden. So kann beispielsweise das Thema ‚Jacke in der Pause‘ durchaus zum Thema werden.

 

‚Un-berechenbare‘ Entwicklung

Ich mache mir oft Sorgen über die Zukunft meiner beiden Kinder. Gerade bei nahen Übergängen, wie es bei meinem noch-Kindergartenkind der Fall ist. Mein Mann rät mir dann: „Cross the bridge when we get there.“ Ein weiser Rat. Ich weiss ja selber, dass das mit dem Stellen von Zukunftsprognosen bei autistischen Kindern nicht geht. Man muss abwarten. Entwicklung ist oftmals ‚un-berechenbar‘.

Wenn ich höre, dass Donna Williams schulisch aufgegeben worden ist und Jahre später dann, als jemand an sie glaubte, alles nachholte und gar an der Universität studierte, macht es mich nachdenklich. Autismus bedingt, dass Schulpsychologinnen, schulische Heilpädagogen, Lehrerinnen, Kinderärzte, Psychiaterinnen etc. umdenken müssen. Das betrifft auch den eher starren Rahmen unseres Schulsystems. Wenn neurotypische Kinder maximal ein drittes Kindergartenjahr anhängen, mag es sein, dass ein Kind mit einer bottom up Wahrnehmung, wie es bei Autismus der Fall ist, vielleicht vier Jahre Kindergarten nötig hat, um dann möglicherweise in einer höheren Klasse zu starten, dann aber gleich Harry Potter Romane verschlingend. Zeit und Raum passen nicht zur traditionellen Idee von Entwicklung. Um autistischen Kindern nicht Unrecht zu tun, wie es Donna Williams geschehen ist, muss alles neurotypisch vergleichende Wissen über Bord geworfen werden. Individualität zu respektieren, ist bei autistischen Kindern noch einen Tick wichtiger.

Meine grösste Sorge sind unsere Kulturtechniken. Was ich mir da alles für Szenarien schon ausgemalt habe. Ja, vielleicht möchte mein kleiner Sohn in einem halben Jahr dann gar nicht rechnen, schreiben und lesen lernen – mit den gängigen Lehrmitteln, aber weiterhin Kuchen backen nach Rezepten und selber welche heraus tüfteln, weil er Muster erkennt? Oder er interessiert sich für Maschinen aller Art, studiert ihr Innenleben, vergleicht diese, kombiniert und entdeckt etc. 

 

Eine passende Schule

Manchmal fühle ich mich so weit weg von meinem grossen Wunsch der Inklusion. Eine Utopie? 

 

„Inklusion kann nicht scheitern. Scheitern kann nur ein Staat, dieses Grundrecht zu gewährleisten.“ @KirstenKirsten

 

Gegen den Staat kämpfen mag ich nicht – inklusionsfreundlich abstimmen aber schon. Es dauert. So stehen aktuell ganz andere Fragen an. Es ist wirklich eine verflixte Sache, wenn ein Kind weder in der Regelschule noch in der heilpädagogischen Schule die perfekte Anpassung inhaltlich und in der Umgebung findet. Ich hoffe natürlich immer auf Persönlichkeiten, die alles geben. Aber in der Realität hofft man nicht einfach darauf, sondern beschäftigt sich mit vielen Fragen. Wo soll man nun Abstriche machen? Separation auf Kosten der Normalität und dafür Überschaubarkeit? Oder lieber rein ins Getümmel mit Integration und mal abwarten, ob das überhaupt geht? 

Ich bin traurig, dass es DIE Schule für uns nicht zu geben scheint. Ich bin verzweifelt, dass unsere Stadt zudem ein Kommunikationsproblem hat. Kommunikation wäre extrem wichtig, wenn es sich um Kinder mit einer unberechenbaren Entwicklung dreht und dadurch eine weit grössere Flexibilität von allen gefordert ist. Es wird dadurch nicht mal geschaut, ob allenfalls eine Privatschule besser passen würde als die vorhandenen Möglichkeiten. Ich will nicht unbedingt eine Privatschule. Ich will unbedingt, dass man alle Möglichkeiten in der Umgebung prüft. Der Kostenpunkt kann es nicht sein, wenn man die Ausgaben sonst vergleicht. Wäre das nicht ein Akt der Menschlichkeit, wenn man einem autistischen Kind alle Möglichkeiten öffnet, damit die beste Annäherung an ein immer noch entferntes Optimum gefunden werden kann? 

 

Mehr Zeit für alles

Matthias Huber hat es irgendwann begriffen, dass Lernen eben doch Sinn macht. Es ist toll, wenn man sich durch ein Ziel motivieren kann. Schliesslich hat er ja sein Spezialinteressen „Menschen“ als Psychologe zum Beruf gemacht. Ich bewundere ihn dadurch sehr. Mein älterer Sohn startet gerade mit der Pubertät und solche Ziele sind ihm gleichgültiger denn je. Für mich heisst das, dass wir ihn hoffentlich ohne zu viele Lücken und Nachteile durch die Pubertät begleiten können und darauf warten, bis er will. Wenn ein Mensch aus dem Autismus-Spektrum will, dann ist vieles zu erreichen. Zu wollen und auch manches durchzustehen, scheint mit aber auch ein Reifeprozess zu sein.

Auf diese Motivation warte ich nun und versuche es gelassen zu nehmen, dass er vielleicht mehr Zeit für alles brauchen wird.

 

Ich weiss jetzt, was ich denke…

Nun habe ich alles aufgeschrieben, was mir durch den Kopf schwirrte. Drei Sachen, möchte ich in Zukunft Ernst nehmen, damit ich zu mehr Gelassenheit finde.

 

  • Ich weiss, dass eine autistische Entwicklung un-berechenbar ist. Ich darf trotzdem Entscheidungen fällen, ohne zu wissen, ob diese nun zu 100% stimmig sind. 
  • Ich darf vertrauen, dass mein kleiner Sohn in der Schule lernen wird, und zwar auch Rechnen, Lesen und Schreiben, egal ob er nun einen traditionellen Lehrgang akzeptieren wird oder nicht. 
  • Ich will vertrauen, dass auch mein älterer Sohn seinen Weg macht. Auch wenn durch die Pubertät gerade alles im Umbruch ist – seine Begabungen wird er so schnell nicht los. Wir geben ihm die Zeit, die er braucht.

 

Vielleicht darf ich ja wachsen, an meinen besonderen Kindern. Wäre ich ohne sie in meiner Entwicklung denn da, wo ich jetzt bin? Ich habe durch sie Zugang zu einem Wissen bekommen, das manchen Menschen verschlossen bleibt.

 

 

 

 

Literaturliste

Milton, Damian. (2012). On the Ontological Status of Autism: the ‚Double Empathy Problem‘. Disability and Social vol. 27 (6): 883-887.

https://network.autism.org.uk/knowledge/insight-opinion/double-empathy-problem

Murray, D., Messer, M., Lawson, W. (2005). Attention, Monotropism and the Diagnostic Criteria for Autism (PDF) in: Autism, Vom. 9, No. 2, (aus dem Englischen übersetzt von Rainer Döhle). (s. 142)

Tuckermann, A., Häussler, A., Lausmann, E. (2012). Herausforderung Regelschule. Unterstützungsmöglichkeiten für Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen im lernzielgleichen Unterricht. Dortmund: Borgmann Media.

Theunissen, G., Sagrauske, M. (2019). Pädagogik bei Autismus. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer.

Theunissen, G. (Hrsg.) 2016. Autismus verstehen. Aussen- und Innensicht. Stuttgart: Kohlhammer.

Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.

Beardon, Dr. L. (2019.) Autism & Asperger Syndrome in Children. London: Sheldon Press. (Seite 19 bis 20)

Skript von Claudia Surdmanns Fortbildung “Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen. Vertiefungstag Therapie” am Zentrum für kleine Kinder in Winterthur. (Zitat Kaiser-Mantel)

Fiedler, R., Christie, Ph. (2019). Collaborative approaches to learning for pupils with pda. Strategien fit education Professionals. London: JKP.

Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismusspektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.

Zum Thema Teacch Ansatz (visualisieren und strukturieren) empfiehlt sich dieses Buch:

Tuckermann, A., Häussler, A., Lausmann, E. (2012). Herausforderung Regelschule. Unterstützungsmöglichkeiten für Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen im lernzielgleichen Unterricht. Dortmund: Borgmann Media.

“When a Child Has Only One Interest” https://www.storiesofanunschoolingfamily.com/when-child-has-only-one-interes/ 

Donna Williams 

https://autismus-kultur.de/autismus/donna-williams.html

„To survive as an autistic person, it is necessary to be determined & stick to your guns when ppl force you to do things which are not good for you.  This is branded PDA. It’s actually RATIONAL demand avoidance.“ Harris Hawthorne

https://twitter.com/IgHawthorne/status/1187654052433281024?s=03

Barbara (@frau_momo) twitterte um 4:34 nachm. on Mo., Nov. 18, 2019:

„Ich weiß nicht, was ich denke, bis ich anfange, es aufzuschreiben.“

– Joan Didion

(https://twitter.com/frau_momo/status/1196451633535868929?s=03)

Wenn ein Kind nur ein Interessen hat:

https://www.storiesofanunschoolingfamily.com/when-child-has-only-one-interes/

 

Hausaufgaben

https://youtu.be/LK4hbnoMHSo

 

PDAS Zusammenfassung (Pathological Demand Avoidance Syndrome)

http://www.aspergerhilfe.ch/asperger/zusammenfassungen-und-uebersetzungen/

 

PDA society

https://twitter.com/PDASociety/status/1186586056579276803?s=03

 

Werkstattunterricht für Autisten

https://www.luzernerzeitung.ch/amp/zentralschweiz/luzern/malters-einblick-in-die-lernwerkstatt-fuer-autistische-schueler-ld.1172000?mktcid=smsh&mktcval=Twitter&__twitter_impression=true

 

Fehlerkultur

https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2019-12/bildung-neuseeland-schulen-lehrer-kinder-lernen

 

Inklusion

Kirstenmalzwei (@KirstenKirsten) twitterte um 7:35 vorm. on Mi., Dez. 18, 2019:

24 #Inklusion s-Weisheiten

– der #Adventskalender von kirstenmalzwei.

Heute (18):

„Inklusion kann nicht scheitern. Scheitern kann nur ein Staat, dieses Grundrecht zu gewährleisten.“ https://t.co/BHGTQP5w3i

(https://twitter.com/KirstenKirsten/status/1207187727487324160?s=03)

 

Lernstile von Autist(inn)en – nicht alle denken in Bildern, aber mein jüngerer Sohn extrem

https://autismus-kultur.de/autismus/bildung/lernstile-autistischer-menschen.html

 

Links über Motivation:

Motivation und Emotionen

https://taz.de/Experte-ueber-Lernen/!5651503/?goMobile2=1578528000000

Äussere Motivation

http://www.lernpsychologie.net/motivation/extrinsische-motivation

 

 

Innere Motivation

http://www.lernpsychologie.net/motivation/intrinsische-motivation

 

Aufmerksamkeit

https://www.kqed.org/mindshift/51509/how-to-get-kids-to-pay-attention

 

Belohnungssystem

https://www.unibas.ch/de/Aktuell/News/Uni-resear hat/Autismus-Stoerungen-im-Belohnungssystem-beeintraechtigen-Sozialverhalten.html