Autismus und die Kunst des Antwortens – oder warum eine Frage nicht einfach eine Frage ist

 

«Du weisst das. Sag es jetzt. Jetzt!»

Mein autistischer älterer Sohn erklärt uns manchmal etwas auf eine ungewöhnliche, aber sehr effektive Weise. Er kreiert eine Situation, in der wir selbst hautnah erleben können, wie sich etwas für ihn anfühlen könnte.
Wir haben von der Psychotherapie unseres Sohnes sehr profitiert, und dafür bin ich bis heute dankbar. Aber irgendwann gerieten mein Sohn und seine Therapeutin in eine Dynamik, die beiden nicht mehr guttat. Er kam nach den Sitzungen zunehmend durcheinander und immer gereizter nach Hause. Auch aufseiten der Therapeutin war spürbar, dass die Situation belastend geworden war. Ich kann nur erahnen, was dazu geführt haben könnte. Sicher weiss ich jedoch, dass Kommunikation für meinen Sohn eine grosse Herausforderung ist.
In dieser Zeit begann er, uns sein Erleben auf seine eigene Weise zu vermitteln: durch kleine Inszenierungen. Eines Tages fragte er uns in einem bestimmten Tonfall, wann wir Geburtstag hätten. Erst allmählich verstanden wir, dass diese Szenen offenbar mit seinem Erleben in der Therapie zusammenhingen. Das ging ja noch. Aber dann bohrte er weiter nach und wollte wissen, zu welcher Stunde und Minute wir geboren worden waren. Und als wir das nicht wussten, erhöhte er den Druck:

«Du weisst das. Sag es jetzt. Jetzt!»

Mein Sohn hatte offenbar einen etwas ungewöhnlichen Weg gefunden, uns etwas zu zeigen, das sich mit Worten nur schwer vermitteln liess. Er stellte eine Situation her, in der wir selbst unter Druck gerieten. Und plötzlich waren wir diejenigen, von denen eine Antwort verlangt wurde, obwohl wir sie nicht geben konnten. Wir wussten alle nicht, zu welcher Stunde und Minute wir geboren worden waren. Nur den Tag. Trotzdem liess er nicht locker:

«Du weisst das. Sag es jetzt. Jetzt!»

Für einen Moment konnten wir nicht nur verstehen, sondern spüren, wie es ist, wenn eine Antwort erwartet wird, die man gerade nicht geben kann. Vielleicht war es ihm ähnlich ergangen.

 

Missverstanden

Manchmal scheinen nicht autistische Menschen einfach nichts zu verstehen. Ich glaube zwar nicht, dass das generell so ist. Aber wenn es sich um eine wichtige Person im eigenen Leben handelt, kann dieses Nichtverstehen ziemlich verheerend sein. Und ja: Es ist ungerecht, wenn aus einem Nichtkönnen ein Nichtwollen gemacht wird. Niemand will, dass eine Person mit mehr Macht aufgrund einer falschen Interpretation des eigenen Verhaltens den eigenen Charakter bewertet. Das fühlt sich sehr erniedrigend an und macht hilflos.
Was blieb aus dieser Situation? Vielleicht die Erkenntnis, dass Regulation vor Reflexion nicht nur für autistische Menschen gilt, sondern für uns alle – und dass aus Verzweiflung oder Überforderung manchmal rasch ein Gegenangriff folgt, anstatt zu kommunizieren, dass man gerade ratlos ist.
Als Mutter autistischer Kinder ist mir bewusst, dass Kommunikation eine difficile Sache ist, wenn man autistisch ist und, wie es Matthias Huber so schön nennt, eine autistische Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Denkweise hat.
Ich glaube, es ist anmassend, wenn wir nicht autistischen Menschen meinen, genau zu wissen und zu verstehen, warum und wie sich etwas anfühlt, weil wir von aussen betrachtet Ähnliches auch schon selbst erlebt haben. Wir müssen wirklich tiefer schauen und sehen, wie und warum es überhaupt dazu gekommen ist, um fair zu bleiben.
Kommunikation entsteht zwischen Menschen. Und wenn eine autistische und eine nicht autistische Art, die Welt zu sehen, aufeinandertreffen, können beide Seiten Mühe haben, die Signale, Absichten und Erwartungen des anderen richtig einzuordnen. Verstehen ist deshalb keine einseitige Aufgabe. Das wissen wir seit Miltons Double Empathy Theory ja eigentlich längst, aber im Alltag sieht es halt nochmals anders aus als in der Theorie. Es ist wirklich nicht immer einfach.

 

Warum eine Frage nicht einfach eine Frage ist

Predictive Coding kann sehr schön erklären, was Matthias Huber meint, wenn er nicht nur sagt, dass er autistisch ist, sondern auch beschreibt, was in seiner Wahrnehmung und Informationsverarbeitung anders ist. Unser Gehirn nimmt die Welt nicht einfach nur auf. Es versucht fortlaufend Vorhersagen zu treffen – in diesem Fall darüber, was eine Frage bedeuten könnte.
Die ganze Ebene der Interaktion bleibt natürlich vielfach nicht ganz durchschaubar. Und trotzdem weiss ich oft in Gesprächen, wie der Satz zu Ende gehen wird. (Natürlich liebt mein Mann das nicht besonders, wenn ich den für ihn zu Ende bringe. Verständlicherweise.) So ahne ich auch aus dem Tonfall, dem Kontext und meinen Erfahrungen, worauf eine Frage vermutlich hinausläuft und welche Art von Antwort erwartet wird. Natürlich kann auch ich das nicht genau wissen, aber es gelingt mir oft intuitiv, das zu erfassen.
Dadurch habe ich viele Möglichkeiten in Gesprächen – gerade bei Fragen. Ich kann mich schützen, ausweichen oder offen antworten, weil ich ungefähr ahne, was eine Antwort nach sich ziehen könnte.
Bei einer autistischen Wahrnehmung können solche Vorhersagen manchmal weniger selbstverständlich oder anders gewichtet werden. Eine scheinbar einfache Frage kann dann zahlreiche ungeklärte Möglichkeiten enthalten:

  • Was genau möchte die Person wissen?
  • Wie ausführlich soll ich antworten?
  • Geht es um eine Tatsache, ein Gefühl oder muss ich mich gar verteidigen?
  • Welche Bedeutung wird meiner Antwort gegeben werden?
  • (…)

 

Solange diese Unsicherheiten nicht geklärt sind, ist womöglich nicht nur die Antwort unklar, sondern bereits die Frage.
Ich verstehe den Wunsch nach einer Antwort sehr gut. Auch mir fehlt manchmal die Geduld. Und leider ist es manchmal gerade das Ausbleiben einer Antwort, das wir besonders schwer aushalten. Das fordert viel – auf beiden Seiten.
Aber wenn ich ihn dränge, kommen weitere schwer vorhersehbare Informationen hinzu: Mein Tonfall verändert sich vielleicht, meine Ungeduld wird für ihn spürbar und die Gefahr, etwas Falsches zu sagen, steigt. Und so beseitigt auch ein Satz wie «Du kannst das doch» die Unsicherheit nicht. Er kann sie sogar vergrössern, weil nun zusätzlich die Erwartung im Raum steht, dass die Antwort eigentlich vorhanden sein müsste.
Vielleicht bedeutet «Ich kann es nicht genau sagen» deshalb manchmal nicht, dass nichts da ist. Vielleicht sind gerade zu viele mögliche Antworten da – und keine fühlt sich verlässlich genug an, um sie auszusprechen.
Es gibt also tatsächlich viele Gründe, warum nicht geantwortet werden kann:

  • Die Frage ist noch nicht vollständig angekommen und verstanden.
  • Die Antwort ist innerlich vorhanden, aber bisher nur als Gefühl und noch nicht in Sprache übersetzt.
  • Mehrere mögliche Antworten stehen gleichberechtigt nebeneinander.
  • Die Frage ist zu offen oder enthält eine unausgesprochene Erwartung, was man nun antworten soll.
  • Vielleicht versucht mein Teenager herauszufinden, welche Antwort das Gegenüber hören möchte. Vielleicht will er es zufriedenstellen oder einen Konflikt vermeiden.
  • Es ist auch möglich, dass mein Sohn sich fürchtet, etwas Falsches zu sagen oder missverstanden zu werden.
  • Manchmal kann er vielleicht sein eigenes Gefühl oder seine Motivation in diesem Moment noch nicht eindeutig erkennen.
  • Es gibt auch Tage voller Stress. Dann sind Denken, Abrufen und Sprechen vorübergehend nicht mehr zuverlässig möglich.
  • Jeder erneute Satz wie «Du weisst es doch» oder «Sag es jetzt» erhöht den Druck – und entfernt die Antwort noch weiter.
  • (…)

 

Was hilft also konkret, damit Antworten überhaupt möglich werden?

«Psychology is less about mastering answers than about mastering the disciplined pursuit of better questions.»
– Carl Hindy, Ph.D.

Vielleicht beginnt Helfen tatsächlich damit, die eigene Frage noch einmal anzuschauen. Helfen ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Es ist tatsächlich nicht ganz einfach, bei einer Frage Vorhersehbarkeit zu schaffen und gleichzeitig offen für die Antwort des Gegenübers zu bleiben – also nicht nur auf jene Antwort zu warten, von der man bereits denkt, dass sie kommen wird oder muss.

  • Zeit geben. Eine Pause ist nicht unbedingt ein Widerstand, sondern kann ein notwendiger Verarbeitungsschritt sein.
  • Fragen verkleinern und präzisieren. Statt nach einer umfassenden Begründung zu fragen, kann man zunächst einen einzelnen Teil der Situation ansprechen.
  • Vielleicht braucht es auch Transparenz darüber, was man gerne hören will. Will ich Fakten hören, etwas über seine Gefühle erfahren oder gemeinsam überlegen, was los sein könnte?
  • Wahlmöglichkeiten anbieten. Zum Beispiel: «Ist es eher A oder B – oder etwas ganz anderes?»
  • Druck reduzieren. Ein ruhiger Tonfall und die Erlaubnis, später zu antworten, können helfen.
  • Unsicherheit benennen. «Ich merke, die Frage ist vielleicht unklar – soll ich sie anders stellen?»
  • Wenn klar ist, dass keine «richtige» Antwort erwartet wird, sinkt die Angst, etwas falsch zu machen. Also den Teil der Bewertung rausnehmen.
  • Alternative Ausdrucksformen zulassen. Schreiben kann z. B. leichter sein als spontanes Sprechen.
  • Die eigenen Erwartungen reflektieren. Muss die Antwort wirklich jetzt kommen – oder reicht sie auch später?
  • Ein Nicht-Antworten akzeptieren. Gute Bedingungen können eine Antwort ermöglichen, aber sie dürfen sie nicht erzwingen. Manchmal lautet die ehrlichste mögliche Antwort: «Ich weiss es nicht», «Ich kann es gerade nicht sagen» oder «Darüber möchte ich nicht sprechen». Und das gilt nicht unbedingt für immer – aber für heute.
  • (…)

 

Gute Hilfe bedeutet in diesem Zusammenhang oft nicht, schneller Antworten zu bekommen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Antworten überhaupt entstehen können. Und wenn etwas wachsen muss, ist das Jetzt und Sofort vielleicht noch nicht passend.
Und ja, das ist nicht unbedingt das, was uns in dieser schnelllebigen Zeit leicht fällt.
Auch ich als Mutter hätte gerne alles rasch gelöst und erledigt. Aber vielleicht geht es dabei auch mehr um meinen Mental Load als um mein Gegenüber.

 

Wenn ich einen Wunsch frei hätte …

Wenn man meinem Kind sagt, es müsse kommunikativer werden, gerade im Hinblick auf eine Lehrstelle, dann hoffe ich, dass die Welt damit nicht meint, es solle einfach so tun, als ob. Ich wünsche mir, dass gesehen wird, wie komplex schon allein das Beantworten einer Frage sein kann. Und natürlich hat auch die Person, die eine Frage stellt, ein Stück weit in der Hand, ob eine Antwort überhaupt möglich wird.
Kommunikation ist keine Leistung, die nur einer erbringen muss.
Vergesst das bitte nicht.

 

 

Literaturliste

Matthias Huber

Lawson, Rebecca P.; Rees, Geraint & Friston, Karl J. (2014): An aberrant precision account of autism. Frontiers in Human Neuroscience, 8, 302.

Milton, Damian E. M. (2012): On the ontological status of autism: the “double empathy problem”. Disability & Society, 27(6), 883–887.

Carl Hindy, Beitrag auf X vom 25. Juli 2026:
“Psychology is less about mastering answers than about mastering the disciplined pursuit of better questions.” Dr. Carl Hindy