Vom Blickkontakt – warum mein Sohn mit Asperger Syndrom nicht mehr Capri Sun trinkt

überarbeitete Version vom 8. Mai 2022

Capri Sun

Lange Zeit war es bei uns der grosse Hit, wenn Coop@home eine Lieferung brachte und eine Multipackung Capri Sun mit dabei war. Also eigentlich hiessen die vorher ja Capri Sonne und das letzte Pack mit dem Aufdruck sind wir am Horten – weil es das nie mehr geben wird. Unterdessen ist der neue Namen jedoch akzeptiert, das Pack im Schrank aber noch unangetastet. Das wird auch kontrolliert. Jedenfalls gefiel uns allen sehr, dass es Früchte auf der einzelnen Packung aufgedruckt hat. Danach schmeckt es ja auch – fruchtig. Doch plötzlich wurde dieses Design gewechselt. Nachdem wir nun auf Wunsch oder mehr Befehl schon die letzte Packung Capri Sonne aufbewahren, kam nun ein erneutes Problem auf uns zu. Dieses:

Zwei grosse Augen starren einen an. In 20min las ich mal vor langer Zeit, dass niemandem der direkte Blickkontakt wirklich behagt. Und wie so oft der Fall, reagiert mein 11-jähriger Sohn mit Asperger Syndrom noch um einiges heftiger.

 

Der Blickkontakt

Der Blickkontakt ist ein viel diskutiertes Thema oft mit der Forderung, dass Autist*innen Blickkontakt halten sollen. Und schaffen sie es dann, so geht das in unserer Familiengeschichte soweit, dass eine Cousine vor vielen Jahren die Diagnose Autismus nicht bekam, weil sie genau das konnte: Blickkontakt halten. Ich denke auch nicht, dass das bei Autismus wirklich ein Problem ist. Für mich hat es Matthias Huber wieder einmal auf den Punkt gebracht, um was es dabei wirklich geht.

 

Matthias Huber sagt von sich, dass er entweder dem Inhalt des Gespräches folgen oder den Blickkontakt halten kann. Beides zusammen geht nicht.

 

Und ehrlich gesagt, so wirkt das wie eine Empfehlung der double empathy theory an Autist*innen, dass sie den Blickkontakt getrost sein lassen dürfen und gleichzeitig eine Ermahnung an nicht-autistische Menschen, dass sie die Priorität des Inhaltes auf Kosten des Blickkontaktes doch zulassen sollen.

 

Theorien rund um den Blickkontakt – warum der Blickkontakt überfordert

Nach der Monotropismus Hypothese beispielsweise, reicht die Aufmerksamkeit in Gesprächen oftmals nicht aus, da in solchen Situationen eine polytropistische Wahrnehmung (= sich auf viele Reize konzentrieren) abverlangt wird. Der Gesichtsausdruck muss gedeutet werden, die Körperhaltung interpretiert, auf den Inhalt geachtet, gespürt, wann ein Gespräch fertig ist etc. Eine monotropistische Wahrnehmung (= nur auf einen Reiz achten – dafür viel intensiver) schützt sich vor diesem sensorischen Overload mit einer Interessensfixierung. Und ehrlich gesagt, so finde ich das auch recht zweckmässig, wenn das der Inhalt ist – unter anderem mit Verzicht auf Blickkontakt.

 

Die intense world theory wiederum argumentiert mit einer hyperreaktiven Amygdala. Auch nicht-autistische Menschen finden ein Zuviel an Blickkontakt unangenehm. Bei autistischen Menschen ist darum anzunehmen, dass die Reaktion darauf noch viel heftiger ist und ein Ausweichen dessen unerlässlich.

 

Die Vertreter der double empathy theory sehen das Thema Blickkontakt in einem gegenseitigen Verständnis des anderen Seins. Anders ist nicht schlechter, braucht aber möglicherweise gegenseitige Übersetzungsarbeit.

 

Die Theorie über eine Welt, die sich zu schnell bewegt oder verändert, beschreibt das unterschiedliche Verhalten bei Menschen im Autismus-Spektrum, wenn es sich um die Wahrnehmung und Integration von beweglichen Dingen dreht. Darunter gehen auch die Augenbewegungen, was zu einer Vermeidung des Blickkontaktes führen kann. Statische Dinge werden bevorzugt Darum liest man auch immer wieder von Autist*innen, die sich während eines Gesprächs auf etwas Bewegungsärmeres im Hintergrund fixieren oder dann auf ein in der Nähe der Augen liegendes Körperteil, das statischer ist, als es die Augenbewegungen sind. 

 

Nach dem Modell der erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit brauchen Autist*innen als bottom-up Spezialisten durch die Wahrnehmung vieler Details bedeutend mehr Zeit. In einem Gespräch wimmelt es von Details und es geht sehr schnell vonstatten. Dadurch kann in sozialer Interaktion nicht unbedingt ausreichend flexibel reagiert werden. Bei autistischen Kleinkindern fällt sogar oftmals ein seitlicher Blickkontakt auf, als würden sie so die zu vielen Informationen reduzieren wollen, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Und das ist bestimmt nicht der Blickkontakt zum Gegenüber hin.

 

Triangulation und der absichernde Blickkontakt bei nicht-autistischen Kleinkindern

Das Thema Blickkontakt wird auch in der kindlichen Entwicklung diskutiert. 

 

“Innerhalb des ersten Lebensjahres verlaufen die beiden Entwicklungslinien der Interaktion mit den Bezugspersonen auf der einen und der Handlung mit den Gegenständen auf der anderen Seite noch in paralleler Weise: Ist das Kind mit einem Gegenstand beschäftigt, kann es die Person nicht in dieses Spiel einbeziehen, und wenn es in einem direkten Austausch mit einer Person steht, treten die Gegenstände in den Hintergrund.” Barbara Zollinger

 

Da sich das Kind gegen Ende des ersten Lebensjahres ganz viel Wissen handelnd über Gegenstände und “erlebend” mit Menschen angeeignet hat, schafft es nun diese zu verbinden. Während das Kind vor jährig noch auf dem Wickeltisch nach der Cremetube greift und diese in den Mund nimmt, verschwindet parallel dazu die wickelnde Mutter. Spricht die Mutter aber mit dem Kind und erzählt ihm, dass man die Creme doch nicht essen könne und dass das nicht gut schmecke, verschwindet wiederum die Creme aus dem Fokus und es konzentriert sich nur auf die Mutter. Gegen Ende des ersten Lebensjahres wird plötzlich beides miteinander verbunden. Das Kind nimmt zwar noch immer die Creme in den Mund, aber es geht nicht mehr nur darum – es richtet den Blick zur Mutter, um abzuchecken, was diese dazu findet, ob sie das überhaupt gesehen hat oder gar missbilligt. (Vgl. Zollinger.)

 

Laut Barbara Zollinger ist dieser Blick der Grundbaustein der Sprache, der alles verändert. Sprache ist nicht mehr nur “Begleitmusik”. Sprache hat Bezug.

 

“Da das Kind mit diesem Blick ein eigentliches Dreieck zwischen sich, der anderen Person und dem Gegenstand bildet, wird er als triangulärer oder referentieller Blickkontakt bezeichnet.” Barbara Zollinger

 

Eine erworbene Triangulation bedeutet also die Dreiecks-Interaktion in einem Gespräch, wenn das Kind auf einen Gegenstand zeigt oder den hält und kontrolliert, ob das Gegenüber nun auch auf den Gegenstand schaut. Dies ist ein wesentlicher Schritt in der Kommunikationsentwicklung, was natürlich auch die Sprachentwicklung positiv beeinflusst.

 

„Auf derselben Wellenlänge sein“ mit autistischen (Klein-) Kindern versus Blickkontakt

Es ist in der Praxis üblich, dass Lehrer*innen, Heilpädagog*innen, Ergotherapeut*innen, Psycholog*innen, Ärzt*innen etc. beigebracht wird, dass auch bei autistischen Kleinkindern und Kindern dieser trianguläre oder eben referentielle Blickkontakt wesentlich zur gesunden Entwicklung der Sprache und Interaktion beiträgt (Vgl. Adamson, Bakeman, Suma & Robinson 2019). Man setzt also nicht-autistische Kinder autistischen Kindern gleich. Es ist ein Drama, wie Rachel Dorsey, eine autistische Logopädin feststellte, dass nie überprüft worden ist, ob dies überhaupt zielführend sei. Verheerend daran ist, dass so möglicherweise lediglich das Maskieren gelernt wird, was auf die psychische Gesundheit wiederum negativen Einfluss haben kann oder hat. 

 

Wir kommen nicht drum herum zu verstehen, dass eine gleichwertige autistische Kultur zu interagieren existiert – ohne diesen Blickkontakt erwerben zu müssen. Autistische Intersubjektivität funktioniert nicht nach nicht-autistischen Regeln. Laut Ashley Peacock brauchen Autist*innen einerseits ein Gegenüber, das genügend Gemeinsamkeiten mit ihnen aufweist – quasi als Basis für ein Gespräch. Andererseits bedeutet es auch, dass gewillt sein muss sich auf dasselbe zu konzentrieren. Ashley Peacock nennt diese beiden Faktoren „dieselbe Wellenlänge haben“. Das sagt Autist*innen in der Interaktion/Kommunikation zu.

Generell, so schreibt sie, gehen Autist*innen – im Gegensatz zu nicht-autistischen Menschen – davon aus, dass andere auf derselben Wellenlänge sind wie sie, was Vor- und Nachteile mit sich zieht. Nichts desto trotz – die Offenheit für andere ist prinzipiell etwas sehr Schönes und ich geniesse/bewundere diese auch bei meinen autistischen Kindern und Verwandten. 

 

„In other words, Autistic people are much less demanding that others be on the same page as them.“ Ashley Peacock

 

Gleichzeitig fällt es ihnen schwer in der Interaktion/Kommunikation zu koordinieren. Koordinationsanforderungen sind Anforderungen an beide Parteien in einer Interaktion, um zusammenzukommen und miteinander auf ein drittes, gemeinsames Aufmerksamkeitsobjekt zu interagieren. Es ist offensichtlich, dass hier mit den Koordinationsanforderungen das Pendant Erwachsener zur (früh-)kindlichen Triangulation und ihre Tücken für autistische Kinder beschrieben wird.

 

Damit ist für mich auch schon der Ansatz gegeben, der aufzeigt, wie man autistische Kleinkinder und Kinder in ihrer Entwicklung begleiten kann. Es sollen keine Kommunikationsschwierigkeiten aus einer Fehlanpassung des Neurotyps resultieren – die Koordinationsanforderungen müssen also tief gehalten werden. Es ist wichtig, dass sie ein Gegenüber haben, das sie extrem gut kennt und sich dadurch auf ihre Interessen einlassen kann. Gemeinsame Aufmerksam muss auf diese Art und Weise angegangen werden – also ohne den trianguläre oder referentiellen Blickkontakt einzufordern. 

 

Für ein autistisches Kind oder Kleinkind ist es wichtig solche Menschen um sich zu haben, die über die autistische Kultur der Interaktion aufgeklärt sind und sich ihm anpassen können. Es ist sonst ziemlich verloren und ganz auf sich gestellt.

 

Die 4 Schritte der gemeinsamen Aufmerksamkeit – ein Leitfaden für Nicht-Autist*innen

Nein, es ist gar nicht so schwierig, wie es manchen nun vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mag.

 

Der erste Schritt beinhaltet, dass der Erwachsene dem Interessen des Kindes folgt und dasselbe wie das Kind macht. Baut ein Kind einen Sandberg, setzt man sich auf selber Höhe gegenüber des Kindes hin, schaut dem Kind zu und baut in selber Weise mit. 

Der zweite Schritt beinhaltet, dass die erwachsene Person die Interessen des Kindes kennt und das Kind dementsprechend auf ein Interessen hinweist. Vielleicht direkt auf den Eiszapfen, die Weinbergschnecke, Bucheckern etc. zeigen: “Schau!” Dann dasselbe mit grösserer Distanz: “Dort!” 

Beim dritten Schritt der Aufmerksamkeit wird von einem bekannten Ritual ausgegangen, damit das Kind gemeinsame Aufmerksamkeit mit der erwachsenen Person herstellen kann. Wird zum Beispiel das Bilderbuch “Ja wo is‘ er denn?” von Eric Hill immer wieder miteinander angeschaut und ist bereits bestens bekannt, kann mit Hilfe einer Pause die Initiative des Kindes aufgrund dieser bestehenden Sicherheit geweckt werden. Fragt man an einer Stelle sonst immer, wo den nun der Hund Flecki sei, übernimmt, wenn man plötzlich nicht fragt, möglicherweise das Kind diese Frage.

Und schon sind wir beim vierten und letzten Schritt. Das Kind übernimmt plötzlich die Führung und interagiert frei. Wichtig dabei ist, dass nicht zuviele Reize das Kind absorbieren. Für uns ist die Natur ein gutes Lernfeld. Da gibt es immer wieder interessante Entdeckungen. “Was ist das?”, fragt mich mein kleiner Sohn. Das ist ein Tannzapfen, der von einem Eichhörnchen angeknabbert wurde. 

 

„NT professionals are obsessed with making Autistic kids make eye contact more often during a shared activity, based on the false notion that this will make them have a ‚good outcome‘. This is a flawed understanding.“ Elaine Mcgreevy

 

In einer autistischen Kultur liegt die Wichtigkeit der Kommunikation/Interaktion also nicht auf dem referentiellen oder triangulären Blickkontakt oder hohen Koordinationsanforderungen generell – es braucht in erster Linie ein Gegenüber, das genügend Gemeinsamkeiten mit einem selbst aufweist und sich auch auf dasselbe konzentrieren will. Werden wir also selber zu diesem Gegenüber oder ermöglichen, dass sich Gleichgesinnte finden, damit das Kind sich zum Interagieren abgeholt fühlt. Das zu verstehen und ins Zentrum zu rücken, führt zu einer grundsätzlich anderen Haltung dem Kind gegenüber.

 

Nie wieder Capri Sun? Von Capri Sun zu Exotic Island

Tatsächlich wechselte mein älterer Sohn nun die Marke – von Capri Sun auf Exotic Island. Das ist dem ersten Produkt ähnlich – aber ohne Augen. Vermutlich geht die Werbestrategie bei Capri Sun trotzdem in den meisten Fällen auf. Zwei Augen, die einen anschauen, das weckt Aufmerksamkeit. Einfach bei uns versagte das Marketing – so viel Blickkontakt scheint unerträglich zu sein.

Im Augenblick. Jedenfalls 😉 .

 

 

 

Literaturliste

Intersubjektivität hat mindestens zwei Voraussetzungen: genügend Gemeinsamkeiten als Basis für Gespräche zu teilen und sich auf gemeinsame Aufmerksamkeit einzulassen.

Was ist mit gemeinsamer Aufmerksamkeit, der zweiten Voraussetzung für „auf einer Wellenlänge sein“? Gemeinsame Aufmerksamkeit bedeutet, dass sich zwei Personen absichtlich auf dieselbe Sache konzentrieren. Genauer gesagt, wenn zwei Menschen ihre Aufmerksamkeit gezielt aufeinander abstimmen, entsteht gemeinsame Aufmerksamkeit.“ Ashley Peacock

https://uxdesign.cc/overcoming-the-double-empath

y-problem-through-co-design-5ce8e6e8f7b0

 

Elaine Mcgreevy (@ElaineMcgreevy) twitterte um 10:15 AM on So., Mai 08, 2022:

Rachel Dorsey, Autistic SLP, reviewed the joint attention research and posted about it on Facebook. The link is here https://t.co/ZIaWPeD7Y1

(https://twitter.com/ElaineMcgreevy/status/1523214923475656704?t=Qo6UjBSZU0PJhH5U1APbhQ&s=03)

(Sehr interessant!!!)

 

Elaine Mcgreevy (@ElaineMcgreevy) twitterte um 10:12 AM on So., Mai 08, 2022:

NT professionals are obsessed with making Autistic kids make eye contact more often during a shared activity, based on the false notion that this will make them have a ‚good outcome‘. This is a flawed understanding.

(https://twitter.com/ElaineMcgreevy/status/1523214195470131200?t=rdMdTtbJrq5IoKCf6P9eNg&s=03)

 

Elaine Mcgreevy (@ElaineMcgreevy) twitterte um 10:02 AM on So., Mai 08, 2022:

This explains this well,

„During their research, Heasman and Gillespie uncovered something fascinating. They found that autistic people have a distinctive style of intersubjectivity. Autistic people assume a lot of shared common ground and have low coordinating demand.“

(https://twitter.com/ElaineMcgreevy/status/1523211710768848897?t=dGslGRPnDNkrFYFBuGZr1w&s=03)

Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.

 

Theunissen, G. Hrsg. (2016). Autismus verstehen. Aussen- und Innensicht. Stuttgart: Kohlhammer.

 

Zollinger, B.  (2002). Die Entdeckung der Sprache. 5., unveränderte Auflage. Bern. Stuttgart. Wien: Verlag Paul Haupt.

 

Skript von Claudia Surdmanns Fortbildung “Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen. Vertiefungstag Therapie” am Zentrum für kleine Kinder in Winterthur.

 

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