Vom Blickkontakt – warum mein Sohn mit Asperger Syndrom nicht mehr Capri Sun trinkt

Capri Sun

Lange Zeit war es bei uns der grosse Hit, wenn Coop@home eine Lieferung brachte und eine Multipackung Capri Sun mit dabei war. Also eigentlich hiessen die vorher ja Capri Sonne und das letzte Pack mit dem Aufdruck sind wir am Horten – weil es das nie mehr geben wird. Unterdessen ist der neue Namen jedoch akzeptiert, das Pack im Schrank aber noch unangetastet. Das wird auch kontrolliert. Jedenfalls gefiel uns allen sehr, dass es Früchte auf der einzelnen Packung aufgedruckt hat. Danach schmeckt es ja auch – fruchtig. Doch plötzlich wurde dieses Design gewechselt. Nachdem wir nun auf Wunsch oder mehr Befehl schon die letzte Packung Capri Sonne aufbewahren, kam nun ein erneutes Problem auf uns zu. Dieses:

Zwei grosse Augen starren einen an. In 20min las ich mal vor langer Zeit, dass niemandem der direkte Blickkontakt wirklich behagt. Und wie so oft der Fall, reagiert mein 11-jähriger Sohn mit Asperger Syndrom noch um einiges heftiger.

 

Der Blickkontakt

Der Blickkontakt ist ein viel diskutiertes Thema oft mit der Forderung, dass Personen im Autismus-Spektrum Blickkontakt halten sollen. Und schaffen sie es dann, so geht das in unserer Familiengeschichte soweit, dass eine Cousine vor vielen Jahren die Diagnose Autismus nicht bekam, weil sie genau das konnte: Blickkontakt halten. Ich denke auch nicht, dass das wirklich ein Problem bei Autismus ist. Für mich hat es Matthias Huber wieder einmal auf den Punkt gebracht, um was es dabei wirklich geht.

 

Matthias Huber sagt von sich, dass er entweder dem Inhalt des Gespräches folgen oder den Blickkontakt halten kann. Beides zusammen geht nicht.

 

Und ehrlich gesagt, so wirkt das wie eine Empfehlung der double empathy theory an Autisten, dass sie den Blickkontakt getrost sein lassen dürfen und gleichzeitig eine Ermahnung an neurotypische Menschen, dass sie die Priorität des Inhaltes auf Kosten des Blickkontaktes doch zulassen sollen.

 

Geteilte Aufmerksamkeit – was ich am Blickkontakt dennoch wichtig finde

Ich würde jetzt nicht behaupten, dass meine Jungen betreffend Blickkontakt extrem auffällig sind – aber auch nicht restlos unauffällig. Bei meinem jüngeren Sohn mit atypischem Autismus war mir wichtig, dass er nach dem plötzlichen Sprach-Stopp 3-jährig, nach und nach wieder zu triangulieren lernt, was auch über den Blickkontakt läuft, aber nicht erwartet, dass man in einer Gesprächssituation dem Gegenüber plus/minus in die Augen schaut.

 

“Innerhalb des ersten Lebensjahres verlaufen die beiden Entwicklungslinien der Interaktion mit den Bezugspersonen auf der einen und der Handlung mit den Gegenständen auf der anderen Seite noch in paralleler Weise: Ist das Kind mit einem Gegenstand beschäftigt, kann es die Person nicht in dieses Spiel einbeziehen, und wenn es in einem direkten Austausch mit einer Person steht, treten die Gegenstände in den Hintergrund.” Barbara Zollinger

 

Da sich das Kind gegen Ende des ersten Lebensjahres ganz viel Wissen handelnd über Gegenstände und “erlebend” mit Menschen angeeignet hat, schafft es nun diese zu verbinden. Während das Kind vor jährig noch auf dem Wickeltisch nach der Cremetube greift und diese in den Mund nimmt, verschwindet parallel dazu die wickelnde Mutter. Spricht die Mutter aber mit dem Kind und erzählt ihm, dass man die Creme doch nicht essen könne und dass das nicht gut schmecke, verschwindet wiederum die Creme aus dem Fokus und es konzentriert sich nur auf die Mutter. Gegen Ende des ersten Lebensjahres wird plötzlich beides miteinander verbunden. Das Kind nimmt zwar noch immer die Creme in den Mund, aber es geht nicht mehr nur darum – es richtet den Blick zur Mutter, um abzuchecken, was diese dazu findet, ob sie das überhaupt gesehen hat oder gar missbilligt. (Vgl. Zollinger.)

Laut Barbara Zollinger ist dieser Blick der Grundbaustein der Sprache, der alles verändert. Sprache ist nicht mehr nur “Begleitmusik”. Sprache hat Bezug.

 

“Da das Kind mit diesem Blick ein eigentliches Dreieck zwischen sich, der anderen Person und dem Gegenstand bildet, wird er als triangulärer oder referentieller Blickkontakt bezeichnet.” Barbara Zollinger

 

Eine erworbene Triangulation bedeutet also die Dreiecks-Interaktion in einem Gespräch, wenn das Kind auf einen Gegenstand zeigt oder den hält oder … und kontrolliert, ob das Gegenüber nun auch auf den Gegenstand schaut. Dies ist ein wesentlicher Schritt in der Kommunikationsentwicklung, was natürlich auch die Sprachentwicklung beeinflusst.

 

“Von nun an sind die sprachlichen Rufe, Fragen und Kommentare der Erwachsenen nicht mehr nur zärtliche Begleitung, sondern sie werden zu Wörtern, welche von einer Person kommen und sich auf etwas beziehen.” Barbara Zollinger

 

Triangulation ist für mich der wichtigste Blickkontakt überhaupt. Dieser kam meinem jüngeren Sohn mit 3 Jahren nämlich plötzlich abhanden und musste zuerst wieder gefunden werden. Triangulation kann man einem Kind im Autismus-Spektrum in dem Sinn nicht beibringen, wohl aber die Schritte der gemeinsamen Aufmerksamkeit davor. Für mich ist das Unterstützung der Kommunikation/Interaktion pur.

 

Wie man die Triangulation wieder findet

Der erste Schritt beinhaltet, dass der Erwachsene dem Interessen des Kindes folgt und dasselbe wie das Kind macht. Baut ein Kind einen Sandberg, setzt man sich auf selber Höhe gegenüber des Kindes hin, schaut dem Kind zu und baut in selber Weise mit. Der zweite Schritt beinhaltet, dass die erwachsene Person die Interessen des Kindes kennt und das Kind dementsprechend auf ein Interessen hinweist. Vielleicht direkt auf den Eiszapfen, die Weinbergschnecke, Bucheckern etc. zeigen: “Schau!” Dann dasselbe mit grösserer Distanz: “Dort!” Beim dritten Schritt der Aufmerksamkeit wird von einem bekannten Ritual ausgegangen, damit das Kind gemeinsame Aufmerksamkeit mit der erwachsenen Person herstellen kann. Wird zum Beispiel das Bilderbuch “Ja wo is‘ er denn?” von Eric Hill immer wieder miteinander angeschaut und ist bestens bestens bekannt, kann mit Hilfe einer Pause die Initiative des Kindes aufgrund dieser bestehenden Sicherheit herausgefordert werden. Fragt man an einer Stelle, wo den nun der Hund Flecki sei, übernimmt bei einer Pause das Kind möglicherweise diese Frage – vielleicht mit der Zeit gar mit absicherndem Blickkontakt. Kommt der kontrollierende Blickkontakt regelmässig, ist die Triangulation als vierter und letzter Schritt erworben. Wichtig dabei ist, dass nicht zuviele Reize das Kind absorbierer. Für uns ist die Natur ein gutes Lernfeld. Da gibt es immer wieder interessante Entdeckungen. “Was ist das?”, fragt mich mein kleiner Sohn und schaut mir dabei kurz in die Augen. Das ist ein Tannzapfen, der von einem Eichhörnchen angeknabbert wurde.

 

Ideen für bekannte Rituale zu Schritt drei – immer mit Fingerspitzengefühl:

  • Bei einem bekannten Bilderbuch mit Erzählen aufhören, damit das Kind die Aufmerksam herstellen kann und übernimmt.
  • Als Mutter den Apfel nicht schon geschnitten in die Lunch Box legen, damit das Kind seine Schnitze fordert.
  • Das Joghurt ohne Löffel zum Zvieri auf dem Tisch hinstellen, damit das Kind Interaktion sucht.

 

Theorien rund um den Blickkontakt – warum der Blickkontakt überfordert

Nach der Monotropismus Hypothese beispielsweise, reicht die Aufmerksamkeit in Gesprächen oftmals nicht aus, da in solchen Situationen eine polytropistische Wahrnehmung (= sich auf viele Reize konzentrieren) abverlangt wird. Der Gesichtsausdruck muss gedeutet werden, die Körperhaltung interpretiert, auf den Inhalt geachtet, gespürt, wann ein Gespräch fertig ist etc. Eine monotropistische Wahrnehmung (= nur auf einen Reiz achten – dafür viel intensiver) schützt sich vor diesem sensorischen Overload mit einer Interessensfixierung. Und ehrlich gesagt, so finde ich das auch recht zweckmässig, wenn das der Inhalt ist – unter anderem mit Verzicht auf Blickkontakt.

Die intense world theory wiederum argumentiert mit einer hyperreaktiven Amygdala. Auch neurotypische Menschen finden ein Zuviel an Blickkontakt unangenehm. Bei autistischen Menschen ist darum anzunehmen, dass die Reaktion darauf noch viel heftiger ist und ein Ausweichen dessen unerlässlich.

Die Vertreter der double empathy theory sehen das Thema Blickkontakt in einem gegenseitigen Verständnis des anderen Seins. Anders ist nicht schlechter, braucht aber möglicherweise gegenseitige Übersetzungsarbeit.

Die Theorie über eine Welt, die sich zu schnell bewegt oder verändert, beschreibt das unterschiedliche Verhalten bei Menschen im Autismus-Spektrum, wenn es sich um die Wahrnehmung und Integration von beweglichen Dingen dreht. Darunter gehen auch die Augenbewegungen, was zu einer Vermeidung des Blickkontaktes führen kann. Statische Dinge werden bevorzugt Darum liest man auch immer wieder von Autisten, die sich während eines Gesprächs auf etwas Bewegungsärmeres im Hintergrund fixieren oder dann auf ein in der Nähe der Augen liegendes Körperteil, das statischer ist, als es die Augenbewegungen sind.

Nach dem Modell der erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit brauchen autistische Menschen als bottom-up Spezialisten durch die Wahrnehmung vieler Details bedeutend mehr Zeit. In einem Gespräch wimmelt es von Details und es geht sehr schnell vonstatten. Dadurch kann in sozialer Interaktion nicht unbedingt ausreichend flexibel reagiert werden. Bei autistischen Kleinkindern fällt sogar oftmals ein seitlicher Blickkontakt auf, als würden sie so die zu vielen Informationen reduzieren wollen, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Und das ist bestimmt nicht der Blickkontakt zum Gegenüber hin.

 

Nie wieder Capri Sun? Von Capri Sun zu Exotic Island

Tatsächlich wechselte mein älterer Sohn nun die Marke – von Capri Sun auf Exotic Island. Das ist dem ersten Produkt ähnlich – aber ohne Augen. Vermutlich geht die Werbestrategie bei Capri Sun trotzdem in den meisten Fällen auf. Zwei Augen, die einen anschauen, das weckt Aufmerksamkeit. Einfach bei uns versagte das Marketing – so viel Blickkontakt scheint unerträglich zu sein.

Im Augenblick. Jedenfalls 😉 .

 

 

 

Literaturliste

Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.

Theunissen, G. Hrsg. (2016). Autismus verstehen. Aussen- und Innensicht. Stuttgart: Kohlhammer.

Zollinger, B.  (2002). Die Entdeckung der Sprache. 5., unveränderte Auflage. Bern. Stuttgart. Wien: Verlag Paul Haupt.

Skript von Claudia Surdmanns Fortbildung “Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen. Vertiefungstag Therapie” am Zentrum für kleine Kinder in Winterthur.

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