Warum die Amygdala nach der Intense World Theory bei Autisten ‚überreagiert‘

Warum mein 6-jähriger Sohn mit atypischem Autismus fünf Minuten braucht, bis er die Eingangstüre zum Kindergarten öffnen kann

 

Oft schlüpfst du auf dem Kindergartenweg in eine Rolle. Aktuell bist du Super Mario. Du kletterst auf die Steinmauer, bückst dich beim Ast und am Schluss hüpfst du runter. Ein Parcour – wie im Game. Dann geht es noch über eine Strasse und du bist beim Kindergarten angekommen. Für die letzten fünfzehn Meter mit der steilen Treppe zur Eingangstür des Kindergartens, brauchst du aber gut fünf Minuten. Es kommt mir vor, als müsstest du dich Sammeln, um den Eingang zu passieren – von zu Hause über Mario Odyssee bis hin zur Welt des Kindergartens. Zwanzig spielende Kinder, Pädagogen und Therapeuten, ein Raum voller Inventar und in dieser in doppelter Hinsicht reizvollen Welt schliesslich ankommen.

 

Warum mein 10-jähriger Sohn mit Asperger Syndrom den Türgriff zur Schule nicht anfassen will

Ganz genau verstehe ich nicht, warum du die Tür nicht anfassen, aufdrücken  und somit öffnen kannst, wenn der Schulbus Verspätung hat und du als letzter dort stehst. Dein schulischer Heilpädagoge betont an jedem Standortgespräch, dass du eine ausserordentliche Anpassungsleistung vollbringst. Wir ahnen alle, wie anstrengend das sein muss. Es ist auch nicht einfach, wenn man als letzter Schüler die Klasse betritt und alle Blicke auf sich zieht. Erstaunlicherweise ist alles kein Problem, wenn deine Klassenkameraden mit dem Keil die Türe offen halten. In deiner Klasse hilft man einander. In deiner Klasse ist es okay, anders zu sein.

 

Amygdala

Mit Autismus fällt man auf (- nicht jeder zwar, aber sicher meine beiden Jungs). Neurotypische Menschen sind möglicherweise irritiert betreffend dieses Verhaltens, autistische Menschen wiederum fühlen sich vielleicht wie auf dem falschen Planeten – eine grosse Herausforderung. Von 100 Menschen denken, fühlen und handeln 99 neurotypisch – nur eine Person autistisch. Auch wenn weder das eine noch das andere falsch ist – beides also richtig, hat das Zusammensein mit anderen Menschen dadurch grosse Auswirkungen auf die eigene Befindlichkeit von Menschen im Autismus-Spektrum. Es ist für sie herausfordernd mit den eigenen Gefühlen und gleichzeitig den Wünschen anderer umgehen zu können. Ein überempfindliches Gehirn kann in der Informationsfülle- und Intensität nicht so leicht durchschauen, was gerade ‚ab geht‘. Das kann von Irritation über Konflikte bis hin zum Gefühls-Overload führen und dadurch rasch aus der Situation mit zu vielen Menschen ‚flüchten‘.

 

“Denn die Amygdala sei ähnlich wie andere Bereiche des Grosshirns hoch sensibel und hyper-reaktiv, was zu einer raschen, stark ausgeprägten, intensiven Reaktion auf psychosoziale und sozioemotionale Stimuli (vgl. Markram, Rinaldi & Markram 2007, 91). Dieses Phänomen sei für eine autistische Person derart überlastend, dass es Stress, Schmerzen, Ängste oder Phobien erzeuge.” Georg Theunissen

 

Das erklärt, warum das Eintreten in den Kindergarten oder ins Schulhaus trotz vielen positiven Erlebnissen, eine kleine Hürde ist, die es Tag für Tag zu bewältigen gilt. Kindergarten und Schule sind hoch psychosozial und sozioemotional.

 

“Ziehen wir darüber hinaus die Hyper-Plastizität als ein weiteres Phänomen der Amygdala in Betracht, wodurch sich ein stark ausgeprägtes Angstgedächtnis (Markram & Markram 2010, 7) manifestiert, erscheint es nachvollziehbar, dass sozioemotionale Situationen gar als aversiv erlebt werden können.” Georg Theunissen

 

Vor allem bei meinem älteren Sohn nehme ich wahr, dass er nicht vergisst. Vergessen ist manchmal aber unglaublich befreiend. Er muss mit dieser Fülle an sozioemotionalen Daten umgehen. Manchmal hilft dabei schon nur ein Keil, der einen willkommen heisst. Oder bei meinem jüngeren Sohn von zu Hause, über Super Mario bis hin zur Kindergartenwelt ein Moment der Ruhe – den Rückzug und die Langsamkeit noch kurz geniessen.

 

Soziale Interaktion und soziale Intelligenz

Lange Zeit wurde fälschlicherweise angenommen, Menschen im Autismus-Spektrum hätten eine zu geringe Amygdala-Aktivität. Man nahm an, dass das der Grund sei für zu wenig Gefühle und Empathie. Eben – alles zu wenig vorhanden. Ein schreckliches Bild, nach dem autistische Menschen vor nicht allzu langer Zeit noch betrachtet wurden. Man nahm den Stress autistischer Menschen in sozialen Situationen wahr und schlussfolgerte. Die Vertreter der Intense World Theory hingegen sehen das genau gegenteilig. Sie halten Menschen im Autismus-Spektrum für hoch empfindsam und mitfühlend, da ihre Amygdala hoch sensibel und hyper-reaktiv ist. Folglich brauchen meine beiden Kinder keine Super-Aktivität, um sich entwickeln zu können – sie brauchen Ruhe und Überschaubarkeit, Vertrautheit und Vorhersagbarkeit. Zu viel Action stimuliert das überempfindliche Gehirn erneut. Die Umgebung soll also ’neuronal passend‘ sein. Dann können Fortschritte gemacht werden und Kinder sich entfalten.

 

Darum ist es hilfreich, darf vor dem Eingang in die Welt neurotypischer Menschen zuerst einmal inne gehalten werden.

 

Weitere Situationen

sozioemotionaler und psychosozialer Herausforderungen für meinen 10-jährigen Sohn mit Asperger Syndrom mit hoch sensibler und hyper-reaktiver Amygdala:

 

  • Getröstet werden
    • Du willst nicht getröstet werden. Getröstet werden ist sozioemotional noch herausfordernder und ‚überstimulierender‘, als der Grund, warum du dich gerade nicht so blendend fühlst. Es kommt mir als Mutter seltsam vor, wenn du Ruhe wünschst. Mein Kompromiss ist es, dass wir die Situation dann später in Ruhe nochmals durchgehen.
  • Wie geht es dir?
    • Diese Frage ’stresst‘ dich. Ist das nun Small Talk und dient nur der Beziehungspflege? Ist wirkliches Interessen da? Und dann noch mitzuteilen, wie es einem geht. Das ist wahnsinnig persönlich und oftmals zu viel Nähe. Deine Amygdala reagiert schon wieder stark…
  • Warst du beim Coiffeur?
    • Auch das irritiert dich. Die Amygdala ist dadurch hoch reaktiv. Ist das wieder nur Small Talk und Sozialkontakte pflegen? Was soll eine Frage, deren Antwort doch sichtbar ist? Und noch herausfordernder – darf man auch fünf Tage nach dem Besuch noch sagen: ‚Ja.‘
  • Bist du erkältet?
    • Die andere Person fragt, weil sie das bei dir bemerkt. Warum fragt man dann? Wieder psychosozialer Stress. Sinnlos also. Es kann also sein, dass du auf diese Frage hin ausflippst. Und die andere Person ist irritiert. Ich schaffe es meist nicht, dir zu erklären, was alles mitschwingt und warum ich glücklich wäre, du würdest das Spiel einfach mitmachen und die Frage – egal ob korrekt – mit Ja beantworten.
  • Zählt Gegenstände von eurem Zimmer.
    • Mathe ist toll. Du lebst Mathe. Du denkst Mathe. Aber gleiche Gegenstände im Zimmer zählen und notieren, das ist wiederum grosser Stress. Deine Amygdala will Distanz von zu Hause und der Info über dein Zimmer an andere in der Klasse.
  • Welche 7 Orte im Kanton Zürich kennst du bereits?
    • Auch das viel zu nahe. Ich darf dich zwar ermuntern zu notieren, dass du das ‚Hörnli‘ kennst. Aber niemand darf wissen, dass das ein Ausflugsziel zusammen mit deiner Patentante ist. Diese Info zu vermitteln, das ist erneut nur unangenehm. Würde ich dich zwingen, ich hätte keine Chance. Denn das geht nicht. Deine Überreaktion gibt dem Recht.
  • Im Wunderland triffst du einen Klassenkameraden.
    • Du musst dich verstecken. Deine Amygdala hält dies nicht aus. Es passt gar nicht – der Ort. Das ist deine Freizeit – nicht Schulzeit.
  • Ein Blindenhund besucht eure Klasse.
    • Hunde machen dir Angst. Sie sind laut. Unberechenbar. Deine Amygdala schlägt bei ‚Hund‘ Alarm. Wäre dieser nicht kurz vor dem Besuch in eurer Klasse leider gestorben, ich weiss nicht, ob du an dem Tag in den Schulbus eingestiegen wärst.

 

Life Hack

Im Moment der hoch sensiblen und hyper-reaktiven Amygdala darf ich keine Probleme lösen. Ich versuche erstmal, dass meine Kinder aus der Situation und zur Ruhe kommen. Später dann gehen wir dem nach (Comic Strip Conversation). Ich habe bemerkt, dass mein älterer Sohn mit Asperger Syndrom sich gerade via YouTube über Atemtechniken informiert. Allenfalls wäre das ein neuer Ansatz? Und nicht zu vergessen, den Rubik`s Cube immer mit dabei. Das entspannt auch (Stimming). Manchmal stellt sich mein älterer Sohn mathematische Aufgaben im Stress selber und rechnet erstmals. Dieses kurze Abtauchen in die Welt der Zahlen hilft ihm sehr (Spezialinteressen).

 

Für mich als Mutter sind diese extremen Reaktionen ziemlich herausfordernd – emotional und sozial. Da ich ein Mensch bin, der Stimmungen rasch übernimmt, scheint auch meine Amygdala dann in gewisser Weise hyper-reaktiv zu sein. Ich bin sehr dankbar, dass mein Mann eine grosse Coolness zu Tage legt und die Besuche beim Kieferorthopäden und Co für mich übernimmt. Ich kann auch manches, aber Coolness ist es nicht.

 

Darum ein Life Hack ausschliesslich für mich

Wenn man vom Bruder auf den Geburtstag immer wieder Ratgeber geschenkt bekommt oder Anleitungen für Yoga Nidra zum Beispiel, ist das vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl. Jedenfalls probierte ich eine Technik aus, und zwar die mit dem retour Zählen. Ich suchte mir zuerst eine Zahl aus, die mir behagt. Ja, was ist bloss der Sinn des Lebens? Mein Mann schrieb mir das mal auf eine Geburtstagskarte. Es ist ’42‘. Also setzte ich mich bequem aufs Sofa und atmete bewusst, spürte diesem Atem nach und zählte pro Atemzug retour: ’42, 41, 40, 39 … 0.‘ Und dasselbe nochmals. Auch wenn ich absolut keine Ahnung von Yoga Nidra habe, nicht mal weiss, ob ich dies überhaupt so nennen darf – es hilft. Ich komme tatsächlich von meinem oft hohen Stresspegel runter und meine sogar den Moment zu spüren, wie sich meine Hirnaktivität vom Beta-Zustand in den Alpha-Zustand verändert – manchmal sogar bis in den Theta-Bereich. Es fühlt sich dann an wie beim Einschlafen und ich verzähle mich regelmässig.

 

Super, habe ich endlich eine Anleitung für ein entspannteres Ich.

 

 

Literaturliste

Kündig, B. (2010). Yoga Nidra. Die Perle der Tiefenentspannung. Oberstdorf: Windpferd Verlagsgesellschaft.

Theunissen, G. (20014). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.

 

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