Warum für meinen 11-jährigen Sohn mit Asperger Syndrom immer alles neu ist – das Problem mit der Generalisierung

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Tunnelblick

Der monotropistische Tunnelblick

Die Vertreter der Monotropismus Hypothese stellen fest, dass die Wahrnehmung neurotypischer und autistischer Menschen sehr unterschiedlich funktioniert. Neurotypische Menschen sind in der Lage sich auf viele Aktivitäten und Interessen gleichzeitig einzustellen, was sich Polytropismus nennt. (Poly = viel, mehrere.) Menschen im Autismus-Spektrum wiederum fokussieren lediglich einen Schwerpunkt, dafür wesentlich intensiver – eine monotropistische Wahrnehmung also. (Mono = allein, einzeln.) Beides hat folglich Vor- und Nachteile.

Die Theorie einer schwach ausgeprägten zentralen Kohärenz beschreibt, dass Autisten vor lauter Details den Überblick nicht erfassen – also quasi vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Sie nehmen also an, dass Menschen im Autismus-Spektrum lokal wahrnehmen auf Kosten des globalen Überblicks. Das sehen die Vertreter der Monotropismus Hypothese nicht genau so. Sie nehmen an, dass bei Interesse und Motivation die Detailinformationen nicht zwingend den Überblick verhindern, sondern dass dies eine besondere Begabung – also eine überentwickelte Wahrnehmung sogar – im Erfassen von Details ist. (Vgl. Theunissen)

 

„Ganz-bei-sich-sein“

Für mich ist es immer faszinierend, wenn ich meine Kinder in dieser hohen Konzentration auf einen Interessensschwerpunkt oder eine Aktivität beobachten darf. (Stören ist strengstens verboten.) Sind sie auch oft einmal unkonzentriert oder nicht bei der Sache – in dem Moment werden sie durch den monotropistischen Tunnelblick wie eins mit ihrer Tätigkeit. Das sind dann die Geschenke des Autismus an mich. Schliesslich lässt sich der Begriff Autismus nach Brit Wilczek auch mit “ganz-bei-sich-sein” übersetzen/interpretieren. Ich liebe es beispielsweise, wenn mein 6-jähriger Sohn mit atypischem Autismus den Troll Booba mit Lauten und Bewegung parallel zum YouTube Filmchen 1:1 nachspielt und total in dieser Welt verschwindet. Es berührt mich, wenn mein 11-jähriger Sohn mit Asperger Syndrom am 8×8 Rubik`s Cube verweilt in höchster Konzentration und es nur den gerade gibt.

 

Der Tunnelblick und seine Herausforderung

Durch diese überentwickelte Detailwahrnehmung, rückt der Fokus im Alltag automatisch auf die Unterschiede. Diese Fähigkeit ist in manchen Berufen ein grosser Vorteil.

 

“Allerdings haben Personen im Autismus-Spektrum, denen mehr Unterschiede auffallen, welche auf winzigen Abweichungen beruhen können, oftmals Schwierigkeiten, das Wahrgenommene zu verallgemeinern beziehungsweise auf andere ähnliche Dinge oder Situationen zu übertragen.” Georg Theunissen

 

Das exakte Detailsehen erschwert natürlich den Generalisierungsprozess. Ich lenke meine neurotypische Wahrnehmung auf Gemeinsamkeiten und bin gewappneter auf Herausforderung, da vieles durch die Ähnlichkeit schon bekannt ist. Die autistische Wahrnehmung sieht durch den Tunnelblick in erster Linie die Unterschiede. Dadurch wirkt jede Situation unbekannt und neu.

 

 

 

Das Thema WC war für unsere Familie lange eine ziemlich grosse Herausforderung, da mein älterer Sohn dies scheinbar sehr monotropistisch betrachtet.

Aufs WC gehen war schon immer ganz schwierig für dich. Irgendwie behagte dir das einfach nicht. Als dies dann aber zu Hause – endlich – kein Thema mehr war, das untere und das obere akzeptiert wurden, ging es auswärts immer noch überhaupt nicht. Vor allem, dass das WC im Kindergarten nicht passte, brachte uns Eltern ziemlich unter Druck. Vielleicht darum, weil es nicht genauso aussah, wie das WC zu Hause und durch diese Abweichung als gänzlich neue Situation betrachtet wurde? Was Hunde dürfen, dürfen kleine Kinder auch. Das las ich einmal als modernen Erziehungstipp in einer Zeitschrift. Nichts desto trotz –  unsere Lösung mit dem Pinkelbaum wurde als sozial unerwünscht beurteilt. Also blieb meine Angst um dich und dieses Thema und Ersatzkleider immer parat.

 

Wie schafft man es, dass es zum Generalisierungseffekt kommt?

Vermutlich kommt es bei Kindern im Autismus-Spektrum durch die Abweichungen mit grosser Bedeutung nicht oder zumindest mit mehr Aufwand zum Generalsierungseffekt. Ein Annäherung ist aber durchaus möglich, indem diese Wahrnehmungsbesonderheit und ein anderer Weg angegangen und respektiert wird. Somit müssen einzelne gleiche Situationen in ihrer Abweichung trainiert werden. Klappt es mit dem WC zu Hause, heisst es darum noch lange nicht, dass es mit dem WC im Kindergarten, bei den Grosseltern, im Restaurant etc. auch klappt. Kann man den Geschirrspüler zu Hause bedienen, noch lange nicht, dass das nun universell klappt. Geht der Kindergartenweg alleine, dann kann ein Transporter auf dem Trottoir oder Menschen, die einen ansprechen, meine Kinder total aus dem Konzept bringen.

Es handelt sich bei einer monotropistischen Wahrnehmung also um eine andere Art des Lernens.

 

Auf mögliche Abweichungen vorbereiten

Ich habe ganz viel Sicherheit im Leben, weil ich mich an Ähnlichkeiten orientiere und diese darum überall und auch in ihrer Abweichung bewältigen kann. Aber mit einer monotropistischen Wahrnehmung ist oftmals alles neu.

Ein monotropistischer Kindergartenweg ist darum mehr Abenteuer als Routine:

Du kannst den Kindergartenweg alleine gehen. Und doch kannst du das nicht. Es ist wahnsinnig schwierig, dir den auch beizubringen. Oftmals besteht er mehrheitlich aus Abweichungen. Die schwarze Katze wartet beim rot-weissen Pfosten auf dich und will dir um die Beine streichen. Seit du aber von einer getigerten Katze gebissen worden bist, geht das gar nicht. Auch alle Umzugsautos und Handwerker, Gärtner und Co stellen ihre Gefährte sehr freiheitlich ab. Den Kindergartenweg, den gibt es also gar nicht.

“Für eine Person, die in einem Aufmerksamkeitstunnel steckt, ist jede unerwartete Veränderung abrupt und wahrlich, wenn auch kurzfristig, ein katastrophales Ereignis (Murray, Lesser & Lawson 2005, 147).” Georg Theunissen

Für meinen älteren Sohn sind Stundenpläne darum super. Leider werden diese oftmals sehr polytropistisch gehalten, denn: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Für dich ist es extrem wichtig, dass du in der Schule über Änderungen informiert wirst. Darum bekomme ich auch eine Whatsapp von der Schule, wenn etwas Unvorgesehenes eingetroffen ist, damit ich dich vorinformieren kann. Auch unangesagte Prüfungen entsprechen dir nicht. Dein schulischer Heilpädagoge informiert dich darum und hat dieses Bedürfnis sogar im Nachteilsausgleich festgehalten. Ich hingegen weiss nicht unbedingt, wann du Tests hast. Aber das muss ich auch nicht, da wir von der Schule getragen werden.

 

Diese Transparenz ist sowohl für meinen kleinen Sohn wichtig, als auch für meinen grossen. Es ist unerlässlich, dass ich/wir Änderungen vorhersehbar machen. Da auch diese Vorinformation einen leichten Stress bewirkt, muss ich aufpassen, dass ich nicht immer wieder darüber informiere, sondern erst dann, wenn es zeitnah ansteht.

 

Der Tunnelblick und die hyperreaktive Amygdala

Die monotropistische Wahrnehmung kann ein Detail intensivst wahrnehmen. Durch diesen Hyperfokus können gewisse Einzelsituationen, Gegenstände etc. Ängste auslösen, die dann auf andere Situationen übergeneralisiert werden.

 

“Solche Ängste werden im Zuge der erhöhten Wahrnehmung von Unterschieden oder Nebensächlichkeiten (winziges Detail) durch die hyperreaktive Amygdala hervorgerufen (Veränderungsangst).” Georg Theunissen

 

Einerseits kommt es also durch das Detailsehen nicht zu einer Generalisierung, dass ähnliche Situationen durch den Wiedererkennungswert einfacher bewältigt werden können. Andererseits kann ein Detail im Tunnelblick so grosse Ängste auslösen, dass diese auf andere Gegenstände oder Situationen übertragen werden – eine Übergeneralisierung also.

Manchmal gelingt es uns, dass gemeinsam bewältigte Herausforderung mit der Zeit ihren Schrecken verlieren. Ist dies hingegen nicht der Fall, so empfiehlt Theunissen Hilfen durch Desensibilisierungstechniken in Betracht zu ziehen. Natürlich gibt es noch andere Ansatzpunkte wie zum Beispiel Entspannungstechniken, Medikamente etc.

 

Was darf ich also nicht vergessen, wenn es sich um meine beiden autistischen Kinder mit Tunnelblick dreht?

  1. Zwei Life Hacks und eine Delegation

Dieselbe bekannte Situation muss in verschiedenen Kontexten neu gelernt werden

  • Gelernte Situationen wie z.B. die Leiter zur Puppenecke herauf klettern, müssen in anderen ähnlichen Gelegenheiten möglicherweise nochmals wie von vorne gelernt werden. Eine andere Leiter an einem anderen Ort kann als ganz neue Situation erlebt werden, da sich Kinder im Autismus-Spektrum an den Unterschieden orientieren. Das heisst nicht unbedingt, dass das Kind psychomotorische Probleme hat.

 

Veränderungen müssen vorhersehbar gemacht werden

  • Da kein Generalisierungseffekt einfach so eintritt, müssen unvorhersehbare kleinste Veränderungen schon sichtbar gemacht werden. Und grössere sowieso. Das betrifft Arztbesuche, Sporttage, Lehrperson krank und Vertretung, Prüfungen unbedingt ansagen etc.
  • Claudia Surdmann machten auch gute Erfahrungen mit einer “Achtung neu!” Karte, welche in einer minimal stressigen Situation eingeführt werden soll.

 

Angststörung?

  • Desensibilisierungstechniken beispielsweise – beim Psychotherapeuten mit viel Wissen, Erfahrung über Autismus und Empathie betreffend Menschen im Autismus-Spektrum.

 

  1. Der Tunnelblick – drei Ressourcen (drei für mich wichtige – aber sicher nicht vollständig)

 

Strategie

  • Der Tunnelblick schützt vor sensorischem und emotionalem Overload. Darum kann dieser bei Übermüdung noch extremer sein.

 

Begabung

  • Und natürlich ist die monotropistische Wahrnehmung auch eine Begabung. Diese Intensität und dieses Detailsehen – das darf ich geniessen und staunen. Schliesslich bedeutet Autismus nach Brit Wilczek ja auch “ganz-bei-sich-sein”.  Und dies wiederum kann zu Spezialinteressen führen, mit welchen manche Menschen im Autismus-Spektrum unbeabsichtigt imponieren.

 

Brückenfunktion

  • Und genau diese Spezialinteressen halten eine Brückenfunktion inne, um Beziehungen “auf autistisch” zu knüpfen. Ein Spezialinteresse kann inhaltlich im Gespräch oder als gemeinsame Tätigkeit verbinden.

 

 

 

 

 

Literaturliste

Skript von Claudia Surdmanns Fortbildung vom 8. Mai 2018  “Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen. Vertiefungstag Therapie” am Zentrum für kleine Kinder in Winterthur.

Theunissen, G. Hrsg. (2016). Autismus verstehen. Aussen- und Innensicht. Stuttgart: Kohlhammer. (s. 82-83)

Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer. (s. 49 – 64)

Wilczek, B. (2018). Wer ist hier eigentlich autistisch? Ein Perspektivenwechsel. Bruderholz/Bottmingen: Mad Man`s Magic. (s. 17)

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