Warum können Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum nicht zuhören?

 

3x gesagt = 0x gehört

Mein 10jähriger Sohn mit Asperger Syndrom kam vor kurzem leicht konsterniert von der Schule nach Hause. Man habe ihm mitgeteilt: “Das habe ich dir nun schon dreimal gesagt.” Er wiederum fand, dass das eine Lüge sei. Er habe nichts gehört. Ich bin mir sicher, beide haben Recht.

 

Wenn man zu sehr zuhört

In einem Klassenzimmer herrscht wohl nie absolute Stille. Selbst ohne Schüler und Schülerinnen drin. Es tickt die Wanduhr, der Wasserhahn tropft, man hört den beginnenden Abendverkehr auf der Strasse. Und befindet sich dann sogar eine Klasse im Zimmer, dann ist “leise für sich arbeiten” oft noch immer zu laut.

Schüler und Schülerinnen im Autismus-Spektrum sind oftmals “falsch aufmerksam”. Klar können da die Lehrperson fürs textile und technische Gestalten oder für Bewegung und Sport, die Englischlehrerin etc. spontan das Gefühl bekommen und sich so äussern: “Du hörst nicht zu.” Oftmals ist es aber genau umgekehrt, denn du hörst zu sehr zu. Da werden Bücher geöffnet, Schreibstifte gesucht, unter dem Bank fällt was runter, das nach vorne gerutscht ist, eine Stimme erzählt etwas, der Wasserhahn tropft noch immer, im Flur rennen Kinder etc. Du bist extrem aufmerksam. Du nimmst alles wahr.

 

Erweiterte Wahrnehmung und Tunnelblick

Das Modell der erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit hat eine Antwort darauf. Für Vertreter dieses Modells haben Menschen im Autismus-Spektrum eine verstärkte Wahrnehmung. Damit ist gemeint, dass diese Details wie den tropfenden Wasserhahn, die Regelmässigkeit der Tropfen, die glänzende Wasserlache in dem leicht schrägen Lavabo etc. als wichtige Informationen erkennen, erfassen und abspeichern. Dabei hat manchmal die Stimme der Lehrperson gerade keinen Platz – erst später, da beschäftigt.

Eine weitere Erklärung liefert die Monotropismus Hypothese. Vertreter dieser Hypothese nehmen an, dass zu viele Reize auf die autistische Person einströmen und somit das Wahrnehmungssystem überlasten. Damit es nicht zu einer totalen Überlastung kommt, hat die autistische Wahrnehmung einen Trick und sie fixiert sich auf einen Interessensschwerpunkt. Das nennt man Tunnelblick. Nur ist dieser eine Interessensschwerpunkt vermutlich nicht das Arbeitsblatt mit den Kommaregeln, das jetzt vorne vom Stapel geholt werden und bis zur Hälfte gelöst werden muss, wie gerade instruiert wurde. Die Instruktion war nicht der einzige Reiz – gleichzeitig hustete der Banknachbar, es wurde an einen Tisch gestossen, draussen hupt ein Auto etc. Ein Auto Fan fragt sich vielleicht in dem Moment “falsch aufmerksam”, ob das hupende Auto der neue BMW von Frau Crameri ist. Die haben ja nicht nur den BMW. Herr Crameri sammelt Oldtimer…

 

Das erklärt, warum etwas schon dreimal gesagt und dennoch nie gehört wurde.

 

Life Hacks

Oft hat das Schulhausteam viele gute Ideen, um mit einer autistischen Wahrnehmung umzugehen. Bei uns ist das im Kindergarten meines jüngeren Sohnes so und ebenfalls im Schulhaus meines älteren Sohnes.

Ja, wie wird etwas dennoch gehört? Vielleicht besser nicht (nur) gehört, sondern gesehen? Sprache ist Schall und sofort wieder weg. Bilder, Fotos, Notizen, Skizzen als Anleitungen sind bestehend. Zudem alle Ablenker weg und Erholungsphasen mit einplanen – im Sinne der Intense World Theory: “Weniger ist mehr.”

 

Ohren:

  • Aufträge sollen von Lehrpersonen kurz und prägnant gehalten werden.
  • Hilfsmittel wie Ohrstöpsel, Pamir helfen, dass auditive Reize etwas gedämpft werden. (Mein grosser Sohn mag das gar nicht. Keinesfalls. Aber mein kleiner geniesst diese momentane Ruhe.)

 

Augen:

  • Aufträge sollen gut sichtbar sein – Unnötiges weglassen (oder abdecken).
  • Aufgabenstellung schriftlich erhalten – nicht mündlich. Das schenkt Zeit, um Gedanken zu sammeln.
  • Oder Bilder, Skizzen und Fotos zeigen auf, was zu tun ist.
  • Notizen rasch auf ein Post it (z.B. “hole den Zirkel”).

 

Stressreduktion:

  • Auf ein Papier kritzeln o.ä. ist erlaubt, wenn das beim Zuhören hilft, sich besser zu konzentrieren. (Stimming.)
  • Kein flackerndes oder zu grelles oder blendendes Licht und ein tiefer Geräuschpegel im Schulzimmer.
  • Rückzugsmöglichkeiten während der Unterrichtszeit zur Verfügung haben. Vielleicht eignet sich der Gruppenraum.
  • Geeigneter Standort für den Sitzplatz mit passendem Banknachbarn – kann zu enormer Entlastung führen.
  • Schulhauskultur: Jeder ist anders. Und das darf so sein. Nicht jedem dasselbe – sondern jedem möglichst das, was er braucht.

 

Literaturliste

Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.

 

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