Warum mein älterer Sohn mit Asperger Syndrom keine Markenkleider trägt – und wie er Smalltalk verhindert

Kleider und Schuhe kaufen – immer eine Herausforderung

Es könnte so einfach sein. Theoretisch. Bis zum jetzigen Zeitpunkt musste ich den Fokus beim Kleiderkauf aber lediglich auf praktisch und bequem legen und alle Webetiketten fein säuberlich entfernen. Und noch was – bewährt sich ein Produkt, dann gleich die nächste und übernächste Grösse zusätzlich anschaffen. Mit diesen Strategien bin ich immer gut gefahren. Vor der diesjährigen T-Shirt Saison jedenfalls.

 

T-Shirt Tragikomödie in 5 Akten

1. Akt

Da mit dem Start sommerlicher Temperaturen ganz viele T-Shirts im Schrank nicht mehr deiner aktuellen Grösse entsprachen, öffnete ich Zalando auf dem Computer mit der Bitte, du sollst dir T-Shirts nach deinem Geschmack aussuchen. Sich wohlzufühlen ist doch wichtig. Das ging auch ganz flott, zumal du gehört hast, dass die Farbe Grün viele positive Eigenschaften besitzt. Auf den Aufdruck hast du nicht wirklich geachtet. Ich finde Schriftzüge oder Bilder aber sehr hilfreich, da sie gleich erkennen lassen, was vorne ist.

 

2. Akt

Zu Beginn lief auch alles gut. Doch auf einmal mochtest du die ausgewählten T-Shirts nicht mehr anziehen. Der Aufdruck zu weit unten fühlte sich sehr störend an. Der Aufdruck darf nur auf der oberen Hälfte sein, so deine Erklärung.

 

3. Akt

Also suchte ich dir T-Shirts aus in den Farben Grün, Grau, Blau und schaute, dass ja kein Aufdruck zu weit nach unten reichte. Das waren teilweise Marken-T-Shirts wie Fila, Quicksilver etc. Das ging auch für einmal Tragen gut, dann störten dich auch diese. Sie fühlten sich falsch an. Der Grund: du willst keine Gespräche über deine T-Shirts führen müssen.

 

4. Akt

Verständlich – so bestellte ich dir Multipacks mit höchstens einem kleinen R oder Ch aufgedruckt. Aber selbst das Ch wurde als Champion gedeutet. Wieder so ein unangenehmer Kommunikationsprovozierer. Ich versuchte dir zu erklären, dass ganz ohne doch ziemlich schwierig zu finden ist. Auf Verständnis stiess ich damit nicht.

 

5. Akt

Leise Verzweiflung machte sich nun auch bei mir breit. Bei bonprix fand ich schliesslich T-Shirts ohne Aufdruck oder auch nur ein leiser Aufnäher eines Buchstabens. Perfekt – auf den fünften Anlauf… (Dein kleiner Bruder wird mal viele tolle T-Shirts bekommen, wenn ihm Grösse 176 dann passt.)

 

Angst davor, im Mittelpunkt zu stehen

Ich erinnere mich selber daran, dass auch mir immer wichtig war, mich in meinen Kleidern wohl zu fühlen. Auffallen war auch nie meines. Nichts desto trotz suchte ich mir für die Konfirmation einen chicen Jupe in Altrosa aus und eine passende gemusterte Bluse – und kurz davor wurde mir klar, ich fühle mich verkleidet. Auch diese Planänderung wurde mir von meinen Eltern gestattet. Ich brauchte Hosen und Sweatshirt. Es war mir plötzlich egal, wenn sich alle chic herausputzen sollten. Ich nicht.

Nach der Theorie meines Mannes, will mein 11-jähriger Sohn mit Asperger Syndrom unter dem Radar verschwinden. Vielleicht fällt man als ein Autist unter hundert neurotypischen Menschen sowieso öfters auf. Auffallen ist immer ein Stress, da dies soziale Interaktion/Kommunikation auslöst.

 

“Kinder mit ASS stehen nicht gerne im Mittelpunkt und möchten nicht angeschaut werden, vor allem nicht, wenn sie unter Stress stehen und innerlich erregt sind. Sie empfinden Blickkontakt oft als sehr unangenehm. Sie möchten sich dann am liebsten verstecken, sich zudecken oder sie verhalten sich sonst irgendwie ungewöhnlich mit dem Ziel, den Kontakt zu beenden.” Beatrice Lucas

 

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Wenn man sonst schon immer auffällt, will man das nicht zusätzlich provozieren. Und schon gar nicht “unnötigen” Smalltalk herbeirufen. Smalltalk ist für meinen Sohn nämlich Stress pur. Smalltalk kommt ihm auf eine unangenehme Art zu nahe und führt dadurch zu Kontrollverlust.

 

Tipps von meinem 11-jährigen Sohn, um Smalltalk zu verhindern

  • Keine Markenkleider anziehen. Aufdruck arm bewährt sich.
  • Friseurbesuche immer zu Beginn der Ferien. Wegen Vergleich.
  • Zeugnis einfach im Thek lassen. Sonst gratuliert noch wer.
  • Nichts erzählen vom Alltag. Sonst kommen Kommentare, Fragen o.ä.
  • Weint man im Zimmer. Sofort stoppen, wenn Mami kommt. Sie will sonst trösten.
  • Über Sachthemen referieren oder Menschen mit ähnlichen Interessen suchen.
  • Essen muss nicht immer in der Familie vonstatten gehen – auch mal alleine vor dem Computer.
  • Geburtstag – niemanden informieren. Keine Muffins.

 

Natürlich sehe ich das alles nicht ganz so wie mein Sohn. Die Smalltalk Fähigkeit finde ich eine wichtige Ressource, die manches erleichtert. Diese Erleichterung würde ich meinen Kindern wünschen, denn mit treffenden Smalltalk Antworten kehrt sogleich wieder Ruhe ein. Gespräch beendet. Weniger Stress. Smalltalk Antworten haben also ein wichtige Funktion – entweder sie beenden ein Gespräch oder sie dienen dem Beziehungsknüpfen. Smalltalk Antworten sollten also strategisch beherrscht werden.

 

“Warst du beim Coiffeur?”

“Ja.”

(Fertig.)

 

“Warst du beim Coiffeur?”

“Ja, wie gefällt dir die neue Frisur?”

Etc.

 

Beziehungen knüpfen geht auch anders. Nicht nur über Smalltalk, was meinem Sohn absolut nicht entspricht trotz des Bedürfnisses nach Freundschaften.

 

Zwei unterschiedliche Arten Brücken zu anderen Menschen zu schlagen

Neurotypische Menschen schlagen durch Smalltalk Brücken zu den eigenen Themen. Das entspricht meinem Sohn mit Asperger Syndrom gar nicht. Nach der double empathy theory ist sein anderer Gesprächsstil auch zu akzeptieren. Vor allem, da er ja erst 11 Jahre alt ist. Mein Sohn schlägt Brücken über die eigenen Themen zu anderen Menschen. Letztendlich wollen neurotypische und autistische Menschen genau dasselbe: von ihren Themen erzählen.

Findet mein Sohn also Kinder, die ein gemeinsames Thema mit ihm teilen – wie zum Beispiel der Klimawandel, YouTube Kanäle, Hyperdontie etc., dann klappt das Zuhören, Fragen stellen und Co auch – also die Interaktion mit einem anderen Menschen.

 

Der Vorteil gemeinsamer Interessen

Laut Cynthia La Brie Norall hat das Suchen gemeinsamer Interessen stark mit Kontrolle zu tun. Themen, in denen sich Kinder mit Asperger Syndrom nämlich unsicher fühlen, werden so vermieden. Für meinen älteren Sohn sind manche Themen grosser Stress. Über Hunde zum Beispiel will er weder lesen, sprechen noch Informationen bekommen und schon gar nicht beim Joggen auf sie treffen. Ausser Papi schafft es, eine Prise Humor ins Thema zu bringen: “Ich mag Hunde – also Hunde-Cipollata.” Dieses Gefühl zum Thema Hund mag er nämlich mit allen teilen, weil es so absolut bedrohungsfern ist und keine hyperreaktive Amygdala gleich Alarm schlägt, wie es bei Kindern im Autismus-Spektrum nach der intense world theory ab und zu der Fall ist. Natürlich bei individuellen Themen.

 

Und Dialoge fern der eigenen Interessen? Alltagsthemen…

Das ist unser nächstes Projekt, denn Gespräche verbinden Menschen. Menschen brauchen Menschen.

Ganz nach der double empathy theory ist dies ein Buch für meinen Sohn und mich, nämlich wenn neurotypisch und autistisch auf einander treffen mit viel Achtung vor der anderen Art zu denken und die Welt wahrzunehmen.

 

Aber noch nicht heute und morgen … aber bald.

 

Literaturliste

La Brie Norall, C., Wagner Brust, B. (2012). Kinder mit Asperger einfühlsam erziehen. Stuttgart: Trias Verlag.

Lucas, B. Hrsg. (2014). “Ein Kind mit Asperger-Syndrom in meiner Klasse…” Praktische Hinweise und Materialien für den Unterricht. beatricelucas(at)gmail.com.

Faherty, C. (2013). Kommunikation… Was bedeutet das für mich? Ein “Kommunikationsvertrag”, der die Verständigung zwischen Menschen mit Autismus oder Asperger und ihrem Umfeld erleichtern soll. St. Gallen: Autismusverlag.

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