Wie (m)ein autistisches Kind selbständiger wird

“Hilf mir, es selbst zu tun. Zeig mir, wie das geht. Tu es nicht für mich.” Maria Montessori

Dieses Zitat von Maria Montessori ist für uns so treffend formuliert, wenn ich “hilf mir” oder “zeig mir” betone und nicht ausschliesslich “selbst”. Für Maria Montessori war das Lernen über die Sinne handelnd sehr wichtig, aber auch die persönlichen Interessen des Kindes, das Verweilen in hoher Konzentration, die passende Umgebung und das Spielmaterial.

Handelnd über die Sinne bewährt sich bei Kindern im Autismus-Spektrum, denn verbale Informationen sind nach der Theorie einer Welt, die sich zu schnell verändert und bewegt, sofort wieder verschwunden und nicht mehr abrufbar.

Die Wichtigkeit der (Spezial-) Interessen und das Verweilen entspricht wiederum ganz der Monotropismus Hypothese. Interesse zu wecken und die Aufmerksamkeit aufrecht zu halten – ein grosses Anliegen von Maria Montessori. So soll ein Kind lernen.

Die passende Umgebung und das Spielmaterial decken sich mit der Intense World Theory. Dass Ermöglichungsräume, wie es Theunissen nennt, erschaffen werden, ist für meine Kinder besonders wichtig. Das Material soll anregend sein – aber nicht durch zu viele Reize den Raum sensorisch überlagern.

Zudem soll Bewegungsfreiheit gewährleistet werden und ebenfalls Ruhe in der Klasse. Das, weil sich Kinder im Autismus-Spektrum nach dem Modell der erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit in den vielen Details sonst verlieren und “falsch aufmerksam” sind. Sie brauchen ein strukturiertes Umfeld ohne Hürden, um den eigenen Rhythmus zu finden und eigene Ziele in Angriff nehmen zu können. Die Konzentrationsfähigkeit kommt nämlich von innen heraus – nicht von der Lehrperson aufgedrängt.

Nach Maria Montessori soll das Kind mit viel Würde betrachtet werden, als Erbauer seiner eigenen Intelligenz. Sie vertraut, dass ein Kind sich in den sensiblen Phasen das holt, was es braucht. Die Natur vollendet quasi ihr Werk. (Vgl. Dokumentarfilm “Das Prinzip Montessori” von Alexandre Mourot.)

 

Hilf mir, es selbst zu tun – Anleitung zur Selbständigkeit

Ich weiss nicht, ob es jede Montessori Schule schafft, die Ideen von Maria Montessori so passend und mit so viel Achtung vor dem Kind umzusetzen, wie ich es im Dokumentarfilm von Alexandre Mourot gesehen habe. Ich ahne zudem, dass die Rahmenbedingungen der Volksschule es nicht zulassen ausschliesslich auf die sensiblen Phasen zu warten und so dem Kind zu vertrauen – ein bisschen schon (Lehrplan 21). (…) Und auch wenn es DIE Schule für meine Kinder vielleicht nicht gibt, sind sie überall zu finden, die, die “es drauf haben”. Es sind solche Menschen, die auf eine von Natur aus andere Wahrnehmung reagieren und die Bedingungen (und nicht das Kind) anpassen. Da man als Eltern autistischer Kinder immer auf der Suche nach Passung betreffend Schulform/Lehrperson/TherapeutInnen etc. ist, lohnt es sich die verschiedensten Wege und Möglichkeiten des Lernens durch zu denken – von Volksschule, über Unschooling bis hin zum Prinzip Maria Montessori. Lernen heisst ja nicht zuletzt selbständig und selbstbewusst werden.

Für meinen 6-jährigen Sohn mit atypischem Autismus ist es keine Willensfrage, ob er nun alleine die Leiter auch wieder runter klettern kann. Auch entscheidet er nicht, ob das mit dem schnellen Anziehen in der Garderobe nun so geschieht, wie erhofft. Er braucht durch das andere Denken, Fühlen und Handeln Hilfe in der Organisation/Lösungsgestaltung von Aufträgen oder Ideen – auf “autistisch” eben. Oder wie es Maria Montessori formuliert hat: “Hilf mir, es selbst zu tun.” Einfach mit “Selbständigkeit” als Zielvereinbarung am schulischen Standortgespräch, klappt es nicht. Das Kind muss zur Selbständigkeit hingeführt werden. Aber wie? Das ist die grosse Herausforderung.

 

Zeig mir, wie das geht

– Verlangsamung, Anstoss und System

Die Vertreter der Theorie einer Welt, die sich zu schnell verändert und bewegt, sehen den Stress autistischer Kinder darin, dass es für sie zu schnell vorwärts geht, was die visuelle oder akustische Wahrnehmung in einem zeitlich-räumlichen Zusammenhang betrifft. Bewegungsreize, Sprache, Töne oder Geräusche sind rasch da und schon wieder weg und/oder verändert. Kommt noch (Zeit-) Druck und Übermüdung von zu vielen Reizen hinzu, überfordert das. Wie aber kann man die Welt besser erfassen und Stress durch Reizüberflutung und Zeitdruck vermeiden und lernen? Durch Verlangsamung, wenn alles zu schnell vonstatten geht. Langsamkeit bieten visuelle Strategien – Bilder, Fotos, Gegenstände, Klebepunkte, Schrift etc. Oder ein Anstoss hilft, wenn das Kind vor lauter Schnelligkeit der Welt wie erstarrt. Oftmals genügt bei meinem kleinen Sohn ein gemeinsamer Anfang geführter taktiler Bewegung – und dann läuft es.

 

Baron Cohen und sein Team haben eine Theorie entwickelt, die unter anderem das Concept of Hyper-Systemizing beinhaltet. Vertreter dieses Konzeptes nehmen an, dass Kinder im Autismus-Spektrum sehr systematische Denker sind. Durch ein System wird die viel zu schnelle Welt nämlich fassbar/durchschaubar. Ordnung im Chaos. Da laut Baron-Cohen 65% aller autistischen Menschen Hyper-Systemizer sind, lohnt sich diese Fähigkeit im Lernen einzubeziehen. Lerninhalte sollten somit strukturiert werden. Eine Struktur bieten beispielsweise Abläufe der Reihe nach aufgezeichnet oder Zusammengehörigkeiten erkannt/sortiert oder komplexe Informationen verbildlicht als Mind Map, Grenzen eines Arbeitsplatzes mit Malerklebeband gekennzeichnet etc.

 

Wie klettert mein 6-jähriger Sohn die senkrechte Leiter auch wieder runter?

Man könnte ihn nun verbal anleiten mit dem Wort “rückwärts”. Manchmal klappt das auch, wenn Sprache einfach und langsam präsentiert wird. Noch einfacher ist dies aber, wenn Sprache visualisiert wird. Zum Beispiel könnte man Fussabdrücke oben hinkleben, die schon anzeigen, wo man sich hinstellen muss und dass es rückwärts runter geht. Und bunte Punkte, wo man sich am Geländer zuerst festhalten soll. Dafür muss man automatisch in die Knie. Oder man klettert als Bezugsperson ebenfalls rauf, stellt sich auf der Leiter quasi hinter das Kind, legt die Hände auf die Hände des Kindes und führt sanft die Bewegung des Kindes an den Ort, wo es sich am Geländer rückwärts festhalten soll… Start geglückt.

 

Wie zieht sich mein 6-jähriger Sohn nach einem strengen Kindergartenmorgen in der Garderobe im Winter wieder selbständig an?

Die schulische Heilpädagogin hat einen Ablaufplan des Anziehens fotografiert und laminiert. Mit einer Wäscheklammer wird immer angezeigt, welcher Schritt nun an der Reihe ist. Oftmals funktioniert das so tip-top. Aber um 11.50 Uhr nach fast vier Stunden Kindergarten mit vielen Kindern in einem Raum, Lärm, Bewegungsstimuli etc., ist die Energie dafür manchmal verpufft. Für unsere Ergotherapeutin ist das kein Grund, um ratlos zu sein und ihn eine halbe Stunde lang mit Bildern oder Timetimer zu motivieren. Sie führt seine Bewegungen zum Haken seines Garderobenplatzes, hält so die Mütze mit ihm zusammen und stülpt sie über den Kopf. Eigentlich ganz einfach und natürlich, wenn man als Eltern oder Pädagogen vor lauter Druck “er muss selbständig sein” vergisst, dass das Zeigen nicht nur mit laminierten Kärtchen von statten gehen kann. Als Vorstufe oder bei Übermüdung auch ganz konkret zeigen durch taktiles Führen seiner Hände, wirkt Wunder.  Nicht für ihn – aber mit ihm. Eben: Zeig mir wie das geht.

Tu es nicht für mich

– Eigeninitiative steigern

All diese Hilfestellungen wie Verlangsamung von verbalen Aufträgen durch Skizzen oder Abläufe des Anziehens systematisch aufbereitet, können – gut eingeführt – das Kind im Autismus-Spektrum in seiner Selbständigkeit unterstützen. Findet sich ein Kind dadurch nämlich in einer Welt, die sich zu schnell bewegt und verändert zurecht, ist das der Beginn für grosses Staunen im Entdecken, was alles im Kind schlummert – dem Erbauer seiner eigenen Intelligenz, wie es im Dokumentarfilm “Das Prinzip Montessori” so treffend benannt wird. Spielt mein 6-jähriger Sohn Super Mario und verkleidet sich mit blauen Latzhosen und rotem Pulli, so ist rasch ein Schnurrbart aus Papier geschnitten und mit Klebeband auf die Oberlippe geklebt. Oder will er ein Bananeneis – rasch ein Joghurt mit zerdrückter Banane gemischt, in ein Tupperware gefüllt und im Eisfach verstaut. Oder lädt das Wetter zum Spielen im Sand vor dem Haus ein, so hat man viel mehr Spielraum zur selbständigen Wahl des Zeitpunktes, klappt das mit dem Anziehen ohne Hilfe. Das gilt vor allem für zu Hause. Ich gestatte meinen Kindern grosse Freiheiten, was in der Kleinfamilie auch gut durchführbar ist. Im Kindergarten geht es oftmals nicht (nur) um persönliche Ideen, sondern um Aufträge – ein verbindlicher Lehrplan. Sich auf fremde Ideen einzulassen ist bedeutend anspruchsvoller. Sie entsprechen nicht immer dem persönlichen Fokus. Nach der Monotropismus Hypothese ist es herausfordernd, ein Kind für Lerninhalte ausserhalb seiner persönlichen Interessen zu motivieren. Damit die Aufmerksamkeit dennoch auf fremdbestimmte Aktivitäten gelenkt werden kann, ist eine Reduktion der Komplexität und Überblick durch Verlangsamung und System schier ein Muss.

Dennoch sollte keine Parallelwelt erschaffen werden. Immer wieder muss reflektiert werden, ob eine Hilfestellung in einer Situation noch nötig ist und ob ein Transfer in anderen Situationen vollzogen werden kann. Kann man die senkrechte Leiter im Kindergarten bewältigen, heisst das nicht unbedingt, dass alle senkrechten Leitern von nun an bewältigt werden können. Bei uns geht das soweit, dass das Rutschen auf der Rutsche vor unserem Haus im Herbst irrsinnig Spass bereitet, und im kommenden Frühling durch eine Winterpause mit Eis und Schnee wieder neu angebahnt werden muss. Wohl aber geht das Adaptieren um einiges schneller. Alles, was das Kind schliesslich mit immer weniger Unterstützung kann, steigert die Eigeninitiative. Ein selbständiges Kind ist selbstbewusster. Rutschen ohne Mama gleich daneben, macht vielleicht doppelt Spass – sie muss ja nicht immer alles wissen, z.B. in welchen Rutschpositionen es klappt oder was man auch noch alles die Rutschbahn runter rutschen oder rollen oder kullern oder gar mit dem Gartenschlauch plätschern lassen kann 🙂 .

 

Life Hacks

… mit je einem Beispiel:

 

  • Verlangsamung durch visuelle Strategien. Besser als “zu sagen”, was oft zu schnell geht, ist rasch zu skizzieren, was gilt.
    • Was muss ich nun holen für die nächsten Auftrag?

 

    • “Bitte hole das Grafomotorikblatt, das Malerklebeband und Neocolor.”

 

 

 

  • Einen taktilen Impuls geben, um eine Aktivität überhaupt starten zu können.
    • Als mein kleiner Sohn in der Spielgruppe war und ihm fiel plötzlich die Banane runter beim Znüni, konnte er diese irgendwie nicht selber aufheben und wieder auf den Tisch legen. Er verzweifelte kurz. Mit dem jetzigen Wissen von unserer Ergotherapeutin, würde ich mich hinter ihn stellen, meine Hände um seine legen und zusammen danach greifen… (Allenfalls würde schon nur das Strecken in die Richtung genügen.)

 

  • System zur Durchschaubarkeit von Abläufen etc.
    • Bei uns eignet sich z.B. kurz aufzuzeichnen: jetzt – danach. Denn danach kommt was richtig Tolles 🙂 . (Vielleicht brauche ich “davor” auch einfach ein bisschen Zeit, um Kuchen und Kaffee für den Besuch parat zu machen.)

 

    • “Jetzt musst du im Zimmer spielen – danach kommt die Patentante und du darfst mit ihr zusammen Rasen mähen.”

 

 

 

(Natürlich lassen sich diese drei Life Hacks nicht akkurat voneinander trennen, ist doch auch das Führen Anleitung für ein System oder Abläufe skizzieren sowohl System als auch visuelle Strategie zur Verlangsamung etc.)

 

Ein paar Montessori Life Hacks aus dem Dokumentarfilm

… mit Beispielen aus dem Film und auch solchen von mir:

 

  • Sensible Phase – genannt `absorbierender Geist` – beim Schopf packen.
    • Zum Beispiel bei einer Hyperlexie – Kind darf sich Büchern widmen, wenn es will. Keine Angst etwas vorweg zu nehmen.

 

  • Altersgemischte Gruppe nutzen.
    • Kinder helfen anderen Kindern intuitiv nur dann, wenn etwas wirklich nicht selbständig bewältigt werden kann.

 

  • Am Rhythmus des Kindes, dessen Zielen und Spontanität orientieren.
    • Will ein Kind den ganzen Morgen lang mit Wasser experimentieren, dann darf das sein – kein starres Programm. Flexibilität zugunsten des Kindes.

 

  • Umfeld ohne Hürden schaffen – kein sensorischer Overflow, Bewegung erlaubt, Ruhe ein Muss.
    • Weniger ist mehr. Arbeitsmaterial wird bewusst parat gestellt. Anderes im Keller verräumt.

 

  • Aufmerksamkeit durch Interessen wecken und aufrecht halten.
    • Interessen des Kindes sind bei Autismus noch viel wichtiger zu beachten. Es ist möglich, dass ein Lehrplan nur Chancen hat, wenn er in diese verpackt wird. Liebt ein Kind das Backen – dann Mathe-Kuchen, Rezepte lesen, andere Kulturen haben andere Essgewohnheiten…

 

  • Handelnd lernen – und nicht (nur) `oberflächlich` durch Zuhören/Zusehen
    • Zuhören/zusehen ist rasch wieder verflogen. Eine Handlung hat eine Gefühlsbedeutung und bleibt dadurch. Maria Montessori findet beispielsweise auch den Duftsinn wichtig. Erinnern wir uns an Weihnachtsdüfte – Bienenwachskerzen, Zimtsterne, Tannenäste… Unvergesslich.

 

  • Aktiv beobachtende Lehrperson mit Gefühl, wann Unterstützung des (autodidaktisch lernenden Kindes) angesagt ist etc.
    • Unterstützung nur da, wo nötig, ist anspruchsvoller, als immer zu helfen. Und dauert länger. Es braucht in der Begleitung eines Kindes im Autismus-Spektrum Zeit und immer wieder (teils unkonventionelle) Lösungen. Das ist anspruchsvoll und sehr spannend und hat nichts mit `das Kind sich selber überlassen` zu tun.

 

 

 

Literaturliste

Castenada, C., Hallbauer, A. (2013). Einander verstehen lernen. Ein Praxisbuch für Menschen mit und ohne Autismus. Kiel: Holtenauer Verlag.

Häussler, A. (2018). Sehen und Verstehen. Visuelle Strategien in der Förderung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung. Stuttgart: Kohlhammer.

Theunissen, G. (2014). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.

Theunissen, G. (Hrsg.) 2016. Autismus verstehen. Aussen- und Innensicht. Stuttgart: Kohlhammer.

Das Prinzip Montessori. DIE LUST AM SELBER-LERNEN. Ein Dokumentarfilm von Alexandre Mourot. Good!movies

Anleitung unserer Ergotherapeutin in Anlehnung an das Affolter Modell

 

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