
Ich bin nicht laut. Ich bin einfach ganz da.
Meine Sensibilität ist keine Zartheit, sondern Präsenz.
Ich nehme auf, was andere überhören,
und manchmal hallt es durch mich hindurch,
bis es mich selbst erschüttert.
Manche Menschen finden das schön – sie nennen es Tiefe,
weil sie spüren, dass ich mit allem schwinge, was lebt.
Andere nennen es anstrengend,
weil sie in meiner Resonanz plötzlich sich selbst hören.
Ich habe aufgehört, mich dafür zu entschuldigen.
Ich bin nicht zu viel – ich bin nur ungedämpft.
Wer mitschwingt, fühlt sich lebendig.
Wer sich schützt, nennt es anstrengend.
Beides darf wahr sein.
Ich musste 49 Jahre alt werden, um das zu verstehen. Und auch das nicht aus eigener Kraft:
«Die Perimenopause screent uns sowieso. Und wer die Botschaft darin nicht versteht, so wie ich, bekommt sie in der Postmenopause mit Nachdruck.» – Sachendenker
Ja, dieses Screening offenbarte mir mein letztes Geheimnis. In der Menopause verändern sich die Hormone, und Dopamin braucht Östrogen – sonst können neurodivergente Symptome ins Masslose wachsen. Plötzlich konnte ich mich überhaupt nicht mehr regulieren, und meine Amygdala schlug bei jeder leisesten Irritation Alarm. Ich war im Dauerstress und eigentlich ausser Gefecht gesetzt. (…) Das war das letzte Puzzleteil. Autismus habe ich nicht – aber ein zünftiges ADS. Und mit dieser Erkenntnis ordnet sich plötzlich alles – von der Kindheit voller Gefühl bis zur Reizüberflutung der Gegenwart.
Das alles hätte nicht so weit kommen müssen, hätte ich früher bemerkt, dass ich nicht einfach hochsensibel bin, sondern tatsächlich ein ausgeprägtes ADS habe. Vielleicht habt ihr es ja schon gemerkt – an meinem Schreibstil. Einen klaren Aufbau gibt es bei mir selten. Da ist ein Gedanke, und von dem lasse ich mich tragen und alles aufbauen. Ich geniesse das Schreiben genau durch diesen Flow.
Manches, was ich hier schreibe, habe ich schon gefühlt, aber nicht verstanden – dass es auch zu mir gehört. Rejection Sensitivity zum Beispiel oder das neurodivergente Burnout. Vielleicht verstehe ich manches, weil ich meinen Gefühlen so ausgeliefert bin – und vielleicht entgeht mir auch manches genau aus diesem Grund.
«Auf dem 6. Weltkongress wurde deutlich, dass ganz offensichtlich das Hauptproblem bei AD(H)S die Affektlabilität und emotionale Impulsivität ist.»
– Cordula Neuhaus verweist hiermit auf eine Bemerkung von Luis A. Rohde, die sie in diesem Zusammenhang aufgreift.
Aber eben – ich optimiere mein Wechseljahr-ADS-Dopamintief nun mit Progesteron und Östrogen. Und ich fühle mich einfach nur noch gut. Ich bin meinen Gefühlen nicht mehr unerträglich ausgeliefert – sondern einfach so, wie es für mich normal ist. Und zu wissen, dass auch das nicht «normal» ist, aber nicht meine Schuld, ist sehr versöhnlich.
Ich gehe mein Leben durch und verstehe das kleine Mädchen, die Teenagerin, die Ehefrau, die Mutter – und nun die Frau in der Menopause. Da ist ein Muster. Es gibt also einen Grund – ich habe einfach andere Bedingungen.
Ich verstehe meine Eltern, die durch mich eine nicht ganz einfache Aufgabe hatten und mir mit viel Struktur und Liebe durchs Leben halfen.
Ich verstehe meinen Mann, der mir mit seiner Coolness allen Stress nahm und nimmt und mich trotz all meiner vielen Emotionen mit so unendlich viel Resonanz nach wie vor toll findet – genau so, wie ich bin. (Ja, er ist mein Sechser im Lotto.)
Heute darf ich bei mir ankommen. Ein Geheimnis wurde gelüftet.
Und wie ihr vielleicht ahnt: Natürlich lese ich schon das vierte Buch über AD(H)S und Frauen. Neugierig wie immer – vielleicht auch suchend. Ich will verstehen, was all die anderen schon zu ahnen scheinen, und blättere mich durch Erfahrungen, die sich anfühlen wie meine.
Ich will mein Leben rückblickend verstehen. Darum lese ich – Wort für Wort zurück zu mir. So erklärt sich mir das Schwere und das Schöne zugleich.
Denn wer den Gefühlen ausgeliefert ist, erlebt alles tiefer. Den Schmerz schärfer. Die Schönheit leuchtender.